Neu verwurzeln

Michael Müller-Verweyen, Ausgabe III/2008, Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien



Wie aus einem Kolonialstaat ein eigener Staat wird: das Beispiel Nigeria

Der nigerianische Schriftsteller Wole Soyinka, der erste Vertreter der afrikanischen Literatur, dem der Nobelpreis zuerkannt wurde, bekennt sich in seinen soeben auf Deutsch erschienenen Erinnerungen zu Baustellen: „Baustellen empfinde ich meist als inspirierende Räume, wirkungsmächtig mit ihren noch unfertigen Formen.“ Einem solchen Fasziniertsein von dem verborgenen Plan hinter der Konstruktion konnte man sich nach 1989 auch in Berlin nicht entziehen. Für die nigerianische Hauptstadt – und diese ist nicht Lagos, die Handelsmetropole an der Küste, sondern Abuja, zentral im Landesinneren gelegen – trifft das sicher ebenfalls zu. Berlin und Abuja sind sehr verschieden, aber sie teilen auch eine Gemeinsamkeit: Beide sind 1991 aufgrund von politischen Entscheidungen zu Hauptstädten geworden, und beide mit dem dezidierten Auftrag, die Einheit der Nation herzustellen. Beauftragt, ihre Hauptstadt Abuja einer fotografischen Bestandsaufnahme zu unterziehen, lieferten die beiden nigerianischen Fotografen ‘Muyiwa Osifuye und Uchechukwu James-Iroha das gleiche Bild ab: das nationale Fußballstadion, das einen vom Flughafen kommend unumgänglich am Eingang der Stadt begrüßt. Die Deutschen haben, wenn sie von ihrer Nation sprechen, eher das Brandenburger Tor, den neuen Reichstag, die Museumsinsel oder andere geschichtliche Bauten im Sinn. Damit kann Abuja nicht aufwarten. Es ist eine aus dem Grünen gestampfte Stadt, im Sinne der Ansprüche jedes der drei dominierenden Volksstämme Yoruba (im Süden), Igbo (im Osten) und Hausa (im Norden) auf neutralem Boden errichtet, und teilt mit anderen am Reißbrett entstandenen Städten wie Shenzhen in Südchina oder Brasilia den Eindruck der Weitläufigkeit. Wie die Stadtplanung aussieht, wird Abuja eine Stadt der Hochhäuser und keine der Fußgänger. Und man teilt die Vorlieben für Baumaterialien, die international gefragt sind: goldene Säulen, feinster Stahl, viel Glas, gerne auch verspiegelt. Der gezeigte Stolz sei gegönnt, aber wie geht das zusammen – eine Hauptstadt, die den politischen Auftrag hat, Einheit über alle ethnischen, religiösen und sozialen Grenzen und blutigen Konflikte hinweg herzustellen, zugleich aber keinerlei Bezüge auf die Geschichte seiner Bürger erlaubt. Der ZEIT-Journalist Klaus Hartung spricht bei einem Besuch in Nigeria von der Unmöglichkeit, eine Hauptstadt auf Neutralität zu gründen. Insofern verweist er auf etwas, das Bauten nicht allein zu leisten vermögen: Es bedarf eines Diskurses über die gemeinsamen Wurzeln, Konflikte und Hoffnungen, damit das, wofür Abuja steht, sich tatsächlich einstellt: nationale Einheit. Für einen solchen Diskurs bringt Nigeria mit seinem gut entwickelten und selbstständigen Pressewesen gute Voraussetzungen mit. Aber er braucht Zeit.Der Kurator der documenta 11, der in New York lebende Nigerianer Okwui Enwezor, hat 2001 eine historische Ausstellung, die vom afrikanischen Standpunkt aus auf die Moderne sieht, kuratiert. Sie trägt den Titel: „The Short Century“. Warum soll es sich für die Länder des afrikanischen Kontinents beim 20. Jahrhundert um ein „kurzes Jahrhundert“ gehandelt haben? Während im 19. Jahrhundert die europäischen Länder ihre Nationenbildung vollzogen, standen den Ländern Afrikas dafür gerade mal gut 50 Jahre im 20. Jahrhundert zur Verfügung. 1945 war für Afrika ein entscheidendes Jahr. Vom Panafrikanischen Kongress, der 1945 in Manchester stattfand, gingen die entscheidenden Anstöße zur Dekolonisierung und Unabhängigkeit der Staaten aus. Danach waren Kolonialherrschaft und Rassendiskriminierung nicht mehr zu halten. Der Kampf um das Recht, Rechte zu haben, war entschieden. Die Überwindung der Kolonialisierung zielte dabei zuallererst auf die Befreiung aus politischer Bevormundung und wirtschaftlicher Abhängigkeit. Heute hat Nigeria die Militärdiktaturen hinter sich gelassen. Es hat nach dem Übergang zu zivilen Regimen nach 1998 bereits zweimal einen nicht auf einem Putsch, sondern auf Wahlen fußenden Machtwechsel erlebt: die Wiederwahl Obasanjos 2003 und, ganz wichtig für eine verfassungsrechtliche Stärkung der Demokratie in Nigeria, sein Verzicht, bei den Wahlen im April 2007, gegen die Bestimmungen der Verfassung, eine dritte Amtszeit anzustreben. Die Verfassung ist wichtiger als der Präsident – das war neu für Nigeria, das kannte man nicht. „Obasanjo ist es gelungen, das Militär in die Gesellschaft zu integrieren“, stellt Jahman Anikulapo, einer der Herausgeber der angesehenen nigerianischen Tageszeitung „The Guardian“, fest. Es war der entscheidende Schritt hin zur Demokratie, der unter Obasanjo getan wurde, sagt Anikulapo, denn die Militärs standen 1998 durchaus noch bereit, die Macht erneut zu übernehmen. Dies zu verhindern sei durch eine geschickte und mutige Personalpolitik