Blaues Gold

Rupert Neudeck, Ausgabe III/2007, Toleranz und ihre Grenzen



Der britische Umweltberater Fred Pearce entwickelt in seinem Buch „Wenn die Flüsse versiegen“ eine globale Perspektive auf die Wasserprobleme der Gegenwart und Zukunft

Die Politik der Zukunft heißt Natur. Man kann im Sinne von Fred Pearce auch sagen: Die Politik der Zukunft heißt Wasser. In Palästina und Israel, im Westjordanland und im Sinai ist mir das immer ganz klar geworden. Aber wie gewaltig die Wasserethik unsere Zukunft auf dem Planeten berührt, war mir vor der Lektüre nicht klar. 


 Das Buch ist die immer neue Variation einer einzigen Botschaft: Versündigt euch nicht am Wasser und damit an der Natur. Es ist wohl so, dass uns das Wasser und der Zugang zum Wasser als Menschenrecht erscheinen in der Moderne: „Deshalb darf es nicht immer zum Geld fließen, sei es bergauf oder ins Tal“, schreibt Pearce. Die Hochtechnologie wird uns nicht retten, eher das Gewährenlassen der Mutter Natur. Der Autor wagt die Prognose, dass das „Regensammeln im 21. Jahrhundert wieder seinen vorindustriellen Stellenwert in der Wasserversorgung zurückgewinnen wird, da es das Wasser dort bereitstellt, wo man es braucht.“ 


 Fred Pearce ist ein wissenschaftlicher Natur-Mystiker, der immer dann zufrieden und zukunftsfroh ist, wenn er über „einst“ oder „früher“ spricht, etwa die traditionelle Methode des Regensammelns, auch des Regenmachens, den Tautümpel, des Sammelns von Wasser in 20.000 Kellern in der indischen Region Gansu im Bundesstaat Gudsharat. Was einfache Menschen alles hinbekommen, wenn sie sich nur der Natur anvertrauen, das lässt den Autor jubeln: „Wenn einzelne Bauern Regenwasser sammeln und in den Untergrund fließen lassen, macht sich das im Grundwasser kaum bemerkbar. Doch wenn sich ein ganzes Dorf zusammenschließt, sind die Auswirkungen augenfällig.“ 


 Der Autor zeigt auf, welchen Respekt wir der Natur entgegenbringen müssen, wenn wir überleben wollen. Er ist dabei nicht pessimistisch: Wir haben alle Möglichkeiten, aus den Fehlern im Umgang mit der Natur zu lernen und es besser zu machen. In den meisten Fällen brauchen wir dazu keine weiteren und immer größeren technischen Anlagen. 


 Wenn wir vernünftiger mit dem Wasserkreislauf umgehen wollen, so Pearce, müssen wir den Gedanken aufgeben, „dass wir das Wasser aus der Natur abschöpfen und in Metallröhren oder hinter Betonwände sperren müssen, ehe wir es verwenden.“ Die Natur ist der ideale Wasserlieferant und kein Verschwender, der uns Wasser vorenthält. 


 Wir werden uns nur ernähren können, wenn wir wieder vernünftiger mit dem Wasser umgehen. Bis jetzt gehen zwei Drittel des Weltwassers in die Landwirtschaft, das aus den Flüssen und Grundwasserreserven der Welt entnommen wird. Dieser Anteil wird sinken. Wenn das Wasser knapp wird, hat der Anbau von Nahrungsmitteln immer schlechtere Karten. Die Nahrungsmittelproduktion soll bis 2025 aufgrund von Wassermangel um 350 Millionen Tonnen pro Jahr zurückgehen. Diejenigen, die darunter leiden, werden die Armen sein. Wir in Europa, den USA, in Kanada und Australien werden uns die Nahrungsmittel immer leisten können. 


 Zum Zerbersten eindringliche Fallstudien aus der Vergangenheit des gefährlichen Raubbaus mit dem Wasser, mit den Flüssen, mit der Umbettung der Flüsse liefert dieses dichte Buch, das aber in keinem Fachjargon geschrieben ist. 


