Wo sitzt die Seele?

Godula Kosack, Ausgabe II/2010, Körper



Weltweit glauben die Menschen, dass ihre Körper beseelt sind. Ein Gespräch mit der Ethnologin Godula Kosack über das Irgendwas aus dem Irgendwo

Frau Kosack, was ist denn eigentlich die Seele?
Tja, lässt sich das klären? Es kommt immer darauf an, wen Sie fragen. Ein Theologe wird Ihnen etwas anderes antworten als jemand, den Sie im Einkaufszentrum ansprechen. Das sind persönliche Vorstellungen, die sehr voneinander abweichen können. Das Einzige, was allen gemeinsam ist, ist die Idee, dass da etwas existiert, was mit dem Körper verbunden ist, solange der Körper lebt. Die Seele ist das Lebensprinzip, das, was unsere Intuition ausmacht und unser Denken beflügelt. Einfach alles, was zusätzlich zum Körper existiert und den Körper im Moment des Todes wieder verlässt. Und nicht einmal diesen Moment können wir genau bestimmen. Das zeigt das Beispiel Organtransplantation. 
 
Inwiefern?
Im Allgemeinen gilt ein Mensch als tot, wenn das Herz nicht mehr schlägt und er nicht mehr atmet. Aber für Herztransplantationen muss das Herz noch schlagen, also braucht man andere Kriterien, den Tod festzustellen. Ein verunglückter Körper wird für tot erklärt und zur Organtransplantation freigegeben, wenn keine Gehirnaktivitäten mehr messbar sind. Das ist der sogenannte Hirntod. Es gibt also keine Einigkeit über den Moment des Todes. Es gibt nur verschiedene Lehrmeinungen oder ganz persönliche Fantasien. Alle Menschen geraten ins Stammeln, wenn sie genau erklären sollen, was für sie die Seele ist, wie sie in den Körper hineinkommt und wie sie ihn wieder verlässt.
 
Es ist aber doch erstaunlich, dass die Vorstellung von einer Seele im Zeitalter der Naturwissenschaften überhaupt überlebt hat.
Viele Menschen erleben nach einer Organtransplantation in ihrem Körper etwas Fremdes, das einem anderen Wesen zu gehören scheint.Es stimmt zwar, dass die Hirnforschung herausgefunden hat, wo Sprache, wo Denken und wo Empfindungen bestimmter Art im Gehirn angesiedelt sind. Wir können fast alles, was den Menschen bewegt und ausmacht, im Gehirn lokalisieren. Aber die Seele haben Naturwissenschaftler damit noch nicht gefunden und das liegt wohl daran, dass sie überall ist. Da existiert etwas, das mit unserer Terminologie und unserem Wissen nicht erklärbar ist. Und das können wir auch in anderen Kulturen finden, wenn wir uns ihren Konzeptionen annähern.
 
Ist die Seele nicht vor allem eine Sache des Glaubens? 
Alle Seelenkonzepte in allen Kulturen haben mit Religion zu tun, weil sie die Rückkoppelung an das Jenseitige mit einschließen: Die Seele verbindet Menschen mit der transzendenten Sphäre. Was den Kulturen gemeinsam ist, ist, dass aus dem Irgendwo im Jenseits etwas kommt, was dann irgendwann dort wieder hingeht. 
 
Sie haben lange bei den Mafa, einer Volksgruppe in Nordkamerun gelebt. Wie sieht diese Kultur ihre Verbindung zum Jenseits?
Das afrikanische Weltbild im Allgemeinen und auch das der Mafa ist davon geprägt, dass die Welt nicht nur von den Lebenden, sondern auch von den Verstorbenen bewohnt wird. Die existieren noch eine Zeit lang weiter und sind den Menschen sehr nahe. Ihnen wird geopfert, denn die Verstorbenen leiden, wenn die Lebenden sich nicht um sie kümmern. Dann machen sie sich bemerkbar und schicken Unglück. Wenn jemand krank ist, das Vieh nicht gedeiht oder die Ernte misslingt, muss ein Mittler zwischen dem Diesseits und dem Jenseits, ein Orakelsprecher, aufgesucht werden. Mit bestimmten Techniken und einem Wissen, das von Vätern und Müttern überliefert wurde, können diese Orakelsprecher feststellen, welcher Verstorbene zufriedenzustellen ist, wem durch mangelnde Tributgaben oder auch sonst durch irgendwelche Fehlgriffe – wir würden sagen Sünden, die begangen wurden – unrecht getan wurde, die wieder gutgemacht werden müssen, indem der Mensch einsieht: Ich habe gefehlt.


Welche Vorstellung von der Seele haben die Mafa?
Viele Kulturen kennen gar nicht die eine Seele. Wir wissen ja auch nicht so genau, ob unsere Seele eins ist oder verschiedene Qualitäten hat. Die Mafa haben sechs Schatten, die ihre Seele ausmachen. Einer ist mit einem Baum verknüpft, ein anderer mit einem Tier, das im Leben eine Rolle spielt. Wenn ein Schatten wegfällt, dann verliert der Mensch Vitalität. Mit weniger als drei Schatten stirbt er.
 