gelungen, auch wenn der Weg zur weiteren Konsolidierung der Demokratie noch ein langer und risikoreicher sei. Die Wahlen zum jetzigen Amtsinhaber, Umaru Yar’Adua, waren alles andere als frei von Unregelmäßigkeiten: „Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen 2007 sind hinter elementaren internationalen und regionalen Standards für demokratische Wahlen zurückgeblieben“, so das ernüchternde Urteil der EU-Wahlbeobachtungskommission. Neben dem Prozess der politischen Demokratisierung geht es aber auch um eine Überwindung kultureller Herrschaftsformen. Eine Überwindung kultureller Fremdbestimmung wird sich mit Alternativen für die Dominanz europäischer Sprachen befassen müssen. Nicht zu unterschätzen ist dabei, dass eine positive Einstellung zur Muttersprache erst herzustellen ist. Dabei sind die Möglichkeiten der Sprachen Hausa, Igbo und Yoruba erheblich, kommt ihnen doch bereits jetzt über die nationalen Grenzen hinweg eine Rolle als regionale lingua franca zu, denn ihre Verbreitung stimmt keineswegs mit den Staatsgrenzen überein. Um dieses Potenzial zu heben, bedarf es sprachenpolitischer Fantasie, denn es berührt die Konstruktion der Nation: Keine der ethnischen Gruppen Nigerias wird die Sprache der anderen als nationale Sprache anerkennen – in dieser Hinsicht besitzt die Kolonialsprache Englisch den Vorteil, neutral zu sein. Um die kulturelle Fremdbestimmung zu überwinden, wird man ebenso anerkennen müssen, dass Gesellschaften ohne Schriftkultur, wie der Historiker Leonhard Harding schreibt, „weder geschichtslos noch stumm sind“. Dies stellt dann eine besondere Herausforderung dar, wenn man bedenkt, dass die Kulturen, die im Moment weltweit stark sind, indem sie etwa auf andere Kulturen „abfärben“, Schriftkulturen sind. Hier zeichnet sich eine Aufgabe ab, die Nigeria mit vielen anderen Staaten der sogenannten Dritten Welt teilt: Es geht um die Herstellung eines Subjekts für den Kulturaustausch. Nigeria hat 28 Nationalmuseen, denen im Prozess der Nationenbildung eine identitätsstiftende Rolle zukommt. Ihr Ansatz ist europäischen nationalen Museen durchaus vergleichbar. Das Nationale Museum in Benin – gemeint ist nicht die ehemalige französische Kolonie, sondern das nigerianische Benin im Bundesstaat Edo – besitzt nicht nur lokale Kulturgüter, sondern bezieht sich auf das Gemeinsame der Nation. Die Tradition des Sammelns, wie wir es aus Europa kennen, ist freilich etwas, das es in Nigeria nicht gibt, eine aktive Sammlungspolitik ist unbekannt. Entsprechend anders ist die Aufgabe der Museen in Nigeria: Es geht zunächst darum, den nationalen Kunstbestand zu sammeln, zu sichten und beieinander zu halten. Die ursprüngliche Idee des Museums, seine bewahrende Funktion, steht in Nigeria im Vordergrund. Hier gilt es, die Kunstgegenstände für die Vergewisserung der eigenen Geschichte zum Sprechen zu bringen. Die vom Museum für Völkerkunde Wien unter der Leitung von Barbara Plankensteiner erstellte Ausstellung „Benin – Höfische Kunst aus Nigeria“ leistet hier einen kaum zu überschätzenden Beitrag. Im Geleitwort des Katalogs schreibt der regierende König Benins, Omo N’Oba Erediauwa, wer sich diese Objekte ansehe, „wird (...) in jenen Seiten blättern, die aus dem Buch der Lebensgeschichte eines Volkes herausgerissen worden sind“. Wie organisiert sich eine Gesellschaft, die ihres zentralen Organisationsprinzips beraubt ist? Es sind nicht nur die Kulturgegenstände, die aus ihrem Kontext gerissen wurden, sondern auch der König: Die Eroberung des Königreichs Benin 1897 durch die Briten war der Raub des zentralen Ordnungssystems der Gesellschaft: des Königtums mit seinem System der Chiefs, das in seiner Funktion durch ein sich ausdifferenzierendes staatliches Verwaltungssystem im Nationalstaat Nigeria noch ein Substitut sucht. Die Wiederentdeckung dieser eigenen kulturellen Wurzeln könnte einen Demokratisierungsprozess voranbringen. Dabei mögen nigerianische Formen der Partizipation anders gestaltet und anders akzentuiert sein, als Demokratien nach westlichem Vorbild das vorgeben. Denn es geht um den Prozess, den Staat und seine Bürger zueinanderzuführen, mit dem Ziel, ein Verständnis einer sich demokratisch, an den Bürger gebundenen Ordnungsgewalt voranzubringen. So kommen nation-building und Demokratie zusammen: Es gilt den aus kolonialer Zeit geprägten Staat zum Staat der eigenen Nation zu machen. Das Zentrum der Nation ist aus einer Neutralität heraus nicht zu haben, weil ohne Rückbezug auf die Geschichte eine Zukunft nicht zu „bauen“ ist, umgekehrt ist die Positionierung der eigenen Sprache wie Kultur nur zu erreichen, indem man den souveränen Raum der eigenen Staatsgrenzen verlässt. Vor dieser Aufgabe steht Nigeria. Respekt und genaues Hinsehen sind bei dem Betrachter dieses Demokratisierungsprozesses, dieser – ich nehme das Wort von Soyinka auf – Baustelle, eher gefragt als urteilende Herablassung.


 

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