Ingers alphabetische Natur

Hanns Grössel, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Über meine langjährige Beziehung zur dänischen Dichterin Inger Christensen

Am Anfang stand ein Hörspiel: „Angekleidet, um zu überleben“, der erste Text von Inger Christensen, den ich übersetzt habe. 1968 wurde dieses Hörspiel in Deutschland gesendet, in den folgenden Jahren weitere drei Hörspiele, zuletzt „Ein Abend auf Kongens Nytorv“. Da hatte ich Inger Christensen schon in ihrer großen Kopenhagener Wohnung in der Dag Hammarskjölds Allé, nicht weit von Kongens Nytorv, besucht und auch ihren Mann Poul Borum kennengelernt. Der S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main entdeckte damals ihren Roman „Azorno“, den ich ebenfalls übersetzen konnte und der 1972 in der kurzlebigen Reihe Fischer erschien, immerhin Inger Christensens Debüt auf dem deutschsprachigen Buchmarkt, wenn man von dem großen Prosagedicht „Wassertreppen“ absieht, das ich in eine Anthologie dänischer Erzähler der Gegenwart aufgenommen hatte die war 1970 bei Reclam in Stuttgart herausgekommen.
Bis die Lyrikerin Inger Christensen bekannt wurde, dauerte es freilich. Zwar hatten sich früh schon Kieler Skandinavisten eingehend mit ihrer Gedichtkomposition „det“ aus dem Jahre 1969 beschäftigt und darüber geschrieben, aber weder aus „det“ noch aus Inger Christensens früheren Gedichtbänden lagen Texte in deutscher Übersetzung vor. Mehrmals hatte sie mir Bücher geschickt: ihre Erzählung aus „Mantua“ („Das gemalte Zimmer“), später die französische Übersetzung von „alfabet“, das 1981 in Dänemark erschienen war und mit dem sie bei uns wirklich bekannt wurde. Josef Kleinheinrich in Münster, studierter und promovierter Skandinavist und Lyrikliebhaber, hatte Mitte der 1980er-Jahre seinen Verlag gegründet und fragte mich, ob ich „alfabet“ für ihn übersetzen wolle. Das tat ich um so lieber, als ich damit meine Zweitsprache reaktivieren, mich sozusagen in Dänisch realphabetisieren konnte, und als das Buch 1988 in einer zweisprachigen Edition herauskam, geschah ein kleines Wunder: Im September desselben Jahres stand „alfabet / alphabet“ auf Platz eins der Bestenliste des Südwestfunks.
Josef Kleinheinrich veröffentlichte daraufhin „Das gemalte Zimmer“ und den Essayband „Teil des Labyrinths“, beide innerhalb einer Reihe mit dänischer Literatur der Moderne, deren Herausgeber der Kieler Skandinavist Bernhard Glienke war. In ihm fand ich einen idealen Lektor und Redakteur – ideal, weil er einer der drei gewesen war, die sich 1972 mit „det“ beschäftigt hatten, weil er Inger Christensens damals vorliegende übrige Werke kannte, weil er nicht nur ein genauer Philologe, sondern zugleich ein Mann des absoluten Gehörs für literarische Nuancen war, mir also nicht nur die Dänismen austreiben konnte, in die man als deutscher Übersetzer so leicht verfällt, sondern auch das „mot juste“ wusste, wenn ich es nicht hatte finden können.

Leider ist Bernhard Glienke früh gestorben. Deshalb zögerte ich lange, mich auf die Übersetzung von „det“ einzulassen: Für diese Arbeit wäre er der prädestinierte Gesprächspartner und Ratgeber gewesen. Andererseits – ich hatte versuchsweise aus „det“ schon den Epilogos übersetzt, hatte sogar mit Inger Christensen bei einer Lesung diesen Versuch vorgetragen, und Norbert Wehr hatte ihn in seinem Schreibheft abgedruckt. Josef Kleinheinrich fragte mehrmals in der Sache an, und Inger Christensen, der nichts ferner lag, als zu drängeln, war dann doch anzumerken, dass sie nichts dagegen gehabt hätte, wenn auch „det“ aus dem Jahre 1969 deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht würde.
Mehr als schiefgehen kann es nicht, dachte ich schließlich und machte mich an die Arbeit. Nicht der Umfang des Buches stellte die Schwierigkeit dar, auch nicht die Verständlichkeit der Textteile im Einzelnen, denn Inger Christensen ist keine Hermetikerin, sondern die feinen verbalen Verknüpfungen der Teile miteinander – Verknüpfungen, die durch Wortfolgen und Wendungen hergestellt werden, die Inger Christensen in leichten Abwandlungen aufgreift und für deren Varianten nicht immer deutsche Äquivalente zu haben sind. So heißt es in „Die Handlung, Konnexitäten 7“ zu Anfang:

1. De går i krig for hinanden I krig mod hinanden
2. Indimellem mens de endnu har overskud nok til at
uddele døden så langsomt at den ligner liv søger de at
elske hinandens had
3. Det er dig Det er mig Det er vores mellemværende

„Indimellem“ heißt so viel wie „zwischendurch“ oder „dazwischen“ „mellem“, das Wort für „zwischen“, ist aber zugleich Teil des Substantivs „mellemværende“, und mit jemandem ein „mellemværende“ zu haben, kann auch bedeuten, dass man mit ihm ein Hühnchen zu rupfen hat. Ein Wort, das einerseits gemeinsames Interesse, andererseits noch fällige Abrechnung miteinander bezeichnet, haben wir im Deutschen nicht deshalb bin ich auf ein substantiviertes „Dazwischen“ ausgewichen, das nicht mehr als eine Verlegenheit ist.
Mit den seltenen Stellen, an denen Inger Christensen sprach- oder wortspielerisch wird, hatte ich ähnliche Mühen, so in dem Gedicht „Opspilet“ aus ihrem ersten Gedichtband „Lys“, 1962 erschienen und erst 2008 auf Deutsch herausgekommen. Wo sie mit zwei dänischen Verben, „spile“ und „spilde“ spielt, hatte ich wenigstens die Möglichkeit, ein paar Komposita unseres etwas matten Verbums „tun“ herbeizuholen jetzt steht in der zweisprachigen Ausgabe:

Opspilet

Opspilet udspilet spildt
eller endnu ikke helt forspildt
med fremtidens grå elektroder
spændt fast til hukommelsens
blegede fingerspids
står jeg og stammer
at jeg vil være god

Aufgetan

Aufgetan ausgetan vertan
oder noch nicht ganz abgetan
die grauen elektroden der zukunft
fest an die gebleichte fingerspitze
des gedächtnisses gespannt
stehe ich da und stottre
dass ich gut sein will

Bei einem längeren Aufenthalt in Kopenhagen konnte ich Inger Christensen einige Fragen zu diesen frühen Gedichten nicht ersparen sie waren ihr aber nicht mehr in allen Einzelheiten präsent. Gelegentlich lehnte sie sich leicht zurück und sagte nachdenklich: „Ja, so schrieb man damals.“ Und in einem Brief äußerte sie: „Selber neige ich dazu, sie als Phänomene aus einer fernen und fremden Jugend zu betrachten. Aber vielleicht ist es ganz gut, an ihre Existenz erinnert zu werden.“
Inger Christensen hat selbst einiges übersetzt, aus dem Deutschen wie aus dem Schwedischen. Wahrscheinlich wusste sie deshalb so genau, was zwischen zwei Sprachen möglich ist und was nicht. Als es da-rum ging, ihren Sonettenkranz „Sommerfugledalen“ („Das Schmetterlingstal“) auf Deutsch zu veröffentlichen, hat sie kein einziges Mal von der Möglichkeit einer Nachdichtung in Versen und mit Reimen gesprochen, geschweige denn dieses Kunststück von mir erwartet. Dass eine solche Nachdichtung dennoch zustande gekommen ist, verdanken wir Norbert Hummelt, der das Wagnis mit beachtlichem Ergebnis eingegangen ist. Allerdings musste er sich in seiner Nachbemerkung bei dem Schmetterling namens Pappelvogel entschuldigen: den habe er aus rhythmischen Gründen nicht mit aufnehmen können.

Zu Inger Christensens 60. Geburtstag 1995 brachte ihr Verlag Gyldendal eine kleine Festschrift heraus, zu der ich auch beigetragen habe. Mein Text schließt mit dem Wunsch: „Ich bin mit Inger von a bis n gegangen, jetzt möchte ich mit ihr auch von o bis z gehen!“ „Von a bis n“ – das war natürlich eine Anspielung auf ihr „alfabet“, das mit den viel zitierten Aprikosenbäumen beginnt und mit den Nächten, dem Nachtschatten und anderen Wörtern mit dem Anfangsbuchstaben n endet. „Von o bis z“ dagegen sollte mehr allgemein heißen, dass ich hoffte, auch weiterhin mit ihr zusammenzuarbeiten, wie ich es damals schon länger als 25 Jahre getan hatte.
Nach ihrem Tod 2009 ist mein Wunsch überraschenderweise dennoch in ganz wörtlichem Sinne erfüllt worden: Ich entdeckte eine Erzählung, die sie 1980 veröffentlicht hat, also kurz vor dem Erscheinen von „alfabet“ diese Erzählung trägt den Titel „Eine Wanderung in der alphabetischen Natur“, und anders als in „alfabet“ flicht sie in diese Erzählung Wörter mit allen Buchstaben des Alphabets ein – des dänischen Alphabets wohlgemerkt, denn das geht über das z hinaus und endet mit dem für uns exotischen Kringel-a, dem å. Beim Übersetzen dieses Textes bin ich noch einmal durch Ingers ganze alphabetische Natur gewandert.

 

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