„Keine Institution kann so viele Titel zensieren“

Wu Shulin, Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt



KULTURAUSTAUSCH sprach mit Wu Shulin, Vizeminister der chinesischen Hauptverwaltung für Presse und Verlagswesen, über das Interesse Chinas an internationalen Titeln. Das Gespräch fand in einem Hinterzimmer des Pressezentrums auf der Frankfurter Buchmesse 2006 statt. Ein Stab von 15 Mitarbeitern Wu Shulins beobachtete uns genau. Wenn wir den Minister fotografierten, fotografierten sie uns. Wenn wir etwas notierten, notierten sie. Der Versuch eines Gesprächs über Zensur auf dem Buchmarkt

Was ist Ihre Aufgabe als Vizeminister der „General Administration of Press and Publication“?
 Als Regierung eines von Gesetzen regierten, demokratischen Landes gewährleisten wir die Geschäftsbeziehungen zwischen chinesischen und ausländischen Verlagen. 
 
Was genau ist Ihre Rolle in diesen Geschäftsbeziehungen?
 Wir sorgen dafür, dass die Geschäfte nach chinesischem Recht abgewickelt werden und dass sie den Bestimmungen der Welthandelsorganisation entsprechen. Falls illegale Praktiken auftauchen, stoppen wir sie.
 
Bestimmen die chinesischen Verlage selbst, was sie verlegen?
 Wir veröffentlichen jedes Jahr 230.000 Titel auf dem chinesischen Buchmarkt, davon 130.000 neue. Keine Institution ist in der Lage, so viele Titel zu zensieren. Über 99,5 Prozent der Titel entscheiden die Verleger also selbst. Ausgenommen sind Bücher über Außenbeziehungen und Biographien über chinesische Führungspersönlichkeiten. Für diese Themen brauchen sie eine Erlaubnis.
 
Ein Buch wie Harry Potter kann es also leicht nach China schaffen.
 Harry Potter war bisher einer der erfolgreichsten ausländischen Titel. Die englische Version publizierte der große chinesische Verlag „People’s Literature“ zusammen mit dem englischen Verlag. Gleichzeitig haben wir 400.000 Exemplare in chinesischer Übersetzung ausgeliefert.
 
Welche Bücher aus dem Ausland erscheinen noch in China?
 In den letzen 15 Jahren durchschnittlich 10.000 bis 13.000 ausländische Titel. Durch sie hat das chinesische Publikum systematisch andere Länder kennengelernt. Nehmen Sie Norwegen: In den letzten fünf Jahren wurden 62 norwegische Bücher ins Chinesische übersetzt. 
 
Wenn man ein Buch in China veröffentlichen möchte: Was ist zu tun?
 Nun, Sie können an jeden der 573 chinesischen Verlage herantreten. Ihr Manuskript wird in höchster Qualität lektoriert und auf Weltklasseniveau vermarktet. Viele unserer Verlage kooperieren mit weltbekannten Verlagen wie Bertelsmann, Pearson Education oder McGraw Hill. Ein herausragendes Beispiel dafür ist das englische Lehrbuch „New concept English“, das von „Foreign Language Teaching and Research Press“ publiziert wurde.
 
 ... dem Verlag der Beijing Foreign Studies University, einem der größten Schulbuchverlage Chinas ...
 Dieses Buch wurde millionenfach verkauft.
 
Wie wird sich der Buchmarkt weiterentwickeln?

 Wir brauchen unsere, aber auch ausländische Bücher. Seit den Reformen haben ausländische Titel eine strahlende Zukunft in China. 

Das Interview führten Jenny Friedrich-Freksa und Nikola Richter

 

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