„Es gibt nie nur eine Geschichte“

Carmen Eller, Ausgabe II/2010, Körper



Die Historikerin Leyla Neyzi sammelt die Lebensgeschichten von Armeniern und Türken. Ein Gespräch über quälende Erinnerungen und einen unbequemen Forschungsgegenstand

Frau Neyzi, Sie untersuchen ein besonders sensibles Thema: das Verhältnis zwischen Türken und Armeniern. Wie sehen Sie dieses Verhältnis? 
Die Verfolgung und Ermordung von Armeniern im Jahr 1915 ist das größte Trauma unserer Gesellschaft. Jeder hat Berührungspunkte damit, das Thema ist jeden Tag in den Medien und jeder hat eine Meinung dazu, denn es gibt keinen Ort in der Türkei, an dem nicht auch Armenier gelebt haben, Gewalt ausgesetzt waren und zur Migration gezwungen wurden. Und so geht es immer um die Fragen: War es Völkermord oder nicht? Wie soll sich der Staat in dieser Angelegenheit verhalten? 
 
Und wie verhält er sich? 
In den Schulbüchern zum Beispiel findet man die staatliche Version. Die Ereignisse von 1915 werden nicht als Genozid bezeichnet, sondern im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg erklärt. Die Armenier werden als Kollaborateure dargestellt, die gegen das Osmanische Reich agierten und als Sicherheitsrisiko vertrieben werden mussten.


Diese Darstellung halten Sie für falsch? 
Es gibt nie nur eine Geschichte, sondern viele. In unseren Interviews stoßen wir auf sehr unterschiedliche Darstellungen. Ein türkischer Armenier, der vertrieben wurde, hat eine andere Sicht auf die Vorgänge, als der Türke, dem der Besitz des Armeniers zugesprochen wurde. Was die Geschichtsbücher reflektieren sollten, ist eine Vielfalt der Perspektiven und die Möglichkeit zur Mündigkeit. 
 
Sie verwenden für Ihre Interviews die Methode der Oral History. Was ist das genau? 
Man kann es als die Kunst des Zuhörens beschreiben. Die klassische Geschichtsforschung, die auf geschriebenen Dokumenten und Quellenarbeit beruht, wird durch die Stimmen ganz gewöhnlicher Menschen 
 vervollständigt. Gerade weil sich diese Menschen nicht als Personen begreifen, die Geschichte schreiben, ist es unsere Aufgabe, auch ihre Überlieferungen in die Öffentlichkeit zu tragen.
 
Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus?
Wir schaffen Archive mit den Lebensgeschichten von Menschen. Dabei gibt es weder richtig noch falsch. Wir wollen wissen, wie die Menschen ihre eigene Geschichte konstruieren, weil wir weniger die Vergangenheit als vielmehr das Verhältnis der Gegenwart zur Vergangenheit untersuchen. Wie wird das Hier und Jetzt durch die Vergangenheit geprägt? 
 
Wie entstehen diese Archive?
In einem Projekt, das die Sabanci Universität zusammen mit dem Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes durchgeführt hat, haben zum Beispiel armenische und türkische Studenten eine Woche zusammen in Diligan, einem Dorf in Armenien, verbracht, das hauptsächlich von den Nachfahren jener besiedelt ist, die 1915 aus der Türkei geflohen sind. Sie haben die Geschichten der Menschen des Ortes gesammelt und sammeln aktuell weiter in unterschiedlichen anderen Regionen die Erzählungen von den Nachfahren der Zeitzeugen. Diese Geschichten werden wir auf Türkisch, Armenisch und Englisch veröffentlichen, um die Erinnerungen von Armeniern und Türken Seite an Seite zu zeigen, ganz nah am Menschen. 


Davon sind die staatlichen Stellen sicher nicht gerade begeistert. Bekommen Sie Schwierigkeiten?
Der Nationalismus hat eine Sichtweise geprägt, nach der es in der Türkei nur eine Sprache, eine Religion, eine Ethnizität, eine Kultur gibt. Den Alltag auch anderer Kulturen in Worte zu fassen, ist Opposition. Viele Intellektuelle werden deshalb verfolgt. Ich merke auch an mir selbst, dass ich mich im Englischen anders ausdrücke als im Türkischen. Im Türkischen überprüfe ich meine Worte viel genauer und schreibe viel subtiler und weniger deutlich. Zum Glück habe ich den Rückhalt meiner Universität.
 
Warum fällt es dem türkischen Staat so schwer, andere Kulturen anzuerkennen? 
Weil hier Kultur mit Nation gleichgesetzt wird. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reichs musste sich der türkische Nationalstaat stets gegen Gefahren von außen verteidigen. Eine geschlossene Identität war, unter Nichtbeachtung der kulturellen Realität, die Basis des nationalen Selbstverständnisses. Dies steht jetzt im Weg, wenn es darum geht, andere Kulturen zu akzeptieren. So wird zum Beispiel das Bedürfnis der Kurden, ihre Sprache zu sprechen und ihre Kultur zu leben, als politische Forderung nach einem eigenen Staat und nicht als Menschenrecht empfunden. 


Gibt es denn gar keine Anzeichen für eine Annäherung der Kulturen? 
Doch, die gibt es. Die Türkei hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Türkische Arbeiter, die in andere europäische Länder gegangen sind, waren neuen Konzepten von Demokratie und Menschenrechten ausgesetzt. Sie haben lesen und schreiben gelernt und eine andere Kultur mit zurückgebracht. Heute haben auch wir in der Türkei Arbeiter aus Russland, Moldawien und andern Ländern und sind nicht abgeschnitten von dem, was weltweit passiert. In vielerlei Hinsicht ist die türkische Gesellschaft in ihrer Entwicklung viel weiter als der Staat.

Das Interview führte Angela Dreßler

 

Ähnliche Artikel

Jenseits der Stille

Ausgabe III/2014, Iraner erzählen von Iran, Holger Schulze

 

Klänge und Geräusche sind allgegenwärtig. Was sie über unser Leben erzählen

mehr


Autsch!

Ausgabe II/2010, Körper, David LeBreton

Wie wir Schmerz wahrnehmen und äußern, hängt von der Kultur ab, in der wir leben

mehr


Leidenschaftlich Türke

Ausgabe IV/2008, Atatürks Erben. Die Türkei im Aufbruch, Oya Baydar

Warum uns emotionales Verhalten weise erscheint

mehr


„Aufklärung auf Deutsch“

Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert, Meral Renz

Wie Lehrer im Sexualkundeunterricht mit kulturellen Unterschieden umgehen sollten, erklärt die Sexualpädagogin Meral Renz

mehr


Interkulturelle Kommunikation

Ausgabe I/2009, Menschen von morgen, Gudrun Czekalla

Was sind die Voraussetzungen f¸r einen erfolgreichen Dialog der Kulturen? Aus psychologischer Sicht sind es einerseits die Bereitschaft zum Dialog und andererse... mehr


Was die Zahl 4 in der Kultur der Navajos bedeutet

Ausgabe III/2008, Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien, Moroni Benally

Der Eigenname der Navajo-Indianer in den Vereinigten Staaten von Amerika ist „Diné“, das bedeutet „Menschenvolk“. Im Schöpfungsmythos der Diné wird ihre spiritu... mehr