Stil-Lotusblüten

Wolfgang Kubin, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Nicht die Sprache macht Literaturübersetzungen aus dem Chinesischen schwierig, sondern der Hang der Autoren zum Pathos

Mandarin, das moderne Hochchinesisch, ist nicht schwerer oder leichter zu lernen als Englisch oder Deutsch. Die Schriftzeichen dieser Kunstsprache sind vereinfacht worden, um es Sprachschülern leichter zu machen. Die Schwierigkeiten des Übersetzens der zeitgenössischen Literatur aus China liegen nicht in der Sprache selbst, sie liegen im Politischen und Ideologischen — und im Hang chinesischer Schriftsteller zu einem Stil, den man der europäischen Leserschaft nicht zumuten kann. 
 Im Jahr 1949 wurde das damalige China in zwei Staaten aufgeteilt: Die kommunistische „Volksrepublik China“ auf dem Festland und die „Republik China“ auf der Insel Taiwan, die fortan beide beanspruchten, das wahre China zu sein. Deutschland nach 1945: Das ist der Abschied des einzelnen Schriftstellers von Volk, Nation, Staat, Patriotismus. China nach 1949: Das ist die Erziehung der Mehrheit zu Chauvinismus, Ressentiment, Geschichtsklitterung und Stolz. Seit Anerkennung der Volksrepublik China durch die Vereinten Nationen im Jahre 1971 denken die meisten Europäer bei chinesischer Literatur ausschließlich an das Festland und dort an die Kommunistische Partei. Nur wenige wissen, dass es eine zeitgenössische chinesische Literatur jenseits des kommunistischen Herrschaftsbereichs gibt.
 
In deutschen Landen lassen sich Texte aus der Schule der Partei selbstverständlich nicht absetzen, aber auch Werke, die Kritik zum Ausdruck bringen, haben es auf dem deutschen Büchermarkt schwer. Wer heute als chinesischer Autor zum Beispiel nochmals das Problem von Liebe und Kulturrevolution kritisch thematisiert, mag zwar der chinesischen Leserschaft eine neue Sicht der Geschichte seit 1949 zu bieten haben, doch hierzulande ist besagter Gegenstand mit den Ereignissen von 1989 untergegangen: Kalter Kaffee, würde man sagen. 
 Hinzu kommt, dass, egal ob man Parteischriftsteller übersetzt, die Belletristik, die massenweise für den chinesischen Markt produziert wird, oder die dunklen, der Weltliteratur zuzurechnenden Dichter wie Bei Dao, Zhai Yongming oder Duo Duo, immer etwas da ist, das man freundlicherweise als „Kulturdifferenz“ bezeichnet. Es ist das Pathos, es ist das zu große Wort, es ist nicht selten falsches Bewusstsein. Von dem Dichter Bei Dao, der 1949 geboren worden ist und heute in Hongkong lebt, stammt ein großes Wort. Mit Rückgriff auf Heinrich Bölls Idee von der Trümmerliteratur formulierte er einmal für die Volksrepublik China den Begriff „Maoti“, der einen Schreib- und Denkstil nach Art von Mao Zedong (1893-1976) beschreibt. Dieser habe sich in den Köpfen der Chinesen so festgesetzt, dass sich kaum ein Autor von ihm habe befreien können. 
 Diese Aussage mag auf den ersten Blick übertrieben erscheinen, doch sie bewahrheitet sich für den Übersetzer viel öfter, als ihm lieb sein kann. Chinesische Texte sind oft schwulstige Texte, und wenn nicht, dann banale Texte, und wenn weder schwulstig noch banal, dann sind sie überwiegend äußerst verschlossene Gebilde. Ich rede in letztem Fall von der Dichtkunst.
 
Wieso bin ich aber beim Übersetzen geblieben, obwohl ich dieses nicht unbedingt heiß liebe? Und wieso habe ich mir ausgerechnet die zeitgenössische Lyrik als Gegenstand ausgesucht? 
 Diese Fragen sind leicht zu beantworten: Zwar habe ich in der Vergangenheit auch Erzählungen, Novellen, Romane und Essays ins Deutsche übertragen, doch über die Jahrzehnte habe ich als Professor an der Universität Bonn genügend Sinologen ausgebildet, die mir die leidige Aufgabe der Prosaübersetzung abnehmen. Ich habe mich auf diesem Gebiet also überflüssig gemacht. Um die chinesische Gegenwartslyrik machen viele Übersetzer derweil einen großen Bogen. Das kann ich niemandem übelnehmen: Das Scheitern, der Hass auf die Textsorte und eine wachsende Unzufriedenheit mit sich selbst sind bei dieser Arbeit vorprogrammiert. 
 Dass ich mich trotzdem mit der zeitgenössischen Lyrik beschäftige, liegt zum einen daran, dass ich immer wieder zu Übersetzungen von chinesischen Dichtern gedrängt werde, die mich mit ihren Höllentexten – anders lässt sich das nicht sagen, – bombardieren. Der Grund ist aber auch und viel eher, dass ich meine, eine Pflicht zu haben. Die Pflicht, Gedichte zu übersetzen, die kaum jemand übersetzt, obwohl sie inzwischen weltweit als große Dichtung anerkannt werden. 
 
