„Sind zehn Sprachen schon Vielfalt?“

Philippe Lacour, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Das Internet wird mehrsprachig, weil unterschiedliche Interessengruppen das so wollen. Der Sprachphilosoph Philippe Lacour erklärt warum

Mit dem Internet gibt es heute ein globales Kommunikationsnetz, das aber von der englischen Sprache dominiert wird. Korrekt? 
Falsch! In den Anfangstagen des Internets waren zwar 90 Prozent aller Inhalte ausschließlich auf Englisch verfügbar. Heute, rund zwanzig Jahre später, ist es aber nur noch ein Drittel – Tendenz sinkend. Das bedeutet nicht, dass es weniger Inhalte auf Englisch gibt, sondern dass immer mehr Seiten in anderen Sprachen kreiert werden.


Statt eines World Wide Web, das alle Menschen verbindet, zerfällt das Internet in viele parallele Sprachräume?
Ja und nein. Nein, denn es gibt ja Englisch als verbindende Sprache. Ja, denn eine Trennung der Sprachräume ist nicht mehr vermeidbar. Das hat kommerzielle und ideelle Gründe. Unternehmen wie Google, Facebook und Twitter sprechen Kunden zunehmend in ihrer eigenen Sprache an, um neue Märkte zu erschließen. Zeitgleich hat die UNESCO sich 2005 den Erhalt der Sprachenvielfalt zur Aufgabe gemacht. Diese auch ins Netz zu übertragen führt zu einer Reihe von praktischen Problemen. Für viele kleinere Sprachen in Afrika gibt es oft nicht mal passende Tastaturen, zumindest nicht für Handys, die dort für die Internetnutzung wichtiger sind als Computer. Also müssen gemeinnützige Initiativen mit Mobilfunkunternehmen kooperieren, um diese Tastaturen zu entwickeln. Es ist vergleichbar mit der Pharmaindustrie: Für Volkskrankheiten gibt es Medikamente, für andere Leiden muss die Zivilgesellschaft manchmal die Forschung unterstützen. So ist das auch bei der Sprachenvielfalt im Internet. 


Warum ist Sprachenvielfalt so wichtig?
Die Wikimedia-Stiftung verfolgt aktuell das Anliegen, die 3,5 Millionen Artikel des englischsprachigen Wikipedia ins Thai zu übersetzen. Das ist ein aufklärerisches Projekt! Kant schrieb einst: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Heute gilt: „Habe Mut, dich deiner eigenen Sprache zu bedienen!“ Sprache ist nicht nur ein Werkzeug, sondern bedeutender Teil unserer Identität. Spracherhalt hat deshalb mit Gerechtigkeit zu tun. Es geht um gegenseitige Anerkennung. Allerdings haben wir keinen Grund uns zurückzulehnen. Während wir sprechen, sterben Sprachen. Auch das Anliegen von Alexander von Humboldt, alle Sprachen systematisch aufzuzeichnen ist noch längst nicht erfüllt – wir haben das für nicht einmal die Hälfte aller 6.900 Sprachen geschafft.


Dabei ist es seit Humboldt sehr viel leichter geworden, Sprachen zu erfassen und für die Nachwelt zu konservieren.
Wir haben heute die Technik, um alle Sprachen der Welt aufzunehmen und zu archivieren. Theoretisch wäre das möglich. Nur: Das ist etwas ganz anderes, als Menschen zu unterstützen, ihre Sprache und Identität zu erhalten. Was ist gelebte Sprachenvielfalt? Dass weltweit die zehn größten Sprachen, von Chinesisch über Russisch bis Arabisch, erhalten werden? Oder dass es auch Sprachen wie das Katalanische gibt? Das ist eine politische Frage. Wir müssen diskutieren, wie vielfältig unsere Vorstellung von Vielfalt ist.


Facebook ist in rund 70 Sprachen verfügbar – übersetzt wurde es unentgeltlich, von den Nutzern selbst. Bedrohen solche Entwicklungen professionelle Übersetzer, die auf Bezahlung angewiesen sind?
Das ist kein völlig neues Phänomen. Es gibt schon seit Längerem den Trend, dass Fans von Filmen oder Serien ihre eigenen Untertitel schreiben. Das wird aber gemeinhin als Urheberrechtsverletzung verfolgt. Facebook ist da cleverer. Im Grunde nutzen sie das IKEA-System: Du schraubst deine Möbel selbst zusammen und sie kassieren dein Geld. Beliebte Markenunternehmen können sich das erlauben. Der Markt für professionelle Übersetzer ist dadurch aber nicht gefährdet. Er verzeichnet seit Jahren kontinuierliches Wachstum und Studiengänge für Übersetzer schießen weltweit wie Pilze aus dem Boden. Der Grund dafür ist einfach: Seit China in Afrika investiert, ist etwa die Nachfrage für Übersetzungen aus dem Chinesischen ins Französische gestiegen. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Brasiliens wächst auch die Bedeutung des Portugiesischen. Mittelständische Unternehmen oder NGOs, die Nischensprachen bedienen, werden auch weiterhin für Sprachkompetenz bezahlen müssen.


