„Das Mittelmeer: ein Friedhof“

Flavio Di Giacomo, Ausgabe III/2009, Good Morning America. Ein Land wacht auf



Vor Europas Küsten ertrinken massenhaft Migranten. Ein Gespräch mit Flavio Di Giacomo, Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Rom, über Leichen an Urlaubsstränden

Wie viele Migranten sind bereits ertrunken?
Manche Schätzungen liegen bei 15.000 Migranten, die bei der Überfahrt von Afrika nach Europa ertranken. Die Dunkelziffer ist riesig. Wir können nicht alle Toten zählen. Oft wissen wir gar nicht, dass Boote unterwegs sind. Wenn eines untergeht, ist es sehr schwer, die Leichen zu finden. Das Mittelmeer wird zu einem Friedhof.

Wie wirkt es auf Touristen, wenn vor ihren Lieblingsstränden Wasserleichen treiben?
Wenn beispielsweise bei Lampedusa Leichen herausgefischt werden, dann an einem Teil des Piers, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Die Touristen bekommen davon also nichts mit.

Die Toten können die Urlaubsfreude nicht trüben?
Nein. Vor ein paar Jahren hatte ich ein sehr eindrückliches Erlebnis. Touristen verließen den Hafen von Lampedusa für eine Tour um die schöne Insel. Da kam ihnen die Küstenwache mit einem Boot voller Migranten entgegen. Die beiden Boote kreuzten sich und die Touristen schossen Fotos. Die fanden das einfach exotisch.

Wie haben Sie selbst gestrandete Migranten erlebt?
Diese Menschen haben nichts, wenn sie an Europas Küsten landen. Nur die Kleider an
ihrem Leib. Manchmal sind sie dehydriert und in sehr schlechter körperlicher Verfassung. Es deprimiert mich zu sehen, wie sie in beschädigten Booten ihr Leben riskieren.

Wer nimmt die gefährliche Überfahrt auf sich?
Meistens reisen Männer, seltener Frauen. Manche Migranten sind noch minderjährig. Aber wir haben eine interessante Beobachtung gemacht, als wir die Zahl der Ankömmlinge in Lampedusa 2007 und 2008 verglichen haben. Im vergangenen Jahr kamen zehnmal so viele Frauen aus Subsahara-Afrika auf die Insel wie vor zwei Jahren.

Welche Gründe vermuten Sie dafür?
Wir fürchten, dass diese Frauen potenzielle Opfer von Prostitution sind. Sie erzählen immer die gleiche Geschichte: dass sie für die Reise nicht bezahlen, sondern ein guter Mann das für sie übernimmt. Mithilfe der Behörden klären wir die Frauen über Risiken auf. Wir wissen auch, dass Migrantinnen sich manchmal auf der Reise von Nigeria nach Libyen prostituieren, um für die Überfahrt zu „zahlen.“

Sollte man Urlauber stärker mit diesen Problemen konfrontieren?
Das Problem sind nicht die Touristen, die nur fünf Tage bleiben, sondern die öffentliche Meinung. Da sind Migranten nur Zahlen. Die Leute haben keine Vorstellung davon, warum diese Menschen ihr Land verlassen und wie sie leiden. Auch die Italiener sind nicht glücklich über die Migranten – schon gar nicht in der Krise.

Was hat sich mit der Finanzkrise verändert?
Die Menschen sorgen sich mehr um Jobs und ihre Sicherheit. Sie betrachten Migration zunehmend als Invasion. Diese Menschen sind aber in der Regel keine Kriminellen. Sie flüchten vor schrecklichen Lebensbedingungen und brauchen Hilfe. So wie sie träumen wir ja alle von einem besseren Leben.

Das Interview führte Carmen Eller

 

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