Das Innerste der Sprache

Italo Calvino, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



Was ein Autor von den Übersetzungen seiner Werke lernen kann – und warum Bücher Landesgrenzen überschreiten

Mit Romanen ist es wie mit Weinen, manche reisen ohne Probleme, andere vertragen das Reisen nicht. Es ist ein Unterschied, ob man einen Wein am Ort seiner Erzeugung trinkt oder Tausende Kilometer davon entfernt. Bei Romanen kann es entweder von Fragen des Inhalts oder der Form, also der Sprache,- abhängen, ob sie sich gut oder schlecht zum Reisen eignen.
Man hört oft, dass im Ausland am liebsten diejenigen italienischen Romane gelesen werden, die sehr charakteristische lokale Schauplätze haben, vorzugsweise süditalienische. (...) Das mag vielleicht früher gestimmt haben, heute trifft es nicht mehr zu. Erstens, weil ein Roman mit lokalen Schauplätzen auf der Kenntnis zahlreicher Details beruht, die der ausländische Leser nicht immer erfassen kann zweitens, weil das Bild Italiens als „exotisches“ Land heute nicht mehr mit der Realität und den Interessen des Publikums übereinstimmt. Kurz gesagt, die Gründe dafür, dass ein Buch die Landesgrenzen überschreitet, müssen in seiner Originalität und Universalität liegen, also dem genauen Gegenteil von Lokalpatriotismus und der Bestätigung sattsam bekannter Bilder.
Die Sprache ist von größter Bedeutung, denn um die Aufmerksamkeit des Lesers wachzuhalten, muss die Stimme, die zu ihm spricht, eine Färbung und Lebendigkeit haben. (...) Die Kommunikation mit dem Leser muss sich durch den individuellen Ton des Autors herstellen, und das kann durchaus auf einer umgangssprachlichen, alltäglichen Sprach-ebene geschehen, nicht anders als bei der Sprache brillanter Journalisten, aber es kann auch eine intensivere, tiefere, differenziertere Kommunikation sein, wie sie dem literarischen Ausdruck eigen ist.
Das macht es für den Übersetzer nicht einfacher. Wenn der Übersetzer in umgangssprachlichen Texten von Anfang an den richtigen Ton trifft, kann er nach diesem schwungvollen Einstieg mit einer Ungezwungenheit fortfahren, die mühelos wirkt – mühelos wirken muss. Doch Übersetzen ist niemals leicht. Es gibt Fälle, in denen Schwierigkeiten spontan, fast unbewusst überwunden werden, indem man sich auf den Ton des Autors einstimmt. Doch bei stilistisch komplexeren Texten mit unterschiedlichen Sprach-ebenen, die sich wechselseitig profilieren, müssen die Schwierigkeiten Satz für Satz bewältigt werden, indem man dem Spiel des Kontrapunkts und den bewussten Absichten oder unbewussten Impulsen des Autors folgt. Übersetzen ist eine Kunst: Die Übertragung eines literarischen Textes gleich welcher Qualität in eine andere Sprache verlangt jedes Mal eine Art Wunder. Wir alle wissen, dass Lyrik per definitionem unübersetzbar ist, doch gute Literatur, auch Prosa, bewegt sich immer am unübersetzbaren Rand jeder Sprache. Ein Literatur-übersetzer ist jemand, der sein ganzes Selbst aufs Spiel setzt, um das Unübersetzbare zu übersetzen. (...)
Wie oft hat mich, wenn ich die erste Fassung der Übersetzung eines meiner Texte las, die der Übersetzer mir zeigte, ein Gefühl der Entfremdung überfallen: War das wirklich alles, was ich geschrieben hatte? Wie hatte ich so flach und fade sein können? Las ich dann meinen italienischen Text noch einmal und verglich ihn mit der Übersetzung, erkannte ich, dass es zwar eine sehr treue Übersetzung war, doch in meinem Text war zum Beispiel ein Wort in leise angedeuteter ironischer Absicht gebraucht, die nicht in die Übersetzung aufgenommen wurde ein Nebensatz in meinem Text las sich wie im Flug, während er in der Übersetzung eine ungerechtfertigte Wichtigkeit und unverhältnismäßige Schwere bekam (...) – kurzum, die Übersetzung teilte etwas völlig anderes mit als das, was ich geschrieben hatte.
Und all diese Dinge waren mir beim Schreiben nicht aufgefallen, ich habe sie erst entdeckt, als ich meinen Text mit Blick auf die Übersetzung noch einmal las. Übersetzen bedeutet, einen Text wirklich zu lesen, das ist sicher schon oft gesagt worden, aber ich kann hinzufügen, dass ein Autor über die Übersetzung seines Textes nachdenken und sie mit dem Übersetzer besprechen muss, wenn er sich selbst wirklich lesen will, wenn er genau verstehen will, was er geschrieben hat und warum. (...)