Anders als man leicht annehmen könnte, besteht die größte Schwierigkeit bei Lyrikübersetzungen nicht in der sprachlichen und semantischen Erfassung des Originals. Bei genug Fleiß und Eingebung vermag der Übersetzer relativ weit zu kommen. Das Hauptproblem ist die Muttersprache, das gilt fürs Englische wie für das Deutsche. Warum etwa der heute in London lebende Dichter Yang Lian (geboren 1955) im deutschen Sprachraum größere Erfolge feiert als im englischen, hat einen einfachen Grund: Die englischen Übersetzungen seiner Gedichte verdienen den Namen Literatur nicht. Als einer von Yang Lians vielen deutschen Übersetzern habe ich immer wieder meine liebe Not. Keine Frage, der Meister hat gute Gedichte geschrieben und liest und diskutiert fabelhaft. Er verkörpert eine nie erlahmende Lebendigkeit, ist stets bei der Sache und hinterlässt selbst bei denjenigen einen tiefen Eindruck, die normalerweise keine Lyrik lesen. Was ist also das Problem seiner deutschen und englischen Übersetzer? 
 Yang Lian schreibt Langgedichte oder Zyklen in Buchform. Dabei will er die ganze Welt erklären und bedient sich immer wieder derselben Floskeln wie „zong“ beziehungsweise „zongshi“ („stets ist es so“) oder „dou shi“ („ein jeder“) oder „xiang“ („es scheint wie“). Zu diesen iterativen Wendungen tritt sein Hang zur Bildung des Passivs hinzu (das Chinesische zieht das Passiv vor!) und eine Vorliebe für ein bestimmtes Vokabular, welches sich ebenfalls ständig wiederholt: Finsternis, Gebein, Fleisch. Enervierend ist bei Yang Lian auch das Wort Menschheit. Ich kann mir kaum einen deutschsprachigen Schriftsteller vorstellen, der es wagen würde, so groß menschheitlich aufzuspielen und dann auch noch mehrfach. 
 In chinesischen Romanen, Essays und Theaterstücken ist der Hang zu Schwulst und Pathos sogar noch ausgeprägter als in der Lyrik. Diese sind im Grunde unübersetzbar, wenn einem das Publikum nicht egal ist und wenn es um mehr geht als bloß darum, ein Dokument in einer anderen Sprache verfügbar zu machen. Bei Gedichten kann der Übersetzer immerhin versuchen, den Ton herunterzuschrauben, hie und da Textpassagen auslassen und andere Spuren legen. 
 Doch lässt der Autor das zu? Der Dichter Yang Lian, der des Deutschen nicht mächtig ist, lässt sich meine Übersetzungen zurückübersetzen. Nun ist mein Deutsch wesentlich von Martin Luther, von der Goethe-Zeit, der Romantik und von der Moderne vor 1933 geprägt, also nicht unbedingt einfach ins Chinesische zu übertragen. Und dennoch versucht Yang Lian in meine Arbeitsergebnisse einzugreifen. So verlangte er, den von mir gewählten Titel „Mommsenstraße“ in „Die Straße vor meinem Fenster“ umzuändern. 
 Was hatte ich mir bei der Änderung des Titels gedacht? Yang Lian lebte 1991 in Berlin-Charlottenburg. Dort gibt es die Mommsenstraße. Da wohnte er und blickte täglich auf die Straße. Ich wollte den Gegenstand seiner Rede konkret, er wollte ihn abstrakt: keine Straße in Berlin, sondern jede Straße in der Welt. Hier tat sich einmal mehr die jahrtausendealte Angst der Chinesen vor dem allzu Gestalteten kund. Poetische Konflikte wie diese sind beim Übersetzen chinesischer Lyrik die Regel. Nach konfuzianischer Manier ließ ich dem Dichter den Vortritt und übersetze weiter seine Texte.
 Dabei verlangt Yang Lian viel von mir. Er fordert eine Übersetzung, die als deutsches Gedicht in die deutsche Literaturgeschichte eingeht. Das ist eine so große Vision wie ein kühnes Unterfangen. Doch ich halte mich daran, denn ich habe bei Walter Benjamin gelernt, dass sich ein Text erst in seiner Übersetzung vollendet. So gesehen wäre der deutsche Yang Lian besser als der chinesische. Dies würde zumindest verständlich machen, warum der Dichter in Deutschland einen weit höheren Ruf genießt als in der chinesischsprachigen Welt. Doch gegenüber Yang Lian hat sein Übersetzer an dieser Stelle das Schweigen als die hohe Kunst des deutsch-chinesischen Kulturaustausches zu üben.

 

Ähnliche Artikel

Das Spiel ist aus

Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?, Roger Willemsen

Warum die Leichtigkeit zwischen Frauen und Männern verloren gegangen ist

mehr


Australien: Heißer als 50 Grad

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten

Das australische Institut für Meteorologie hat eine neue Farbe für die offiziellen Wetterkarten eingeführt. In Zukunft werden Temperaturen zwischen 51 und 54 Gr... mehr


China: Weltmeister im Energieverbrauch

Ausgabe IV/2010, Das Deutsche in der Welt

China ist der größte Energieverbraucher der Welt geworden. Die Internationale Energieagentur (IEA) gibt in ihrem neuen Bericht an, dass China seinen Verbrauch i... mehr


Mauretanien: Schluss mit Plastiktüten

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten

Mauretanien gehört nun auch zu den Ländern, die Plastiktüten verbieten. Seit Jahresbeginn drohen Benutzern, Herstellern oder Vertreibern der bunten Beutel drako... mehr


„Vielleicht bin ich getrieben“

Ausgabe II/2013, Was machst du? Wie Menschen weltweit arbeiten, Alan Rusbridger

Sollten wir mehr aus unserer Freizeit herausholen? Ein Gespräch mit dem Guardian-Chefredakteur und Hobby-Pianisten Alan Rusbridger

mehr


Island: Hände hoch

Ausgab, Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert

Island hat im Mai 2011 die Gebärdensprache als vollwertigen Landessprache anerkannt. Es ist damit das erste Land, das seine Gebärdensprache der gesprochenen Mut... mehr