 Der Jonglei-Kanal im Sudd im Süd-Sudan symbolisierte seinerzeit die Entwicklungseuphorie, mit der die westliche Welt meinte, in Afrika zu ganz großen Lösungen zu kommen. Der sudanesische Sudd ist das zweitgrößte Sumpfgebiet der Erde. Der Sudd erstreckt sich über einen großen Teil des Süd-Sudans, am Weißen Nil. 1978 begann eine der gewaltigsten industriellen Manipulationen an diesem Naturhaushalt: Eine riesiges „Schöpfrad“ sollte einen 260 Kilometer langen, 50 Meter breiten Kanal ausheben, durch den der Nil an der östlichen Seite des Sudd vorbeigelenkt werden sollte. Die Maschine begann im Juli 1978 mit der Arbeit. Sie verbrauchte 40.000 Liter Brennstoff pro Tag, mehr als sämtliche Gebäude in Juba, der Hauptstadt des Süd-Sudan, zusammen. 


 Hybris oder Nemesis, möchte man nachträglich nur sagen. Das Volk der Dinka lebte von dem Sumpfgebiet, den Weiden am Rande des Sudd. Im Februar 1984 hatte der Riesenbagger ein Drittel der Strecke bearbeitet. Dann überfiel die Sudanesische Volksbefreiungsarmee (SPLA) unter John Garang das Bauunternehmen und nahm die ausländischen Arbeiter als Geiseln. John Garang war längst Dr. John Garang, er hatte an der Iowa State University seine Doktorarbeit zu genau diesem Thema geschrieben: „Über die Ungerechtigkeiten, die der Jonglei-Kanal mit sich brachte“. Der Kanal würde die Süd-Sudanesen, die Dinka, Nuer und Shilluk von ihrer wichtigsten Kraftquelle absperren, dem Sudd-Wasser. Der Plan wurde jetzt nach dem Friedensvertrag wieder gültig, da es zu einem autonomen und souveränen Süd-Sudan kommen kann. 


 Wie widersprüchlich wir mit unseren Errungenschaften umgehen! Einerseits will man der Verdunstung des Nilwassers im Sudd ein Ende machen. Andererseits gehen in dem mit sowjetischer Hilfe unter Präsident Abdel Nasser erbauten Assuan-Staudamm pro Jahr 15 Kubikkilometer Wasser pro Jahr durch Verdunstung verloren. Das entspricht mehr als einem Drittel der Durchlaufmenge des Flusses. Ähnlich verhält es sich im größten Süßwasser-Ökosystem im Pantanal zwischen Brasilien, Bolivien und Paraguay und an den vertrockneten Todesseen zwischen Afghanistan und dem Iran im Sistan-Tal. So kann Pearce heute schon zukünftige Wasserkriege auflisten: in Palästina, aber auch im Gebiet des Mekong, der von China, Laos, Kambodscha und Vietnam beansprucht wird.


 In Palästina ist der kalte Wasserkrieg bereits im Gange, er wurde sogar 1995 in Oslo festgeschrieben: Den Palästinensern wurden 57 Kubikmeter, den Israelis 246 Kubikmeter Wasser pro Person und Jahr zugestanden. Die Palästinenser hatten die berechtigte Erwartung, dass sie den östlichen Aquifer würden ausbeuten können. Dieser Grundwasserleiter hatte den Vorteil, dass er ganz auf dem Gebiet der „palästinensischen Grenze“ lag. Aber da die Besatzung weiterging und bis heute nicht beendet ist, gibt es auch keine palästinensischen Grenzen. 


 Die Familien in den Dörfern um Nablus geben 20 bis 40 Prozent ihres sowieso schon kärglichen Einkommens für Wasser aus. Am höchsten war der Preis im Gebiet von Salfit, wo es einige der ergiebigsten Brunnen des Landes gibt. Sie wurden, wie Pearce beschreibt, von den Israelis beschlagnahmt, um ihre Siedlungen zu versorgen. Vor der Besetzung durch Israel besaßen die Palästinenser auf der Westbank 774 Brunnen. 35 Jahre später werden davon noch 321 genutzt, die restlichen sind ausgetrocknet oder liegen in den Sperrzonen, die das israelische Militär okkupiert hat. „Die Besetzung hindert die Palästinenser daran, ihre Wasserquellen auszubauen und gewährleistete, dass sich die Israelis weiterhin ihren Löwenanteil nehmen konnten“, beschreibt Pearce.


