„Das neue Amerika gibt es nicht“

Irene Dische, Ausgabe III/2009, Good Morning America. Ein Land wacht auf



Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Irene Dische über das Versagen der Intellektuellen und den Mythos der Meinungsfreiheit

Die Heldin Ihres neuen Buchs „Clarissas empfindsame Reise“ tourt während des Wahlfrühlings 2008 von Liebeskummer getrieben durch die USA und projiziert ihre Träume auf Obama. Geht das derzeit noch vielen Amerikanern so?
Das glaube ich nicht. Es sind die Europäer, die sich Obama als Projektionsfläche vorstellen. Aber das entspricht nicht meiner Erfahrung. Ich war als Wahlhelferin für Obama im Süden der Staaten, wo ich mich nicht auskannte. Das war für mich wie Afrika. Ich musste Sprache und Sitten neu lernen. Erst einmal sagt man dort nicht „hello“, man sagt „God bless you“. Anstatt „good bye“ sagt man „Jesus loves you“. Ich bin in New York aufgewachsen und habe mich immer in europäisch angehauchten Metropolen und unter gebildeten Leuten aufgehalten. Ich bin nie mit solchen Menschen zusammen gewesen: weiß, arm, ungebildet. Christlich mit Südstaatenakzent.

Wie haben Sie Politik dort erlebt?
Ich hatte jedes Vorurteil über diesen White Trash. Nach einiger Zeit habe ich aber zu meinem Schrecken festgestellt, dass diese Leute mehr über die politische Situation und das, was sie eigentlich wollen, nachgedacht haben als ich. Diese Leute haben die Reden von Obama im Internet gelesen und haben sich dann überlegt: Den wähle ich. Das war ein viel größerer Denkprozess als in New York.

Weil sich die Leute im Süden mehr von Obama erhofften?
Nein, sie erhofften sich nicht mehr. Ihre Situation hatte sich einfach dadurch, dass sie George W. Bush vertraut hatten, verschlimmert. Ihr Vertrauen war dahin. Und der republikanische Kandidat John McCain war für sie sozusagen Bush – nur älter. Und da haben sie gesagt: Nein!

Sie sahen in Obama also keinen Messias?
Nein. Ich war für den SPIEGEL im August 2008 auf der Versammlung der Demokraten in Denver, Colorado. Das politische Ressort hatte auch ein paar Mitarbeiter dorthin geschickt. Unsere Berichte haben sich total widersprochen und ich bekam ein Ausfallhonorar. Was das politische Ressort geschrieben hatte, sagte mir dann auch hinterher jeder Deutsche: Obama ist der Messias, die dumme blinde Hoffnung. Im Gebäude, wo sich die ganzen Ausschüsse trafen, war alles ganz anders als in der Haupthalle. Im Bauernausschuss etwa sahen die Leute einfach, dass Obama die Bereitschaft besaß, ihnen zuzuhören. Er war für sie nicht der Messias. Da spielten eher praktische Dinge eine Rolle. Sie haben Obama als jemanden gesehen, der ihnen von Nutzen sein kann.

Gibt es das „neue Amerika“, von dem so viele reden, also gar nicht?
Nein. Aber trotzdem haben riesige Veränderungen stattgefunden.

Welche konkreten Veränderungen beobachten Sie?
Ein Beispiel: Als Wahlkampfhelferin wurde ich auch in die schwarzen Gegenden geschickt. Da waren wir immer zu zweit, weil es wirklich ein hartes Pflaster war. Dort traf ich unter anderem auf eine sehr konservative Lehrerin. Sie war vielleicht 35 Jahre alt und hatte immer Bush gewählt. Ihrer Aussage nach hatte sie durch großes Glück die schlechteste Grundschule in einer schlechten Stadt erwischt: Orlando. Dort sind alle Eltern drogenabhängig und schon Siebenjährige hantieren mit Schusswaffen. Zwei Jahre vor der Wahl ist dann ihr Auge auf Obama gefallen. Sie sagte sich: Wenn so jemand im Amt wäre, würde das „meinen“ Kindern gut tun. Und dann fing diese Republikanerin an, für Obama zu arbeiten. Später erzählte sie mir, dass die schwarzen Jugendlichen aus den Prob-lemvierteln zwei Wochen nach der Wahl alle in kleinen Anzügen herumliefen. Obama hat ihnen eine Perspektive gegeben. Plötzlich hatten sie jemanden, mit dem sie sich identifizieren konnten. Viele Schwarze haben sich anders gefühlt. Und ich denke, auch viele Weiße.

Glauben Sie, Obama wird das Bild, welches das Ausland von den USA hat, nachhaltig verändern können?
Ich hoffe doch. Weil Obama ein Schwarzer ist, kann man jetzt nicht mehr so schnell sagen: „Ach, das rassistische Amerika.“ Amerika zu hassen ist ein klein bisschen schwieriger geworden.


