Was Frauen wert sind

Simone Schlindwein, Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen



In Uganda wird über die Tradition des Brautpreises gestritten

An einem sonnigen Samstagnachmittag in Entebbe, einer Kleinstadt am Victoriasee, hat sich die Familie von Ester Mutunda ihre besten Gewänder angezogen. Frauen in prachtvollen Kleidern sitzen auf Gartenstühlen, Männer in weißen Hemden stehen hinter ihnen. Sie alle wollen dabei sein, wenn die 28-jährige Ester ihrem künftigen Ehemann übergeben wird. In fast allen Ethnien des Vielvölkerstaats Uganda gibt es dieses Fest, bei dem der Brautvater seine Tochter in die Obhut des Bräutigams entlässt – aber nicht, ohne zuvor reich beschenkt worden zu sein. Während ihre Familie auf die Ankunft des Verlobten wartet, muss Ester so lange im Haus bleiben, bis klar ist, ob ihr Vater mit den Geschenken einverstanden ist. 


Gefolgt von rund 50 Freunden und Verwandten fährt Bräutigam James Onapi mit einem Kleintransporter in den Hof ein. Die Ladefläche ist voller Geschenke: Manche sind in geflochtenen Körben verstaut, andere in goldenes Geschenkpapier verpackt, auch Bananenstauden und Tonkrüge mit Hirsebier sind darunter. Die Begleiter des Bräutigams helfen, seinen Laster zu entladen, und reihen sich vor dem Eingangstor auf. Männer schultern die Pakete. Frauen tragen die Körbe. „Der Bräutigam bringt so viele Geschenke, wie er sich leisten kann“, sagt Julia Nakabiito, die einen Laib Brot trägt. Die Gaben sollen den Brautvater beeindrucken, ihm bestätigen, dass seine Tochter von hohem Wert ist. Julia Nakabiito zeigt auf ein großes Paket, das zwei Männer aus dem Transporter hieven: „Darin ist ein Fernseher“, flüstert sie. 
 Die Mutunda-Familie jubelt, als ihr die Gaben überreicht werden. Die Eltern sitzen im Schatten eines Baumes, als Körbe, Krüge und Bananenstauden vor ihnen niedergelegt werden. Der Vater bekommt einen Schaukelstuhl, die Mutter einige Hühner. Als die Freunde von James Onapi den Fernseher abstellen, macht Vater Mutunda ein zufriedenes Gesicht. Für seine Tochter ist traditionell nur ein einziger, leerer Koffer bestimmt. „Damit sie aus dem Haus ausziehen kann“, sagt Julia Nakabiito. 
 
Die festliche Zeremonie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die jahrhundertealte Tradition, die in Uganda fast alle Schichten, Generationen und Ethnien verbindet, heftig kritisiert wird. Seit die unabhängige Tageszeitung Monitor 2009 erstmals von einem Mann berichtete, der seine Frau missbrauchte und sich dabei ausdrücklich auf den Brautpreis berief, den er für sie bezahlt habe, dokumentieren Fernsehsender und Zeitschriften die Auswirkungen dieser Tradition in verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Die Frauenrechtsorganisation Mifumi hat mit einer Klage vor dem Verfassungsgericht sogar versucht, den Brautpreis zu verbieten. Es handele sich um einen Tauschhandel, bei dem die Frau wie ein Stück Vieh behandelt werde, argumentieren die Frauenrechtlerinnen. Deshalb verstößt der Brautpreis ihrer Ansicht nach gegen die Verfassung, die beiden Geschlechtern dieselben Rechte garantiert.