 Die Israelis haben sich wie bei anderen Fragen eingeigelt in ihre Politik. Nur manchen ist klar, dass man für sein eigenes Wasser nicht einfach fremdes Land okkupieren kann. Der Jordan – aus dem Israel sein Wasser holt – ist ein Fluss, der in Syrien entspringt. Der Jordan beginnt in den verschneiten Hängen des Hermon-Gebirges. Dieses Gebirge gehört zu Syrien und wurde ebenfalls 1967 von Israel einfach weggenommen. Der zweite Jordan ist der ehemalige Nebenfluss Jarmuk. Er entspringt in Syrien und fließt zehn Kilometer südlich des Sees Genezareth in das Bett des Jordan. An diesem Punkt ist der Fluss fast leer, abgesehen von einem Rinnsal Salzwasser, das den National Water Carrier nicht verunreinigen soll.


 Arie Issar ist einer der Experten auf israelischer Seite, der es nicht einfach ertragen kann, dass der jüdische Staat sich sein Wasser nimmt und die anderen in die Röhre schauen lässt. Man kann auch noch andere Wasserquellen unter dem Sand finden. Er trat aber damals schon für eine gerechte Verteilung des Wassers ein. Die Austrocknung des Jordanbeckens war in Verantwortung Israels geschehen. Die palästinensischen Dörfer und Olivenhaine bekamen nichts von den Brunnenbohrungen mit. Das kann Arie Issar, der alte Kämpfer für die Menschenrechte, nicht ertragen. In gewissem Sinne sei, wie er sagt, der Sieg im Sechstagekrieg eine Katastrophe gewesen. 


 So erlebt der Leser während einer packenden und dramatischen Lektüre, wie alle Wasserfragen extreme Fragen von Politik und Menschenrechten geworden sind. Dem entwicklungspolitisch Interessierten stellt sich die Frage, wer für die Verluste aufkommt, die zulasten der Zukunftsentwicklung für manche Völker entstanden sind – im Tschad, in Nordnigeria, in Südafrika, in Botswana, in Bolivien, in Gaza, in Palästina, in Kambodscha.


 An einer Stelle beleidigt der Autor die entwicklungspolitische Seele des Lesers. Man möchte eigentlich gern durch ein rigoroses Sparprogramm von den 150 Litern pro Tag wegkommen, die der deutsche Normalbürger verbraucht und damit etwas für den Wasserhaushalt der Menschheit tun. Der Autor kommentiert: „Niemand sollte glauben, dass es unser täglicher Wasserkonsum zu Hause ist, der die Flüsse der Welt leert.“ Erst wenn wir das Wasser hinzurechnen, das für den Anbau dessen, was wir essen und trinken, notwendig ist, schnellen die Zahlen in die Höhe. 


 Man braucht – so stellt der Autor dar – zwischen 2.000 und 5.000 Liter Wasser, bis man ein (!) Kilo Reis ernten kann. Das ist mehr als ein europäischer Haushalt in einer Woche konsumiert. Für ein Kilo Weizen brauchen wir 1000 Liter, für ein Kilo Kartoffeln 500 Liter Wasser, für das Rindfleisch eines viertelpfündigen „Hamburgers“ gar 11.000 Liter Wasser. 


 Zugleich fragt sich jedoch auch Fred Pearce, wie es jemand im Orange County in Florida fertigbringt, eine Jahresrechnung über 15,9 Millionen Liter zu bekommen – das sind 40.000 Liter pro Tag.


 Was mich an diesem Buch am meisten beeindruckt? Dass es mir als Erdbewohner des Jahres 2007 klarmacht: Menschengemachte Geschichte ist nicht alles. Geschichte ohne Rücksicht auf die Natur klappt nicht. Wir gehen alle zugrunde, wenn wir uns nicht wieder in den Kreislauf der Bewegungen von Wasser, Jahreszeiten, Regen, Klimazonen so einbinden, dass wir auf das Rücksicht nehmen, was wir nicht gemacht haben, sondern was uns geschenkt ist. 
 

 

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