„Die Menschen haben Gewalt satt“

Shirin Ebadi, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Ein Gespräch mit der iranischen Friedensnobelpreisträgerin über die Wahlen im Juni 2009, Frauen im Iran und das Mullah-Regime

Frau Ebadi, was sind heute die größten Probleme der Frauen in Iran? 
Die Gesetze erkennen Frauen nicht als gleichberechtigte Individuen an. Die Aussage einer Frau ist vor Gericht nur halb so viel wert wie die eines Mannes. Um Vergewaltigung oder häusliche Gewalt zu bezeugen, müssten zwei Frauen gegen einen Mann aussagen. Doch wie oft sieht ein Dritter bei solchen Taten zu? Möchten Sie noch weitere Beispiele? 
 
 Bitte. 
Ein Mann und eine Frau haben einen Autounfall. Er ist in dem einen Auto gefahren, sie in dem anderen. Beide tragen gleichermaßen Schuld, beide Autos sind gleich stark beschädigt. Die Versicherung wird der Frau dennoch nur die Hälfte von dem zahlen, was der Mann erhält, weil die Frau nur halb so viel wert ist in unserer Ordnung. Ein Mann darf in Iran vier Frauen heiraten. Eine Frau darf das umgekehrt nicht. Und ein Mann darf sich scheiden lassen, wann immer er will – ohne eine Begründung anzugeben. Auch das darf eine Frau nicht. 
 
 Dürfen Frauen uneingeschränkt Cafés oder Teehäuser betreten?
Ja, aber ein Revolutionswächter, ein „Pasdaran“, kann einer Frau jederzeit den Zutritt zu einem Café verwehren, wenn er findet, dass die Ärmel ihres Mantels nicht lang genug sind. Die Polizei darf eine Frau festnehmen, wenn sie keinen Schleier trägt. 
 
 Also fühlt man sich immer beobachtet? 
Man spürt das System bis in den kleinsten Winkel seines Lebens. Das Gesetz erlaubt der Polizei zum Beispiel, wenn Sie Hand in Hand mit Ihrem Mann spazieren gehen, zu Ihnen zu kommen und Sie zu fragen, wer Sie sind, ob Sie verheiratet sind, ob Sie eine Eheurkunde haben. Aber wir sollten über die Wurzeln nachdenken: Woher kommt die Macht der Revolutionswächter? Warum fühlen sie sich frei, Menschen Angst zu machen? Die Antwort ist: Weil die Gesetzgebung sie legitimiert. Deshalb verwende ich all meine Kraft darauf, diese zu reformieren.
 
 Befürworten Sie eine Trennung von Religion und Staat? 
Meiner Meinung nach sollte es eine Trennung geben, damit die Regierung die religiösen Überzeugungen von Menschen nicht benutzen und in ihrem Sinne instrumentalisieren kann. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass mehr als 90 Prozent der Wähler in Iran 1979 für die Islamische Republik gestimmt haben. 
 
 Sie gehörten zu denen, die anfangs für die Revolution in Iran kämpften. Fühlen Sie sich vom Mullah-Regime verraten? 
Ich würde nicht von Verrat sprechen. 
 
 Sondern?
Es sind die falschen Methoden, mit denen in unserem Land vorgegangen wird. Das Gelöbnis der Islamischen Revolution war, dem Land Freiheit und Unabhängigkeit zu bringen, dafür habe ich damals gestimmt, und beides sind Werte, für die ich immer noch kämpfe. Vor der Revolution gehorchte die iranische Regierung zu hundert Prozent der amerikanischen. Diese Unabhängigkeit haben wir gewonnen – aber die Revolution hat uns keine Freiheit gebracht. 
 
 Was werfen Sie dem iranischen Staat konkret vor? 
Die iranische Regierung hat die Convention of Human Rights unterzeichnet, hält sie aber nicht ein. In Iran wird immer noch die Todesstrafe für Minderjährige angewandt. Die Gesetzgebung gegenüber Frauen ist diskriminierend. Unsere nationale Gesetzgebung muss den internationalen Standards angepasst werden, zu denen sich die iranische Regierung bekannt hat. Sie behauptet gegenüber den Vereinten Nationen, dass sie die Menschenrechte respektiert und wahrt. Das ist nicht wahr, und damit handelt der Staat illegal. 
 
 2003 wurde Ihnen für Ihr Engagement der Friedensnobelpreis verliehen. Erleichtert er Ihre Arbeit? 
 Ich erreiche heute viel mehr Menschen auf der Welt, der Preis hat mir viele Türen geöffnet. 
 