Dann wohnt die Seele bei den Mafa gar nicht im menschlichen Körper?
Ein Alter Ego oder ein Seelenanteil kann auch außerhalb des Körpers seinen Platz haben. In Afrika kann den Menschen auch ein Gegenüber in der Tierwelt gegeben sein, die sogenannten Tabutiere, mit denen sie in enger Verbindung stehen. Die Seele kann auch außerhalb des Körpers auf einem Baum leben. Diese Vorstellung gibt es nicht nur in Afrika. Das habe ich genauso auch in Georgien erlebt. Da erzählte mir eine Frau, dass ihr Mann gestorben sei, nachdem ein Baum im Hof gefällt wurde. 
 
Wo verorten andere Kulturen die Seele? 
Die meisten Kulturen denken an den gesamten Körper. Im Hinduismus glaubt man, die Seele verlässt nach dem Tod den Körper aus dem linken Knie. Das ist mit der hinduistischen Zahlenmystik verknüpft und sagt nichts darüber aus, wo die Seele während des Lebens gesessen hat. Viele Kulturen verbinden das Atmen mit der Seele. Mit dem letzten Atemzug wird die Seele ausgehaucht. Diesen Ausdruck kennen wir ja auch. Die Seele kommt mit dem Atem aus dem gesamten Körper. Es gibt auch Kulturen, in denen die Sprache die Seele ausmacht. 
 
Welche?
Bei den Tupí-Guaraní-Indianern in Südamerika zum Beispiel ist die Seele als Sprache das Gegenstück zum unstrukturierten Chaos. Die Sprache ist sozusagen das, was die Zivilisation ausmacht. Das kennen wir aus dem jüdisch-christlichen Schöpfungsmythos, wo auch am Anfang das Wort war, das das Erschaffene aus dem Chaos heraushob und zu einer Existenz führte. Daneben machen bei den Tupí-Guaraní noch verschiedenste andere Begrifflichkeiten die Seele aus, zum Beispiel der Name. Das ist uns aus unseren Märchen vertraut: Den Namen preiszugeben bedeutet die ganze Person preiszugeben. 
 
Wann trennen sich Körper und Seele in anderen Kulturen? Wird das ähnlich vielfältig gesehen?
Dieser Übergang ist oft allmählich. Es gibt verschiedene Kulturen, in denen die Zahl vierzig in diesem Zusammenhang eine Rolle spielt, zum Beispiel in Georgien, wo nach dem Tod vierzig Tage lang bestimmte Rituale durchgeführt werden, um die Seele ins Jenseits zu begleiten. Und in den ersten vierzig Tagen nach der Geburt gilt ein Kind in Georgien als noch nicht richtig angekommen. Auch bei den Mosi in Burkina Faso ist das In-die-Welt-Kommen und Aus-der-Welt-Gehen allmählich. Die Kinder sind in den ersten drei Lebensjahren mit dem Jenseits enger verbunden als mit dem Diesseits. Sie müssen in dieser Zeit ganz behutsam behandelt werden, weil das Jenseits immer wieder nach ihnen ruft und sie sich sehr leicht wieder verabschieden können, wenn die Menschen ihnen nicht wohlgesonnen sind.
 
Können Sie ein Ritual beschreiben, das durchgeführt wird, damit die Seele sich vom Körper trennen kann?
Auf der Insel Lesbos in Griechenland findet man die Vorstellung, dass die Seele sich erst nach der Verwesung vom Körper trennt. Dort exhumiert man nach einigen Jahren die Knochen der Verstorbenen und wäscht sie, bis ihnen wirklich nichts mehr anhaftet. Der Prozess des Sterbens gilt erst als abgeschlossen, wenn es keine menschlichen Überreste mehr gibt außer den Knochen. Dann findet ein zweites Begräbnis statt. Das sind Rituale, die in unserer Kultur in Vergessenheit geraten sind. Wir denken, den Körper zu verbrennen oder in die Erde zu senken, wäre der Abschied der Lebenden von den Toten. In anderen Kulturen gelten Begräbnisrituale aber oft als Hilfestellung für die Verstorbenen. Beispiele dafür sind auch das Tibetische und das Ägyptische Totenbuch. Sie enthalten Unterweisungen oder Beschwörungsformeln, die gesprochen werden, um die Seele auf ihrem Weg aus dieser Welt zu unterstützen.
 
Auf welche Schwierigkeiten stoßen Ethnologen, wenn sie die Seelenvorstellungen anderer Kulturen erforschen? 
Die Schwierigkeit ist, dass wir in einer bestimmten Kultur groß geworden sind und alles mit unserer Vorstellung belegt haben. Das wird beim Thema Hexerei – ich nenne es lieber mentale Fremdeinwirkung – besonders deutlich. Wenn mir eine Frau erzählte, sie habe ihren Mann verlassen müssen, weil die Kinder gestorben seien, der Bruder des Mannes habe sie verzehrt, dann habe ich die Frau für ihren Aberglauben bedauert. Wenn mir aber eine Frau sagte, sie habe ihren Mann verlassen müssen, weil er sie zu sehr geschlagen habe, konnte ich das gut verstehen. Einmal wurde meine Vorstellungswelt erreicht und das andere Mal nicht. Als Ethnologe muss man damit aufhören, die Kategorien schon präsent zu haben, sonst verbaut man sich den Zugang zur Wirklichkeit anderer Kulturen. Das gilt besonders für Seelenvorstellungen, die uns oft verwirren, weil sie Ausdruck ungewohnter Weltbilder sind.

Das Interview führte Karola Klatt

 

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