Schön, dass wir drüber gesprochen haben

Albrecht von Lucke, Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt



Im Oktober 2006 fand im Auswärtigen Amt eine Konferenz zur Außenkulturpolitik (AKP) statt. Ziel war es zu diskutieren, wie sich die AKP den Erfordernissen des 21. Jahrhunderts anpassen sollte. Themen waren: die Kreativindustrien, der Wettbewerb um die „besten Köpfe“, die Bedeutung Chinas und Indiens, der Kulturdialog nach dem 11. September sowie neue gesellschaftliche Realitäten in Deutschland. Ein Kommentar

Das nennt man wohl einen Sieg auf ganzer Linie: Erst hatte es geheißen, die Auswärtige Kulturpolitik (AKP) werde weiter zur Ader gelassen und Goethe-Institute in Europa müssten schließen. Dann aber bewilligte der Bundestag einen Zuschuss in Höhe von 13,5 Millionen Euro – und die ganze Debatte hatte prompt ein Ende. 


 Also alles wieder in Butter? War es das jetzt etwa schon mit der groß angekündigten Steinmeier‘schen “Trendwende”? Wofür aber dann, fragt sich der etwas ratlose Betrachter, die aufwändige Konferenz, die der Außenminister Ende Oktober eigens zur AKP veranstaltet hatte? 


 Nun gut, die kameralistische Nötigung “China oder Kopenhagen” wurde abgewehrt. Dank Steinmeiers gelungenem Werbe-Bonmot: “Die Auswärtige Kulturpolitik darf uns schon soviel wert sein wie 12 bis 15 Kilometer deutscher Autobahn”. Mit dem zusätzlichen Geld soll nun die “deutsche Präsenz in Wachstumsregionen” gestärkt werden. Kam bisher je ein Mitarbeiter auf einhundert Millionen Chinesen, dürfte sich diese Zahl wohl in Bälde verdoppeln. Immer getreu dem Motto: “Zwei Goethe-Institute sind besser als ein Goethe-Institut” (Tilman Spengler). Wenn‘s denn der Auftragslage dient.


 Dabei würde man sich von einer Kulturoffensive, die den Namen verdient, mehr Nachhaltigkeit versprechen. Bisher hat der Außenminister bewiesen, dass er ganz genau weiß, wie er seine Schäfchen für‘s Erste ins Trockene bringt: Eine schöne Tagung veranstaltet, eine engagierte Rede gehalten, ein wenig das Füllhorn ausgeschüttet – und die kulturschaffende Herde frisst ihm die nächsten Jahre brav aus der Hand. 


 Bleibt als Fazit der durchaus spannenden Konferenz, auf der interessante Crossover zwischen Politik, Ökonomie und Kultur zustande kamen, also bloß: “Schön, dass wir mal wieder über die Rolle der Kultur gesprochen haben“? Fortsetzung folgenlos?


 Das allerdings wäre fatal, denn ganz nebenbei wurde von der Bundesregierung die eigentliche Weichenstellung vorgenommen. Hatte Rot-Grün noch “weltweite Konfliktprävention durch Wertedialog” postuliert, wird jetzt zur nationalen Selbstbesinnung geblasen. Zumindest die Goethe-Institute sollen sich künftig auf ihre ""Kernaufgabe"" beschränken, die deutsche Sprache in der Welt zu fördern und ein “historisch und kulturell breit fundiertes Deutschlandbild zu vermitteln“. 


 Gewiss hat es etwas für sich, wenn deutsche Kulturpolitiker sich daran erinnern, dass Deutschland einmal das “Land der Dichter und Denker” (Monika Griefahn) gewesen ist – zumal im kommenden “Jahr der Geisteswissenschaften”. Doch allzu schnell versandet solche Form der Selbstbesinnung in blanker Selbstzufriedenheit. Der kreativen Anstößigkeit von Kunst und Kultur im Streit um global verallgemeinerbare Werte wird mit derart nationaler Indienstnahme jedenfalls die Spitze genommen. 


 “Deutsche Interessen, deutsche Sprache, deutscher Wein” – das ist die “Trendwende” in der AKP, die sich bisher abzeichnet. Also keine im Sinne einer neuen globalen Strategie, sondern wohl eher eine rein fiskalische: Außer Spesen nix gewesen. Oder?
 

Die Dokumentation der Konferenzergebnisse kann beim Auswärtigen Amt oder unter www.ifa.de bestellt werden.

 

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