Der Leser macht das Buch

Angelika Neuwirth, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Arabisten müssen zwischen den Kulturen übersetzen. Denn die europäische und die islamische Tradition verstehen den Koran unterschiedlich

Je enger die Gemeinschaft der Muslime und Nicht-Muslime in Europa wird, desto dringlicher wird die Vermittlung eines soliden Verständnisses des Koran an westliche Leser. Die Arabistik, die sich als Textwissenschaft mit den literarischen Dokumenten der arabischen Kultur befasst, steht deswegen vor neuen Aufgaben der kulturellen Übersetzungsarbeit. Denn Texte bestimmen immer noch weite Bereiche des kollektiven Bewusstseins. Dies gilt vor allem für den Koran, der in Ost und West immer wieder als Kronzeuge für politische Entscheidungen herhalten muss. Grundlagenforschung zum Koran ist auch für die Diskussion aktueller identitätspolitischer Fragen von Bedeutung: Wie fremd oder wie europäisch ist eigentlich der Koran? Kann er für Nicht-Muslime und Muslime ein gemeinsam relevanter Text sein?
 
Allzu selbstverständlich gilt der Koran noch immer als exklusiv „islamischer Text“. Historisch betrachtet trifft das nicht zu: seine mündliche Verkündigung durch den Propheten Muhammad galt nicht Muslimen, die es zur Zeit der Koranentstehung noch gar nicht gab, sondern einer Hörerschaft, die man am ehesten als „spätantike Gebildete“ bezeichnen kann. In der Spätantike wurde religionsübergreifend über universale Fragen diskutiert – etwa über das Gottesbild, das Leben nach dem Tod und den Sinn des Opfers. Diese Debatten zwischen verschiedenen Kulturen, Sprach- und Religionsgruppen prägen den Koran ganz augenfällig. Er setzt sich mit denselben Fragen auseinander, die auch im Judentum und Christentum diskutiert wurden. Zudem steht er in seiner sakralen Kodierung – der Koran wird nicht als ein weltlicher, sondern von Gott kommender Text verstanden – eindeutig in der Tradition der Schriftlesung der beiden anderen Religionen. Indem die koranische Verkündigung neue Antworten auf universale Fragen gab, machte sie sich als eine neue Stimme im Konzert der Debatten der Spätantike hörbar – nicht anders als die gleichzeitigen Traditionen der Juden und Christen. Der Koran ist mit dem Neuen Testament vergleichbar, denn beide setzen als exegetische Texte der plurikulturellen Spätantike die hebräische Bibel fort. Der Koran ist also Teil jener Epoche, die heute gern als formative Zeit für das spätere Europa reklamiert wird.
 Es ist aber nicht genug, zu erklären, weshalb der Koran ein uns Europäern nahestehender Text ist. Der andere dringende Wunsch an die Arabistik ist die Integration der Koranstudien in der Tradition des Islam in die westliche Lehre. Der Koran ist im Islam eingebettet in eine viele Jahrhunderte alte Deutungstradition, die aber bis jetzt in Europa nur selektiv zur Kenntnis genommen wird. Zwar interessiert sich die westliche Forschung für die Ergebnisse und die politisch-sozialen Hintergründe der islamischen Koranauslegung – ihre Methode wird aber nicht ernsthaft auf ihre Tragfähigkeit für eine zeitgemäße Koranwissenschaft hin geprüft. Methodisch steht die westliche Koranforschung exklusiv in der Tradition der europäischen Hermeneutik. Der Koran wird in Ost und West deshalb nach Maßgabe zweier sehr verschiedener Verstehenssysteme interpretiert. 


Will man die Unterschiede charakterisieren, so ist zunächst festzustellen, dass die überlieferte Textgestalt in Ost und West eine ganz verschiedene Wertschätzung genießt. Der Koran hat für Muslime eine wesentlich höhere Bedeutung als die Bibel für Juden oder Christen. Im Islam besitzt der Koran in der Liturgie als lautlich präsenter „Körper“ eine nur mit der Präsenz des in Christus inkarnierten Wortes Gottes vergleichbare Wirkungsmacht. In seiner physisch-lautlichen Manifestation transzendiert der Koran also seinen Schriftcharakter. Was in Parallele zu setzen ist, sind nicht Bibel und Koran, sondern die Menschwerdung des Gotteswortes in Jesus Christus im Christentum und die „Koranwerdung“ des Gotteswortes im Islam. Deswegen ist es nicht verwunderlich, dass im Islam im Allgemeinen die Endgestalt des Textes als das Entscheidende gilt. Diese Textform auf alle denkbaren Möglichkeiten der Deutung hin zu prüfen, nicht zuletzt aber auch seine ästhetischen Dimensionen zu beleuchten, ist das Ziel traditioneller islamischer Koranauslegung. Mit ihrer Besorgnis um die Integrität des Textes trägt sie zugleich zur Bewahrung des sakralen Charakters des Koran bei. 