War der Sieg von Obama auch ein Zeichen dafür, dass die Einwanderer in den USA einen größeren Einfluss haben?
Ich halte das für Quatsch. Es ist altbekannt, dass Immigranten meistens konservativ wählen, nicht liberal. Ich habe das auch an meinen Großeltern gesehen. Im Großen und Ganzen sind die Einwanderer eine sehr konservative Gemeinschaft.

Welche Rolle spielen heute die Intellektuellen in den USA?
Die Intellektuellen in Amerika sind eigentlich diejenigen, die versagt haben, und diejenigen, die ich verantwortlich mache für das, was unter Bush passiert ist. Ich erinnere mich, dass der Journalist und Schriftsteller Ian Buruma nach dem 11. September eine Rede gehalten hat, dass in den Irak einmarschiert werden soll, weil es dann in puncto Freiheit einen Dominoeffekt in den arabischen Ländern geben würde. Ian Buruma und ich waren einmal richtig befreundet. Ich ging zu ihm und sagte: „Glaubst du inzwischen an die gute Fee und andere Märchen? Was erzählst du denn da?“ Ich verstehe ja nichts von Politik, aber es war leicht zu verstehen, dass Buruma da träumt.

Sie vermissten unter Intellektuellen den kritischen Geist?
Die Intellektuellen waren einfach patriotisch. Mein Freund Art Spiegelman beispielsweise konnte seine kritischen
Cartoons zu Bush nicht mehr im New Yorker veröffentlichen. Der Chefredakteur David Remnik hat zu Spiegelman gesagt: „Jetzt ist nicht die Zeit, unseren Präsidenten zu kritisieren.“ Zwei Jahre später hat er aber selbst dauernd gegen Bush geschrieben. Das sind Opportunisten.

Herrscht jetzt mit dem neuen Präsidenten Obama eine Aufbruchstimmung unter den Intellektuellen?
Sagen wir so: Unsere Intellektuellen sind anpassungsfähig. Es ist nicht wie in Deutschland, wo man das Gefühl hat, dass eine offene Diskussion stattfindet. Ich habe eine simple Theorie: Die Intellektuellen in Amerika sind verängstigt, ehrgeizig und unkollegial. Der Normalmensch dagegen ist unglaublich großzügig, neugierig und aufgeschlossen. In Deutschland ist es umgekehrt: Die Intellektuellen sind aufgeschlossen, neugierig und großzügig. Die Leute auf der Straße aber sind ängstlich und konzentrieren sich auf ihre Jobs.

Obwohl Sie seit über 30 Jahren in Deutschland leben, betrachten Sie die USA als Ihre Heimat. Lieben Sie Ihr Land?
Ich weiß eigentlich nicht, wie das gehen soll. Erst einmal ist es so ein Riesenland. Die Leute dort sind sich ihrer Herkunft sehr bewusst. Die Italiener beispielsweise sind patriotisch, wenn es um italienische Dinge geht. Jeder hat seine Wurzeln woanders. Da ist Patriotismus schwer. Nach dem 11. September habe ich von Hippokrates, dem ersten Arzt, der Prosa über Krankheiten geschrieben hat, seine wunderschöne Sprache abgeguckt und in einer Erzählung über den Patriotismus geschrieben: „Vaterlandsliebe – eine Krankheit, vier Verläufe – nach Auszügen aus den hippokratischen Epidemien“. Da gibt es vier Fälle von richtig argem Patriotismus und es wird beschrieben, wie sich die Menschen von ihm erholen. Die Sache mit dem Irakkrieg war für mich so eine sehr unangenehme Art von Patriotismus oder Nationalismus.

Das klingt so, als ob Sie Patriotismus grundsätzlich ablehnen.
Patriotismus ist zweifellos ein Fluchtort. Das finde ich wiederum vollkommen legitim. Ich selbst würde meinen US-amerikanischen Pass auch nie aufgeben. In dieser Hinsicht bin ich selbst patriotisch.

Welche Idee hält die USA heute zusammen?
Die Amerikaner kultivieren einen Mythos, das ist die Meinungsfreiheit. Aber die gibt es ja bei uns schon lange nicht mehr. Man kann in den USA nichts schreiben, was anstößig ist. Daran hat auch der neue Präsident Obama nichts geändert.

Gilt das für alle Medien?
Das Fernsehen ist okay, viel besser als in Deutschland. Die ganze Opposition zu Bush fand dort statt. Die Literatur ist erbärmlich. Dort will man immer alles keimfrei machen, weil in den USA niemand mehr Bücher kauft. Die Verlage sind abhängig davon, dass Bücher von Bibliotheken erworben werden. Und die Bibliotheken kaufen nichts, was anrüchig ist. In meinem Roman „Großmama packt aus“, der sich in Deutschland 700.000 Mal verkauft hat, enthält der erste Satz im Deutschen das Wort „Spermiendichte“. Da haben sie mir in den USA gesagt: Das geht nicht im ersten Satz. Da würden die Bibliothekare das Buch nicht kaufen. Das ist ärgerlich und ein bisschen absurd.


Das Interview führten Carmen Eller und Rosa Gosch

 

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