„Als Dolmetscher stößt man an moralische Grenzen“

Recai Hallaç, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Er übersetzt für Orhan Pamuk und die deutschen Bundeskanzler seit Helmut Kohl. Und manchmal erfährt Recai Hallaç mehr, als ihm lieb ist

Sie dolmetschen aus dem Türkischen ins Deutsche und umgekehrt – für Literaten wie Orhan Pamuk und Politiker wie Angela Merkel. Wie übersetzt man für einen Autor, wie für eine Bundeskanzlerin?
Wenn man auf höchster politischer Ebene dolmetscht, ist man sowohl ein Niemand als auch der Mittelpunkt. Es gibt ja für diplomatische Begegnungen ein sehr streng zu befolgendes Protokoll. Wenn man dieses außer Acht lässt, gleicht das einem Verbrechen. Die Regeln legen fest, wer neben einem Ministerpräsidenten laufen oder beim Essen sitzen darf. Der Dolmetscher ist jemand, der alle anderen überspringt und direkt neben dem Ministerpräsidenten sitzt. Selbst bei Vier-Augen-Gesprächen, bei denen andere wichtige Politiker der Außenpolitik nicht dabei sein dürfen, ist der Dolmetscher mittendrin. Manchmal vergleiche ich meine Situation mit der der Hofdiener. Sie hatten auch möglichst unauffällig und perfekt zu sein.

Und wie ist es mit Literaten?
Wenn ich für Autoren dolmetsche, ist das ein völlig anderes Verhältnis. Das ist immer ein sehr persönlicher Kontakt. Und es finden viele Gespräche statt, die über die Literatur weit hinausgehen. Ich habe allerdings auch viele Literaten erlebt, die sich sofort langweilen, wenn das Gespräch über etwas anderes geht als um ihre Person und ihre Bücher. Ein Autor wie Orhan Pamuk ist das genaue Gegenteil davon. Er langweilt sich, wenn man viel über seine Bücher und seine Person redet. Stattdessen schaut er mit einer großen Neugier in die Welt und hat immer eine kleine Kamera bei sich, mit der er alles ablichtet.

Was fotografiert er damit?
Wir fuhren einmal mit dem Auto von Süddeutschland in die Schweiz. Als wir eine Landschaft mit Bergen und Kühen passierten, knipste er diese ganz beiläufig. Er fotografierte auch den Fahrer des Wagens, und über den Rückspiegel sich selbst und mich. Ich fragte ihn einmal, warum er das alles ablichte und er sagte mir, dass das eine Gedächtnisstütze für ihn sei, die er beim Schreiben gebrauche. Des Weiteren spricht Pamuk wirklich mit jedem und fragt ihn nach seinen Ansichten, wie er lebt und so weiter – vom Taxifahrer bis zum Chefredakteur.

Wie persönlich werden Politiker im Kontakt mit Ihnen?
Wirklich persönliche Kontakte finden auf dieser sehr hohen Ebene kaum statt. Sehr selten vertraut sich ein Staatsgast seinem Dolmetscher an und spricht über Dinge, die er besser für sich behalten hätte. Das passiert dann, wenn man mehrere Tage mit der gleichen Person in einer Karosse von A nach B fährt. Und das sind Momente, in denen sich der Politiker wahrscheinlich ziemlich einsam fühlt und mit jemandem reden möchte. Wenn ich für ausschlaggebende Politiker dolmetsche, dann sauge ich gefühlsmäßig viel von ihnen auf. Ich erlebe sie manchmal in wenig kontrollierten Momenten oder, sagen wir, zumindest in Momenten, in denen die Presse nicht dabei ist. Was ich aber sehr bewusst nicht aufsauge, sind Details.

Was für Details meinen Sie?
Details, für die große Zeitungen oder Fernsehsender alles geben würden. Ich vergesse sie ganz bewusst. Denn ein Wissen, das man nicht weitererzählen darf, ist letztlich eine Belastung. In den ganzen Jahren, in denen ich professionell dolmetsche, haben nicht einmal die mir am nächsten stehenden Menschen von diesen „Details“ erfahren. Aber von meinem Gefühl für einen Politiker schon. Das ist nicht verboten, das darf man erzählen.