Üblicherweise wird der Umfang der Geschenke zwischen Bräutigam und Brautvater ausgehandelt. So soll die Familie entschädigt werden, der die Tochter als zusätzliche Einkommensquelle oder Arbeitskraft im Haushalt verloren geht. Was eine junge Frau in Uganda wert ist, variiert dabei stark: In ländlichen Gebieten, wo Familien über Generationen hinweg ihr Vermögen in Rinderherden investieren, sind Kühe und Ochsen die gängige Währung. Arme müssen sich mit Hühnern und Ziegen zufrieden geben, Mittelschichtfamilien wie die Mutundas erwarten Fernseher, Stereoanlagen oder Autos. „Mit den Geschenken dankt der Bräutigam seinen Schwiegereltern dafür, dass die Braut gut erzogen, ausgebildet und gesund ist“, sagt James Omek, nachdem er mitgeholfen hat, auf dem Grundstück der Mutundas alles abzuladen. Er weist einen Fotografen an, die Gaben zu dokumentieren. Der Grund, so Omek: „Kommt es zur Scheidung, dann verlangt der Gatte den Brautpreis zurück.“ 
 
Ursprünglich ist Mifumi der Name eines kleinen Dorfes im Osten Ugandas, in dem sich bereits vor zehn Jahren Frauen zusammengeschlossen haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. Es gelang ihnen, die Dorfvorsteher und Bewohner zu überzeugen, die Tradition des Brautpreises in ihrem Ort einzustellen. „Ein Meilenstein“, sagt Mary Ajoot, die als Anwältin für den Verein Mifumi arbeitet, der sich nach dem Dorf benannt hat. Die Mittdreißigerin hat eine Schulbildung genossen, an der Makerere-Universität in der ungandischen Hauptstadt Kampala studiert und Erfahrungen im Ausland gesammelt. „Unsere Traditionen sind von Männern geprägt“, sagt sie. Doch mit dem Erstarken der städtischen Mittelschicht und verbesserten Bildungsbedingungen gibt es immer mehr Frauen, die sich patriarchale Traditionen nicht mehr gefallen lassen wollen. 


Mary Ajoot hat unzählige Schicksale von Frauen erlebt, die in Folge der Brautpreis-Tradition misshandelt wurden. „Der Brautpreis führt oft zu häuslicher Gewalt, weil der Mann seine Frau als Besitz betrachtet“, sagt sie. Hinzu kommt, dass sich Ehekrisen schnell zu Familienkrisen ausweiten können, weil eine Frau, die sich scheiden lassen will, ihren Vater überzeugen muss, den Brautpreis zurückzugeben. Auch wenn ein Ehemann stirbt, darf seine Frau das Haus erst verlassen, wenn ihr Vater den Brautpreis zurückzahlt. Kann er das nicht, geht die Frau in den Besitz eines Bruders oder Cousins des Verstorbenen über. „Das ist Versklavung“, sagt Mary Ajoot. 


Der Verein Mifumi hat einen Zufluchtsort für misshandelte Frauen eingerichtet und viele von ihnen vor Gericht verteidigt. Ein Fall ist Mary Ajoot besonders nahegegangen: Als eine Frau starb, behauptete ihr Mann, sie habe sich von ihm scheiden lassen wollen. Nur weil der Schwiegervater den Brautpreis nicht zurückgeben wollte, habe die Ehe weiter bestanden. Nach dem Tod seiner Gattin weigerte sich der Mann, ihre Beerdigung zu bezahlen. Erst wollte er den Brautpreis zurück. „Die Leiche der Frau lag tagelang in der Hitze“, erinnert sich Mary Ajoot. 
 
Im Nordosten Ugandas, in der dürren Steppe von Karamoja nahe der Grenze zu Kenia und zum Sudan, führt der Brautpreis sogar zu blutigen Stammesfehden. Unter einem Baum sitzen die Stammesältesten des Apa-Lopama-Klans und diskutieren. Sie tragen bunte Tücher um ihre knochigen Schultern, Ringe baumeln von ihren Ohren. Die Apa-Lopama-Anhänger sind Halbnomaden: Jungen und Männer, Kraal genannt, ziehen mit den Herden auf der Suche nach Weideflächen durch die Hochebene. Die Frauen leben derweil in Siedlungen aus Lehmhütten mit Strohdächern. 


