Masse statt Klasse

Timothy W. Donohoe, Ausgabe III/2009, Good Morning America. Ein Land wacht auf



Kulturkampf um New Yorks Architektur: Was passiert, wenn einer Stadt preiswerter Wohnraum fehlt

Wenn Europäer an New York denken, dann denken sie vor allem an Manhattan. Tatsächlich aber leben die meisten New Yorker, vom Sanitärinstallateur zum Kaufmann, vom Schullehrer zum Börsenmakler, in den „Outer Boroughs“, den Außenbezirken der Metropole. Diese Stadtteile sind im Gegensatz zu dem Bild, das in vielen Hollywoodfilmen gezeichnet wird, nicht kriminell oder chaotisch, keine No-Go-Arreale für Weiße, sondern aufgeräumt und mit Bauten aus vier Jahrhunderten amerikanischer Architektur geschmückt. New York enthält mehr historische Viertel als jede andere Großstadt der USA und ein guter Teil liegt in Brooklyn, Queens, auf Staten Island und in der Bronx. Vor 50 Jahren standen noch über 60 altniederländische Landhäuser in Brooklyn, heute sind es allerdings weniger als 20. Ganze Straßenzüge dieser Häuser im Queen Anne-, Tudor- und Arts-and- Crafts-Stil werden jährlich abgerissen. 


Warum? Entwicklung, sagen die einen, andere machen die vor Kurzem geplatzte Immobilienblase verantwortlich, die Einwanderung, Spekulation, Gier oder schlichtweg die Ignoranz gegenüber dem kulturellen Wert dieser Architektur. Schätzungen zufolge wird New Yorks Bevölkerung innerhalb der nächsten zwei Dekaden von acht auf neun Millionen Einwohner ansteigen. Aber wohin mit den Zugezogenen? Manhattan ist voll. Die Vororte Manhattans sind für die meisten Neuankömmlinge, die aus Entwicklungs- und Schwellenländern stammen, zu teuer. Übrig bleiben nur die „Outer Boroughs“. Der Druck, zahlreiche günstige Wohneinheiten zu schaffen, kommt von der Dienstleistungsindustrie und den mittelgroßen Unternehmen, die nach billigen Arbeitskräften verlangen. Die Arbeitnehmer des Niedriglohnsektors kommen aus Süd- und Ostasien, zum Teil aus dem Nahen Osten und der Karibik. Sie träumen vom besseren Leben, von Geld und Aufstiegschancen. Eine saubere, moderne Wohnung hat dabei oberste Priorität. 


Doch genau darin liegt auch das Problem: Die Außenbezirke bieten zwar genügend Wohnraum, der für das Einkommen dieser jüngsten Einwanderungsgruppen jedoch zu teuer ist. Historische Häuser sind groß, teuer zu heizen und zu kühlen und müssen aufwendig instand gehalten werden. Die Alteingesessenen in den Außenbezirken betrachten ihre Gegend zudem als unberührbares Ganzes, erbaut in Zeiten, in denen Architekten und Bauherren gleich großes Interesse am attraktiven Äußeren ihrer Nachbarschaften hatten. Diese älteren Einwohner fühlen sich verunsichert von den neuen Einwanderern, Menschen mit geringen Einkommen und schlechten Englischkenntnissen. Zahlreiche Alteinwohner wollen die neueste Entwicklung ihres Bezirks nicht mehr miterleben und verkaufen ihr Anwesen. 


Und dann gibt es noch die Bauunternehmer, die in der Erwartung der nächsten Einwanderer leerstehende Häuser aufkaufen, abreißen und Fertigplattenbauten hochziehen. Hunderte solcher Einheiten werden jährlich gebaut. Die Gewinnspanne ist riesig: Wo früher eine Familie wohnte, entstehen acht und mehr getrennte Wohnbereiche. In den „Outer Boroughs“ ist aufgrund der Abrisse ein Kulturkampf ausgebrochen, die Verteidiger des Bezirks auf der einen, die Bauunternehmer auf der anderen Seite, die zuletzt eingewanderten Bürger in der Mitte, zu Unrecht beschuldigt oder opportunistisch umworben.


Im Internet finden sich Vertreter aller Positionen. Der Journalist Kevin Walsh dokumentiert auf www.forgotten-ny.com die Veränderung der Stadt. Auf queenscrap.blogspot.com werden Bauunternehmer und der Ausverkauf an den Pranger gestellt. Der Pfarrer Dennis Dillon versucht auf www.dddb.net (Develop Don’t Destroy Brooklyn) zwischen Anwohnern und Baufirmen zu vermitteln und Wendy Takahisa und Christopher Kui unterstützen asiatische Einwanderer beim Bau nüchterner Nutzarchitektur unter www.aafe.org (Asian Americans for Equality).


Vielleicht wird am Ende weniger das Engagement der Anwohner als die Finanzkrise dafür sorgen, dass ein größerer Teil von New Yorks Bausubstanz gerettet wird: Es fehlt schlicht an Investitionskapital. Und ja, selbst in Manhattan ist man mittlerweile auf die Abrisswelle aufmerksam geworden: Gleich vier dort ansässige Organisationen setzen sich für den Erhalt historischer Bauten ein. Manhattan scheint seine zu Unrecht ein wenig vergessenen Geschwister endlich mehr zu beachten und den biografischen Wert ihrer Architektur anzuerkennen.
 

Aus dem Englischen von Adina Mohr

 

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