Ein nützliches Feindbild

Michael Lüders, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Warum auch der Westen für Dogmatismus und Gewalt im Namen des Islam verantwortlich ist. Eine Polemik

Ich mag keine Fundamentalisten, kein religiöses Gesetz, keine Burka und keine Polygamie – auch wenn ich schon mal zwei Freundinnen gleichzeitig hatte. Aber ehrlich gesagt kommen mir diese Dinge nicht als Erstes in den Sinn, wenn ich an den Islam denke. Dummheit und Fanatismus sind kein Privileg des Orients, auch wenn in den Medien ständig von „radikalislamischen“ Gruppen die Rede ist, nie aber von radikalen Christen oder Juden. Dumpf und rückständig sind immer nur die anderen. Die Araber. Die Muslime. Immerhin leisten wir uns keine Ehrenmorde. Dafür das eine oder andere Baby in der Tiefkühltruhe oder zerstückelt im Blumenkasten, aber das sind Einzelfälle. Der Muslim mordet, weil er Muslim ist. Am liebsten Andersdenkende. Das ist der Unterschied. Selbst die Deutschen haben nur gemordet, soweit sie Nazis waren. Und das waren bekanntlich die wenigsten.


 Wir sind aufgeklärt. Die sind es nicht. Weil der Koran Fanatismus predigt. Gut, im Irak hat es seit dem Sturz von Saddam Hussein über eine Million Tote gegeben, aber was können die Amerikaner dafür, wenn sich Sunniten und Schiiten gegenseitig umbringen? Immerhin leben die Iraker jetzt in einer Demokratie, soweit sie nicht tot sind oder fliehen mussten, was etwa auf jeden Fünften zutrifft. Auch die Palästinenser sind in der Freiheit angekommen. Sie haben gewählt, unter Beobachtung der Europäischen Union, und die Hamas hat gesiegt. Leider haben sie die Falschen gewählt, und jetzt liegt der Gazastreifen in Trümmern. 


 In meinen Augen ist es eine kulturelle Leistung, ein gemäßigter, liberaler, weltoffener Muslim zu sein und nicht zu verzweifeln angesichts der eigenen Lebenswirklichkeit. Wer in Gaza, Beirut, Basra oder Karatschi aufwächst, kennt kein Leben ohne Gewalt. Daran sind auch wir schuld, unsere falsche Politik, unsere Gleichgültigkeit, solange der Terror nicht uns ereilt, in Europa oder in Amerika. Wo sind die westlichen Intellektuellen, Publizisten, Politiker, die Klartext reden? Die den Generalverdacht gegenüber dem Islam als das entlarven, was er ist, nämlich ein nützliches Feindbild nach innen wie nach außen, gepaart mit Ressentiment? Natürlich gibt es Probleme im Zusammenleben von Muslimen und Nichtmuslimen, auch und gerade in Europa. Aber lassen sich die nicht konstruktiv lösen, jenseits von Überfremdungshysterie? 


 Ich habe keine Probleme mit Muslimen. Zwar möchte ich weiß Gott nicht in Saudi-Arabien leben. Aber die Freiheit, die wir genießen, ist das Ergebnis einer langen blutigen Geschichte. Nicht ein genetisch zu erklärendes Privileg. Die Krankheit des Islam ist seine Geiselnahme durch despotische Regime, eine im Dogma erstarrte Orthodoxie und einen politischen Islam, der sich von den humanistischen Traditionen des eigenen Glaubens entfernt und oft genug auf Gewalt setzt. Für diese Entwicklung tragen wir eine Mitverantwortung. Auch als Folge unserer kulturellen Überheblichkeit und eines Schwarz-Weiß-Denkens, das jede Differenzierung als falsche Toleranz denunziert. Welche deutsche Qualitätszeitung interessiert sich für arabische Schriftsteller, islamische Reformdenker, pakistanische Filmemacher? 


 Es gibt ein moralisches und politisches Gebot von Bedeutung, und das ist Immanuel Kants kategorischer Imperativ. Tue nicht anderen an, was du selbst nicht mit dir geschehen lassen möchtest. Dies ist der Grundgedanke jeder Demokratie, von Rechtsstaatlichkeit und letztendlich auch von Religion. Ohne Humanismus gibt es keine Verständigung über Kulturgrenzen hinweg, die übrigens fließend sind. Deswegen verurteile ich jede Form von ­Antisemitismus ebenso wie die israelischen Massaker an der palästinensischen und libanesischen Zivilbevölkerung, verurteile ich die Verbrechen des sudanesischen Regimes in Dharfur genauso entschieden wie die Kurzsichtigkeit westlicher Machtpolitik im Nahen und Mittleren Osten.Ich benenne die Missstände in der islamischen Welt. Klitoris-Beschneidung, Schächten oder patriarchalisches Denken kann man aber dem Koran nicht anlasten. 


 Wenn man in islamischen Ländern lebt, wirkt das Fremde umso vertrauter, je länger man in ihm verweilt. Mit wachsender Entfernung zu den Gewissheiten Europas schlägt die Angst vor dem Verdrängten um in Faszination. Die Zeit verliert sich in der orientalischen Altstadt, der Medina. Das Licht, die Schatten, die mediterranen Farben. Die Hitze, die Gerüche. Vergessen die Rationalität, das Zielgerichtete, das Bewusste. Man sitzt im Café und lauscht in die vielfältige Geräuschkulisse.

 

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