Können Computer in Zukunft menschliche Übersetzer ablösen?
Nein, das ist pure Science-Fiction. Automatisierte Übersetzungen treten in zwei Formen auf: Zum einen werden Computern grammatische Regeln beigebracht, damit sie einfache Sätze analysieren können. Doch dieser Ansatz versagt bei sehr komplexen, grammatisch falschen oder umgangssprachlichen Formulierungen. Deshalb gibt es den zweiten Ansatz der statistischen Analyse, für die ein großer Korpus früherer Textübersetzungen in den Computer eingespeist und auf statistische Häufungen untersucht wird. 


Haben Sie dafür ein Beispiel?
Man sagt im Englischen „It’s raining cats and dogs“, im Französischen „Il pleut des cordes“ und im Deutschen „Es schüttet wie aus Eimern“ – die grammatische Analyse hilft da nicht weiter, sie sieht drei völlig unterschiedliche Sätze. Die statistische Analyse hingegen erkennt, dass diese Formulierungen immer ähnlich übersetzt wurden. Beide Ansätze lassen sich kombinieren, doch es bleibt das grundsätzliche Problem, dass sie Sprachen ausschließlich als Regelsysteme betrachten. Sie versagen, wenn es kreativ und ungewöhnlich wird oder wenn es um Nuancen geht.


Computer können nicht zwischen den Zeilen lesen?
Die Macher von Google haben inzwischen verstanden, dass sie den Menschen nicht ausschalten können, deshalb haben sie das „Translation Tool Kit“ entwickelt. Das ist eine Website, auf der man einen Text einfügen, automatisch übersetzen lassen und anschließend von Hand korrigieren kann. Die Korrekturen werden wiederum von Google erfasst und bei zukünftigen Übersetzungen einbezogen. Computer verdrängen den Übersetzer nicht, aber sie verändern seine Tätigkeit.


Ist die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine das Übersetzen der Zukunft?
Kleinere Unternehmen können den Google-Service nutzen, um zu verstehen, was ihr koreanischer Kunde von ihnen will – für streng funktionale Texte funktioniert das Programm recht gut. Aber es hilft Ihnen nicht, wenn Sie literarische, philosophische, juristische oder religiöse Texte übersetzen wollen. Wenn größte Präzision gefragt ist, stellt die dem menschlichen Übersetzer vorangestellte automatische Übersetzung eine zu große Fehlerquelle dar. Das Programm eignet sich auch nicht für UN-Resolutionen, die parallel in verschiedene Sprachen übersetzt werden müssen. Denn Google übersetzt immer zuerst ins Englische. Das Unternehmen kauft zur Verbesserung seiner statistischen Analyse gerade enorm viele Übersetzungen: Englisch-Russisch, Englisch-Koreanisch, Englisch-Chinesisch. Ein russischer Text, der ins Chinesische und Koreanische übersetzt werden soll, geht also zuerst ins Englische. Das hat praktische Gründe, doch es geht dabei natürlich etwas verloren. 


Sie selbst entwickeln eine Website namens Traduxio. Worum geht es dabei?
Traduxio ist eine Online-Umgebung, die Menschen helfen soll, gemeinsam an präzisen, mehrsprachigen Übersetzungen zu arbeiten. Der Computer macht Vorschläge, doch die Arbeit leisten die Menschen. Sprachenvielfalt kann man sich wie eine hügelige Landschaft vorstellen. Wenn Sie viele Menschen schnell von A nach B befördern wollen, dann ist die einfachste Lösung, eine Autobahn durch das Gelände zu bauen. Das entspricht der automatisierten Übersetzung. Aber es gibt auch Menschen, die gerne wandern und kleine Trampelpfade genießen. Beides schließt sich nicht aus: Man kann ein Stück auf der Autobahn fahren, dann den Wagen parken und den Rest zu Fuß gehen. Mir ist wichtig, dass es Raum für eine Vielzahl von Sprachnutzungen gibt. Wir sollten uns nicht auf eine technische Logik versteifen, die Sprachvielfalt einzig als Hürde sieht und nicht auch als Reichtum, den es sich zu erhalten lohnt. Denn Sprache ist immer beides.

Das Interview führte Oskar Piegsa

 

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