„Wir glauben an Waschmaschinen“

Hugo Hamilton, Ausgabe III/2007, Toleranz und ihre Grenzen



Heinrich Bölls „Irisches Tagebuch“ prägte das Irland-Bild der Deutschen. Zum 
 50. Jahrestag des Buchs ist der irisch-deutsche Schriftsteller Hugo Hamilton auf 
 Bölls Spuren durch Irland gereist und hat seine Eindrücke in „Die redselige Insel“ 
 festgehalten

Herr Hamilton, wofür steht der Titel Ihres Buchs„Die redselige Insel“?
 Das Reden hat in Irland eine lange Tradition. Jahrhunderte lang überlebte man nur mithilfe von Geschichten. In Irland wird immer geredet, über alles Mögliche. Und meist kommt dabei nichts heraus. 
 
Gibt es das Irland Ihrer Kindheit noch? 
 Irland hat sich in den letzten 50 Jahren enorm verändert. Aber die Atmosphäre, die etwa Böll beschrieb, ist geblieben. Für viele Deutsche war Irland nicht nur ein realer Ort, sie pilgerten auch zu einem literarischen Bild. In Irland fanden sie eine Leichtigkeit und Offenheit, die es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gab. Wenn man damals als Deutscher nach Irland fuhr und sah, wie leicht die Iren zum Reden zu bewegen waren und wie unbeschwert sie sangen, fühlte man sich zu Hause. Diese Leichtigkeit haben die Iren vielleicht immer noch. Und die Deutschen, die nach Irland kommen, sind weiterhin davon fasziniert.
 
Ihr Vater war ein national gesinnter Ire, Ihre Mutter eine deutsche Nazigegnerin. Was bedeutet Ihnen persönlich Bölls „Irisches Tagebuch“? 
 Ich bin ungefähr so alt wie das Buch und habe Bölls Irland erlebt, auch durch meine Mutter. Sie war nach dem Krieg nach Irland gekommen und hatte dort ganz ähnliche Erlebnisse wie Böll, der wie sie aus dem katholischen Rheinland stammte. Meine Mutter hat mir das Buch gegeben, als ich zehn oder elf war. Später kamen unsere deutschen Verwandten und wollten auch das Irland Bölls erleben. Die Iren dagegen lehnten das „Irische Tagebuch“ ab, weil es sie als sehr provinziell und arm beschrieb. 
 
Längst ist Irland eines der modernsten und reichsten Länder Europas. Halten sich die alten Klischees dennoch? 
 Böll beschrieb, was kaum ein Deutscher gesehen hatte. Damals gab es kein Irland-Klischee. Heutzutage ist es egal, wohin man reist, man reist immer in ein Klischee hinein. Deutsche kommen nach Irland, sehen überall Schafe und grüne Wiesen und fragen sich, ob das nicht das Klischee ist. Aber es ist eben auch das reale Irland. Oder dieses Irland war nie real. Die Iren lebten schon immer in der Fantasie. Sie haben eine sehr rege, auch religiöse Fantasie. Meine Theorie lautet, dass sie diese jetzt auf materielle Werte übertragen. Die Iren glauben neuerdings an Autos und Waschmaschinen. Aber wer will ihnen das vorwerfen. Sie müssen 800 Jahre Armut kompensieren. 
 
Wie steht es um die Heimat- und Naturverbundenheit, die viele Deutsche mit Irland verbinden?
 Letzteres ist ein großer Irrtum. Die Iren denken überhaupt nicht über die Natur nach. Sie umgehen Gesetze, wo sie können, um neue hässliche Häuser bauen zu können. Die alten, schönen Cottages haben sie verschwinden lassen, weil sie sie an die Armut erinnern. Wir haben zwar den Ruf der „Grünen Insel“, aber umweltbewusst sind wir nicht. In den 1970er Jahren herrschten in Irland und in Deutschland bürgerkriegsartige Zustände: Hier gab es die RAF, in Irland die IRA. Und die Polizei ging hier wie dort ähnlich hart gegen die Terroristen vor. Als die Troubles in Nordirland ausbrachen, war Irland schockiert. Als ich 1974 nach Deutschland kam und die RAF kurz darauf ihre brutalsten Aktionen durchführte, waren die Deutschen genauso schockiert. Aber ich habe auch den Unmut der Studenten mitbekommen, als ich in Berlin gearbeitet und jeden Tag erlebt habe, wie jüngere Leute mit älteren über die Kriegszeit diskutierten und sich gegenseitig beschimpften. 
 
Gab es in Irland einen ähnlich krassen Generationenkonflikt?
 Ich denke, der Generationenkonflikt war nirgends so groß wie in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Die jungen Iren emigrierten, wenn ihnen etwas an ihrem Land nicht gefiel. In den 1970er Jahren war es noch undenkbar, sich gegen die Gesellschaft mit ihrem strengen Katholizismus und so weiter zu wehren. In Deutschland hingegen taten die Jungen genau das: Sie wehrten sich gegen die Kriegsgeneration und ihre Prinzipien. 
 
Sie schreiben, das heutige Irland erinnere stark an das Deutschland der 1960er Jahre. Allerdings lehnen sich die jungen Iren immer noch nicht gegen „das System“ auf. Im Gegenteil, sie kommen sehr gut mit der Globalisierung zurecht. Warum ist das so? 
 Während der langen britischen Besatzung waren wir Teil der britischen Kultur, haben uns aber gleichzeitig auf uns besonnen. Wir haben erfahren, dass wir auch als kleines Land keine Angst vor der globalen Welt haben müssen, dass wir uns nicht verlieren müssen. Die Iren haben schon immer die Gabe besessen, die Weltkultur auf eine handliche Größe zu stutzen und sie ihrer Kultur anzupassen. Außerdem trauen sich Iren heute alles Mögliche, sie haben keine Angst, im Gegensatz zu den Deutschen. Die Iren haben eine enorme Lust auf Neues und wollen vor allem eines: nie wieder zurück in die Armut. 

Das Gespräch führte Jeannette Villachica

 

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