„Mich stört Freizügigkeit nicht“

Sabah Baraka, Ausgabe II/2010, Körper



Ein Gespräch mit der Ägypterin Sabah Baraka* über die Bedeutung von Kleidung und persönlicher Freiheit

Frau Baraka, haben Ihre Söhne und Ihre Tochter Ihnen Fragen gestellt, zum Beispiel über ihren Körper, die für Sie tabu waren? 
Tabus gibt es nur in der Öffentlichkeit, aber in der Familie können wir über alles sprechen. Wenn Kinder aufwachsen, brauchen sie viele Erklärungen. In Bezug auf ihren Körper wollte ich ihnen vermitteln, dass er ein Geschenk Gottes ist und wir seine Gabe sehr gut bewahren müssen, dass man seinen Körper niemandem zeigen soll, besonders den Intimbereich, und dass niemand das Recht hat, ihn anzufassen.


Was bedeutet Ihnen persönlich Ihr Körper?
Er ist mir sehr wichtig. Niemand soll ihn sehen – außer meinem Mann. Mein Gesicht zeige ich einem Teil meiner Verwandten und allen Frauen. Vor Männern, die ich nicht kenne, bedecke ich es. Wenn jemand eine Frau zwingen will, das zu tun, wie die Taliban in Afghanistan, ist das natürlich falsch. Niemand hat das Recht dazu. Selbst bei Dingen in der Religion, die tatsächlich verpflichtend sind, wie zum Beispiel das Fasten, darf niemand seine Mitmenschen dazu nötigen. Es sind Gebote, kein Zwang.
 
Wer sollte Ihrer Meinung nach darüber bestimmen dürfen, was eine Frau anziehen soll?
Nur die Frau selbst.


Was ist mit Tradition, Religion oder Familie? 
Nein, das sind doch alles Druckmittel. Wenn eine Frau den Niqab (Gesichtsschleier) oder das Kopftuch tragen will, dann trägt sie das eben. Und wenn sie beides nicht will, dann eben nicht. Meine Tochter hat ihr Kopftuch auch mal für ein paar Monate abgelegt und das war schon schwierig für mich. Ich habe gehofft und gebetet, dass sie es wieder trägt. Aber ich habe sie nicht dazu gezwungen oder überredet. Mich stört es auch überhaupt nicht, wenn Frauen sich freizügig kleiden.


Ihre Tochter ist gerade dabei, sich scheiden zu lassen. Wie stehen Sie und Ihr Mann dazu?
Sie hat sehr gute Gründe dafür und deshalb unterstütze ich sie. Für meinen Mann gilt dasselbe.
 
Wie war Ihre Lebenssituation, als Sie angefangen haben, den Niqab zu tragen?
Mein Mann war auf dem Sinai im Krieg und ich hatte bereits meine drei Kinder. Ich war 32, mein jüngster Sohn war ein paar Monate alt. Ich habe mich für den Niqab entschieden und meinen Mann am Telefon darüber informiert. Er hat mich gefragt, warum, und ich habe es ihm erklärt. Der Prophet hat einmal gesagt: Wer eine Gruppe nachahmt, wird im Jenseits mit ihr zusammen sein. Einige der Frauen des Propheten Mohammed haben ihr Gesicht bedeckt. Und ich will bei den Frauen des Propheten sein und ahme sie in dieser Hinsicht nach. Deshalb gibt mir der Niqab das Gefühl, dass ich etwas Gutes für mich selbst tue.


Das klingt nicht so, als hätte ihr Mann bei der Entscheidung eine Rolle gespielt?
Das hat er auch nicht. Aber er hat meine Entscheidung akzeptiert. Es wird immer behauptet, dass nur die Männer dahinterstecken. Aber ich kenne überhaupt keine Frau, die von ihrem Mann gezwungen wird, den Niqab zu tragen. 
 
Wie sind die Reaktionen auf den Niqab in Ihrem Umfeld?
Es fiel den Menschen sehr schwer, sich darauf einzustellen. Ich persönlich war froh, ihn zu tragen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich anders bin als alle anderen auf der Straße, dass ich meinen Körper besser bewahre. Einige Menschen haben mich noch mehr respektiert als vorher. Aber ich hatte den Eindruck, dass viele mir sagen wollten: „Hey, das ist doch überhaupt keine religiöse Pflicht, warum machst du das?“ Manche haben mich gewarnt und gesagt: „Du wirst ausgeschlossen werden. Du wirst nicht mehr frei sein.“ Aber ich fühle mich genauso frei wie davor. Meine Beziehung zu meiner Familie und meinen Freunden hat sich nicht verändert. Und ich gehe auch nicht weniger aus als vorher. Die Kleidung verändert doch nicht meinen Charakter. Ich bin immer noch genauso gesellig, bekomme oft Besuch und unterhalte mich gerne.

Das Interview führte Karin Schädler
Dolmetscher: Mohamed Abdou
 
*Name von der Redaktion geändert

 

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