Die Stimmung der Ältesten ist aufgebracht. Der Kraal ist vor wenigen Tagen überfallen worden, 600 Rinder gestohlen, vier Männer getötet. Jetzt plant Timothy Aisu, einer der Stammesführer, einen Gegenangriff. Rinder sind wertvoll in der Karamoja-Steppe, in der es wohl wegen des Klimawandels lange nicht mehr geregnet hat. Die Böden in der Region sind verkrustet, die Brunnen fast ausgetrocknet. Nur die Rinder geben noch Flüssigkeit. „Wir trinken die Milch und das Blut“, sagt Timothy Aisu. Rinder sind aber nicht nur eine Nahrungsquelle, sondern garantieren auch den Fortbestand des Kraals: Heiratet ein Mann eine Frau von einem anderen Stamm, muss er mitunter Hunderte wohlgenährter Rinder bezahlen. Doch die Dürre hat das Vieh abmagern lassen. Im trockenen Sand der kargen Steppe liegen hier und da Skelette verhungerter Tiere. Um genügend Rinder für den Brautpreis zusammenzukriegen, stehlen Männer die Tiere benachbarter Klans. 
 
Die Anwältin Mary Ajoot hat unzählige ähnliche Beispiele gesammelt, um vor dem Verfassungsgericht zu beweisen, dass der Brautpreis zu Gewalt und zur Misshandlung von Frauen führt. Ihr Verein Mifumi will erreichen, dass der Preis als freiwillige Gabe behandelt wird und nicht vom Vater der Braut eingefordert werden darf. Doch die Richter haben die Klage im vergangenen Jahr abgewiesen. Ihre Begründung: Erstens werde der Brautpreis in den mehr als hundert Stämmen und verschiedenen Sprachen Ugandas unterschiedlich ausgelegt. Einige Volksgruppen sprechen demnach nicht von einem „Preis“ für eine Ware, sondern von einem Geschenk, das Wertschätzung ausdrückt. Zweitens habe jede Ethnie laut Verfassung das Recht, ihre Kultur auszuleben. Traditionen können von kulturellen Führern, Königen oder Stammesältesten geändert werden – nicht aber vom Staat. 
 Mary Ajoot will dennoch weiterkämpfen. Ihr Verein hat eine breite Aufklärungskampagne in Blogs und Diskussionsforen auf Facebook gestartet. Und die Entscheidung des Verfassungsgerichts kann nach ugandischem Recht angefochten werden, weil einer der fünf Richter dem Urteil nicht zugestimmt hat. Jetzt will Mifumi zusätzliche Beweise und Argumente sammeln, um das Verfahren neu aufzurollen.


Auf der Brautübergabefeier der Mutunda-Familie sehen es die Gäste dagegen ähnlich wie die Verfassungsrichter. „In unserer Kultur verstehen wir den Brautpreis eher als Geschenk“, sagt Julia Nakabiito, die Freundin des Paars. Es gehe um einen symbolischen Wert und es sei schade, auf die Zeremonie zu verzichten, die noch größer gefeiert wird, als die eigentliche Hochzeit. Dabei sind die Verlobten gebildet, beide haben studiert, er arbeitet als Journalist, sie als Lehrerin. 


Mit einem Strohhalm saugt der Brautvater einen großen Schluck Hirsebier aus einem Tonkrug – dies ist das Zeichen, dass er mit der Heirat seiner Tochter einverstanden ist. Dann kommt endlich auch Ester Mutunda in den Garten gelaufen. In einem goldenen Kleid fällt sie ihrem zukünftigen Mann in die Arme, sie küssen sich. Jetzt kann sich das Paar auf die Hochzeit vorbereiten, die im Unterschied zum Brautpreis nach religiöser Tradition in der Kirche und in einem weißen Kleid begangen wird. Mary Ajoot und ihre Mitstreiterinnen von Mifumi bereiten derweil die Revision vor.

 

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