Das beschriebene Drama der Übersetzung ist umso größer, je näher sich zwei Sprachen sind. Der Abstand zwischen dem Italienischen und dem Englischen ist so groß, dass Übersetzen hier in gewissem Maße neu erschaffen bedeutet. Man bewahrt den Geist eines Textes umso besser, je weniger man der Versuchung ausgesetzt ist, einen wortgetreuen Abdruck davon zu machen. (...) Aus welcher und in welche Sprache man auch immer übersetzt, man muss diese Sprachen nicht nur kennen, sondern auch in der Lage sein, mit ihrem Geist, dem Geist beider Sprachen, in Kontakt zu treten, man muss wissen, wie die beiden Sprachen einander ihr innerstes Wesen übermitteln können. (...)
Die Zusammenarbeit des Autors mit seinem Übersetzer halte ich für sehr wichtig. Sie beginnt, noch bevor der Autor die Übersetzung prüft, was nur bei der begrenzten Anzahl von Sprachen möglich ist, über die der Autor ein Urteil abgeben kann, sie beginnt mit den Fragen des Übersetzers an den Autor. Ein Übersetzer, der keine Zweifel hat, kann kein guter Übersetzer sein: Mein erstes Urteil über die Qualität eines Übersetzers richtet sich spontan danach, welche Art Fragen er mir stellt.
Sehr wichtig ist mir außerdem die Rolle des Verlags bei der Zusammenarbeit zwischen Lektor und Übersetzer. (...) Natürlich kann es vorkommen, dass der Lektor die tadellose Arbeit des Übersetzers verdirbt, doch ich glaube, dass der Übersetzer, wie gut er auch sein mag, ja, sogar gerade dann, wenn er gut ist, davon profitiert, dass seine Arbeit Satz für Satz von jemandem beurteilt wird, der Original und Übersetzung vergleicht und gegebenenfalls mit ihm darüber diskutieren kann. (...)

Es gibt Probleme, die aller Übersetzungskunst aus jeder beliebigen Sprache gemeinsam sind, und Prob-leme, die speziell beim Übersetzen italienischer Autoren auftauchen. Wir müssen dabei von der Tatsache ausgehen, dass italienische Schriftsteller immer ein Problem mit ihrer eigenen Sprache haben. Schreiben ist keine spontane Handlung, es hat fast nie mit dem Sprechen zu tun. Ausländer, die mit Italienern zusammenkommen, werden höchstwahrscheinlich eine Besonderheit in unserer Konversation bemerkt haben: Wir können Sätze nicht beenden, sie bleiben bei uns fast immer unvollständig. (...) Beim Schreiben dagegen muss der Satz bis an sein Ende ausformuliert werden, darum verlangt die Schriftstellerei einen ganz anderen Gebrauch der Sprache als den der gesprochenen Alltagssprache. Es gilt, vollständige Sätze zu schreiben, die etwas aussagen, denn dem kann der Schriftsteller sich nicht entziehen – er muss immer etwas sagen. Auch Politiker beenden ihre Sätze, aber sie haben das umgekehrte Problem, sie sprechen, um nichts auszusagen, und man muss anerkennen, dass sie es darin zu großer Meisterschaft gebracht haben. Intellektuellen gelingt es ebenfalls meist, ihre Sätze zu beenden, allerdings müssen sie vollkommen abstrakte Reden führen, die niemals an etwas Konkretes rühren dürfen, damit daraus weitere abstrakte Reden hervorgehen können. Hier haben wir also die besondere Position des italienischen Schriftstellers: Er ist jemand, der die italienische Sprache ganz anders gebraucht als die Politiker, ganz anders als die Intellektuellen und doch nicht auf die alltägliche Umgangssprache zurückgreifen kann, weil sie dazu tendiert, sich im Unausgesprochenen zu verlieren.
Darum leidet der italienische Schriftsteller fast immer unter einer Sprachneurose. Bevor er die Dinge erfinden kann, von denen er schreibt, muss er die Sprache erfinden, in der er schreibt. (...) Dieses prob-lematische Verhältnis zur Sprache ist ein Grundzug des Geistes unserer Zeit. Darum ist die italienische Literatur ein wichtiger Teil der Weltliteratur der Moderne und verdient es, gelesen und übersetzt zu werden. Denn im Gegensatz zur vorherrschenden Auffassung sind italienische Schriftsteller nie euphorisch, fröhlich und sonnig. Die meisten sind depressiv veranlagt, besitzen jedoch einen ironischen Geist. Italienische Schriftsteller können nur eines lehren: der Depression, Grundübel unserer Zeit und kollektive Verfassung der Menschen unserer Zeit, mit Ironie entgegenzutreten, mit der Verwandlung des Schauspiels dieser Welt in eine Groteske. (...) Darum lohnt es sich, Italiener zu übersetzen, wie schwierig es auch sein mag. Denn wir leben die allgemeine Verzweiflung mit der größtmöglichen Fröhlichkeit. Wenn die Welt immer sinnloser wird, bleibt uns nur der Versuch, ihr Stil zu verleihen.

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki

Der vorliegende Text ist eine erstmals ins Deutsche übertragene Rede aus dem Jahr 1982. Im Original erschien sie unter dem Titel „Tradurre è il vero modo di leggere un testo“ in „Saggi 1945-1985“, Band II (Mondadori, Mailand, 1995).

 

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