 Wie hat die iranische Regierung auf Ihre Auszeichnung reagiert? 
Sie hat sie nie respektiert. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte: Als ich den Preis bekam, sagte der damalige Präsident Chatami: „Der Friedensnobelpreis hat doch keine Bedeutung! Wirklich wichtig ist der Literaturnobelpreis.“ Das sagt viel, nicht wahr? 
 
 Seit der Revolution, der Rückkehr Khomeinis nach Iran vor 30 Jahren, hat sich Ihr Leben radikal verändert: Sie durften nicht mehr als Richterin arbeiten...
... und ich fand, nachdem ich als Anwältin tätig wurde und mich für Menschenrechte einsetzte, meinen Namen auf einer Todesliste des Regimes wieder. 
 
 Wie kam das?
Das war reiner Zufall. Ich recherchierte mit Anwaltskollegen über Mordfälle an iranischen Oppositionellen. Beim Lesen stieß ich auf eine Seite, auf der auch mein Name unter den für die Zukunft geplanten Morden stand. Man hatte offenbar nicht darauf geachtet, das aus den Akten zu entfernen. 
 
 Wer hatte diese Liste abgezeichnet? 
Der damalige Informationsminister Dorri-Nadschafabadi. Als das bekannt wurde, gab es einen großen Skandal, und so konnte er nicht anders, als zurückzutreten.
 
 Schweben Sie immer noch in Lebensgefahr?
Ob mein Tod in der Zwischenzeit wieder geplant wird? Ich weiß es nicht. Diese Liste damals sollte ja nie öffentlich werden. Wenn es also wieder eine gäbe – wer weiß, ob sie jemals bekannt würde. 
 
 Wie leben Sie mit dieser Unsicherheit? 
Jeder Mensch wird mit bestimmten Eigenschaften geboren. Schon als Kind versuchte ich, Unterlegene, Schwächere zu verteidigen. Dabei wurde ich selbst ein paar Mal verprügelt. Das ist eine Konsequenz, mit der ich leben muss. 
 
 Sie mussten immer wieder Verhaftungen und wiederholt Gewaltandrohungen erleben. Haben Sie in Iran eigentlich einen Begleitschutz?  
 Es gibt im Iran keine private Security, keine Bodyguards, die man anstellen könnte, also gehe ich zu meinem Schutz immer mit einem Mitglied meiner Familie aus dem Haus, oder mit meiner Sekretärin. Ich gehe niemals und nirgendwo allein hin. 
 
 Was kritisieren Sie an der Regierung des amtierenden Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad?
Neben der Missachtung der Menschenrechte hat sich in den letzten Jahren die wirtschaftliche Situation im Land dramatisch verschlechtert. Die Preise steigen jeden Tag, die Menschen werden zugleich ärmer und ärmer. Individuelle Freiheiten werden immer mehr eingeschränkt.
 
 Zudem hat Iran ein massives Drogenproblem.
Das stimmt. Und ein Grund dafür ist die Hoffnungslosigkeit angesichts der bestehenden Verhältnisse.
 
 Mehr als 70 Prozent der iranischen Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Es mag eine sehr westliche Frage sein, aber: Warum gibt es keine stärkere Opposition? 
Die iranische Bevölkerung hat in den letzten 30 Jahren die Revolution durchlebt und den blutigen, grausamen Krieg mit dem Irak. Die Menschen haben Gewalt so satt. Sie wollen, dass das, was auch immer kommt, friedlich geschieht. Aber das braucht Zeit, und mir sind die Probleme natürlich bewusst: Wir haben politische Gefangene im Iran. Wer die Regierung kritisiert, läuft Gefahr, ins Gefängnis zu kommen. 
 
 Was erwarten Sie von den Präsidentschaftswahlen in Iran im Juni dieses Jahres? 
Meine höchste Erwartung ist, dass die Menschen frei entscheiden können, wen sie wählen möchten, dass alle Kandidaten zur Wahl zugelassen sind.
 
 Ist das realistisch? 
Gemäß der bestehenden Gesetzgebung ist es nicht möglich, aber die Dinge können sich jederzeit ändern. 
 
 Sie sind Optimistin? 
 Ja, würde ich die Hoffnung aufgeben, könnte ich mich nicht weiter engagieren. 
 
 Werden Sie denn zur Wahl gehen? 
 Wenn die Gesetzgebung bis dahin tatsächlich eine andere wäre, würde ich wählen. Aber solange mir das Recht, frei unter allen Kandidaten zu entscheiden, verwehrt wird, gebe ich meine Stimme aus Protest nicht ab.

Das Interview führte Anne Ameri-Siemens

 

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