Wie wurden Sie der Dolmetscher von Helmut Kohl?
Zu jener Zeit musste ich zum türkischen Militär, weil mein Pass sonst nicht verlängert worden wäre. Ich landete an einem furchtbaren Ort in Zentralanatolien, wo einem die Sandstürme alle zehn Minuten Nase und Ohren verstopften. Nachdem ich bei einem kleinen Aufstand mitgemacht hatte, wurde ich zum obersten Kommandanten gerufen und rechnete mit dem Schlimmsten. Ich traf auf einen sichtlich erstaunten Kommandanten. Er sagte, dass in einer Telefonkabine ein Anruf für mich wäre. Es war das Amt des türkischen Staatspräsidenten. Mir wurde gesagt, dass ich nach Beendigung meines Militärdienstes in der Türkei bleiben solle, der deutsche Bundeskanzler werde erwartet und ich solle sein Dolmetscher sein. So war ich kurz nach meinem Militärdienst der Dolmetscher von Kohl.

Wie war die Arbeit für Sie?
Ich musste das zivile Dasein wieder lernen. Nach zwei Monaten Militärdienst verlernt man das normale Stehen und Sitzen. Immer wenn ich gestanden habe, stand ich stramm. Und es war für mich das erste Mal, dass ich auf so hohem Niveau gearbeitet habe. Helmut Kohl wurde mit militärischen Ehren in Ankara empfangen. Gleich am Flughafen gab er die erste Pressekonferenz. Ich dolmetschte sehr schnell und war ganz in meinem Element. Dann plötzlich fiel mir die offizielle Bezeichnung für Deutschland nicht mehr ein, und ich verstummte. Helmut Kohl und ich schauten uns an. Er verstand sehr schnell, was Sache war, und sagte in seiner gemütlichen Art „Bundesrepublik Deutschland“. Ich sagte: „Danke, Herr Bundeskanzler“ und dolmetschte weiter. Die Situation war gerettet.

Hat Ihr Wissen Sie schon einmal in Gewissenskonflikte gebracht?
Als Dolmetscher kann man durchaus an moralische Grenzen stoßen. Ich gebe zwei Beispiele, ohne Namen zu nennen. Einmal hatte ich in Berlin den Auftrag, am nächsten Morgen für einen Ministerpräsidenten der Türkei zu dolmetschen. In der Nacht davor erhielt ich einen Anruf aus der Türkei. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie diese Person meine Telefonnummer herausfand. Sie schilderte mir, wie für sie die letzten zwei Jahre verlaufen seien. Die Person sei von der Polizei und durch inoffizielle Spitzel verfolgt worden. Ihr Leben als linke Oppositionelle werde bedroht. Ob das alles eingebildet war oder nicht, konnte und kann ich nicht beurteilen. Die Person weinte und bat mich um Hilfe. Sie fragte mich, ob ich darüber entweder mit dem Ministerpräsidenten oder mit einem der Deutschen sprechen könnte.

Wie haben Sie reagiert?
Nichts davon habe ich gemacht. Ich habe nicht nur in dieser Nacht, sondern in vielen darauffolgenden Nächten sehr unruhig geschlafen. Ich fühlte mich dieser Person gegenüber schuldig. Punkt. In einem anderen Fall habe ich zufällig ein Telefongespräch mitbekommen. In diesem Gespräch wurde die geheime Methode besprochen, wie ein politisch unliebsamer Mensch getötet werden sollte. Dieser Mensch, um dessen Leben es ging, war niemand, mit dem ich mich solidarisieren würde. Trotzdem hatte ich nun mal mitbekommen, dass dieser Mensch „eliminiert“ werden sollte. Was man mit so einem Wissen macht, wusste ich nicht. Ich habe an diesem Tag und auch am nächsten und übernächsten Tag geschwiegen. Und ich muss sagen, ich hatte Glück. Der ganze Plan flog auf. Jemand hatte es ausgeplaudert. Ich atmete auf und war für dieses Mal erlöst.

Haben Sie für sich heute eine Möglichkeit gefunden, mit derartigem Wissen umzugehen?
Ich frage mich schon manchmal, bis wohin die moralische Grenze meiner Verschwiegenheit geht. Wäre ich beispielsweise ein Dolmetscher, der aufgrund seiner Funktion als Erster mitbekommen würde, dass am nächsten Tag Bagdad bombardiert werden soll, was würde ich machen? Das ist das Spannungsverhältnis, in dem man als Diener der staatlichen Politik lebt, auch wenn man als Freelancer mal dem Einen, mal dem Anderen oder mal dem Dritten dient. Die Spannung bleibt bestehen. Für mich war sie viel größer, als die Türkei ein Land war, in dem tagtäglich und regelmäßig gefoltert wurde. Jetzt ist die Türkei zu einem „normalen“ Land geworden, mit „normalen“ Skandalen. Deswegen hat der Druck nachgelassen. Diese moralische Frage bleibt trotzdem bestehen. Bleiben wir bei dem extremen Beispiel, der Bombardierung Bagdads: Ich denke, in solch einem Fall würde ich nicht mehr schweigen.

Das Interview führte Christine Müller

 

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