Ganz anders die westliche Sprach- und Literaturwissenschaft, die mit dem Durchbruch der historisch-kritischen Methode im 19. Jahrhundert gerade die Säkularisierung religiöser Texte vorantrieb. In dieser Tradition, die vor allem auf die Bibel angewandt religiöse Texte zu historischen Texten machte, entstand auch die kritische Koranforschung des Westens. Sie war von Anfang an historisch orientiert – damit aber auch stets der Gefahr ausgesetzt, den Koran als eine bloße Wiederaufbereitung der älteren biblischen Texte zu verkennen. Diese Gefahr besteht bis heute fort.
 
Als Beispiel können wir Sure 96 betrachten: Ihre ersten Verse lauten „Lies im Namen deines Herrn, der erschuf / erschuf den Menschen aus geronnenem Blut“. Die islamische Tradition deutet diese Verse als Hinweis auf ein Schlüsselereignis im Leben Muhammads. Dieser war der Überlieferung nach zum Propheten geworden, als ihn der Engel Gabriel drängte, von einem Schriftband abzulesen. In dem Imperativ „lies“ sieht die islamische Auslegung einen Verweis auf diese Offenbarungsszene. Nach fünf Versen behandelt Sure 96 eine Störung des Gebetsgottesdienstes. Dies verträgt sich nicht mit der Szene der Prophetenberufung und bleibt außer Acht. 


Die kritische Koranforschung erkennt dagegen in dem ersten Vers einen Topos wieder, der auch in der hebräischen Bibel gängig ist: „rezitiere“. Er ist für sie ein Aufruf an alle Gläubigen, Gott durch Rezitation zu preisen. Daran schließen sich nach dieser Lesart zwei typisch koranische Textsorten an: eine Klage über den Hochmut und eine Serie rhetorischer Fragen zu dem anstößigen Ereignis des durch einen Hochmütigen gestörten Gottesdienstes. Die Sure ist nach dieser Lektüre nicht mehr als eines von vielen Zeugnissen über die Notwendigkeit, aber auch Schwierigkeit der Vermittlung der göttlichen Botschaft. Sie lässt so gelesen einen Vergleich mit anderen Suren zu und damit auch eine Bestimmung ihrer chronologischen Position innerhalb der Gesamtverkündigung. Das steht aber außerhalb des Interesses der islamischen Lektüre, die die koranische Offenbarung als Kontinuum versteht, das keine historische Entwicklung spiegelt, auch wenn individuelle Verse an bestimmte Episoden des Lebens des Propheten gebunden werden. 


Die Referenzen sind also verschieden: Die westliche Koranforschung orientiert sich an den Strukturregeln des Koran und untersucht ihn auf biblisch vorgeformte Redensarten zwecks Einbettung der Verkündigung in ihr religionsgeschichtliches Milieu. Die islamische Tradition erklärt die Verse isoliert aufgrund von Szenen aus der Propheten-Vita zwecks Erklärung des Schlüsselereignisses der Offenbarung, wie sie in der Rückschau verstanden wird.
 
Trotz dieser unterschiedlichen Lesarten geht es seriöser Koranforschung in Ost und West durchaus um etwas Ähnliches: nämlich darum, den Text in seiner vollen Bedeutung erkennbar zu machen. Im Islam spricht man von der Unnachahmlichkeit des Koran“, von seiner literarischen und religiösen „Einmaligkeit“. Auch die historische Koranforschung sucht nach einem Alleinstellungsmerkmal, das sich für sie von der Geschichte her bestimmt. Sie spricht eher von der „Erstmaligkeit“ des Koran, von der Innovation, die er in die Debattenkultur der Spätantike einbrachte. Beide Ansätze können sich ergänzen. Gerade ihre Grenzlinien, die bisher als Spalter zweier Kulturen verkannt wurden, sind als Forschungsfeld der Zukunft noch zu entdecken. 


An mehreren deutschen Universitäten wird sich die islamische Religionstradition an neu eingerichteten Instituten für Islamische Theologie in Zukunft selbst, das heißt durch Muslime, repräsentieren können und auch die europäischen Gebildeten in einen Dialog über die Zugänge zum Islam einbeziehen. 


In Vorbereitung dazu muss es einer Textwissenschaft wie der Arabistik darum gehen, den Koran für ein westliches Publikum zu „übersetzen“ und zu erklären. Der Koran ist schließlich nichts „Fremdes“, sondern mit jenen Traditionen verbunden, die auch für die Herausbildung der europäischen Religionskulturen maßgeblich waren. Weil sich der Koran in die biblischen Traditionen eingeschrieben hat, kann er auch dem Nicht-Muslim nicht gleichgültig sein. Er verdient vielmehr, ebenso wie die byzantinischen und jüdischen Traditionen, als Vermächtnis der Spätantike an Europa endlich anerkannt zu werden.

 

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