Respekt statt Frauenbonus

Abeer Esber, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Die arabischen Schriftstellerinnen Joumana Haddad und Abeer Esber über Zensur, Tabus und den Platz von Frauen in der aktuellen arabischen Literatur

In der westlichen Welt empfindet man arabische Schriftstellerinnen oft als mutiger denn ihre männlichen Kollegen. Doch Autoren und Autorinnen sind entweder gut, kreativ, mutig, originell, oder nicht. Für mich hat diese Gender-Diskussion nichts mit guter Literatur zu tun. Es geht darin vielmehr um Talent, um einen neuen Blick auf das Leben und zudem ist Schreiben harte Arbeit. Entweder ist man besessen vom Schreiben oder man ist es nicht. Das gilt für Männer und Frauen.


 Frauen in den arabischen Ländern haben es derzeit leider aus den falschen Gründen leichter, einen Verlag für ihre Bücher zu finden. Wir befinden uns in einer männlich dominierten Gesellschaft, und für die Herren ist es normal, zu schreiben und brillant zu sein. Als wir arabische Frauen begannen, in die Bereiche der Kunst und der Literatur zu strömen, wurden wir entweder ignoriert oder man legte für uns eine andere Messlatte an als für unsere männlichen Kollegen. Mit denen, die uns immer noch ignorieren, können wir umgehen. Aber dass wir – als Frauen – anders bewertet werden, das lehne ich grundsätzlich ab. Es zeigt die widersprüchliche Haltung der Mehrheit der arabischen Verleger: Sie erwarten zum einen weniger von den Frauen, keine Qualität. Für viele von ihnen befinden sich unsere Werke einfach außerhalb des Vergleichs mit der Literatur der Männer. Zum anderen hat ihnen die Idee der schreibenden Frauen gefallen. Sie wurden neugierig. Und es war auch für die Verleger ein unbekanntes Terrain: So feierten sie weibliche Schriftsteller unabhängig vom literarischen Wert des Verfassten. Die Verleger wollten ein Produkt verkaufen. Mit der Anspielung auf Freiheit, dem Brechen von Tabus, mit Sexthemen und der Beschreibung von Liebesakten – und das alles in einer Mischung aus Fiktion und Biografie der Autorin. Paradoxerweise geben uns heutzutage selbst der Westen und die Europäer größere Chancen als unseren männlichen arabischen Kollegen, da sie glauben, dass wir diese Möglichkeit in unseren Ländern nicht hätten. So wie mein deutscher Verleger, Abdul Rahman Alawi, der sich ausschließlich für die Arbeit mit arabischen Autorinnen interessiert.


 Aber unterscheidet sich „weibliche“ Literatur so sehr von der „männlichen“? Das ist eine heiß diskutierte Frage, nicht nur in der arabischen, sondern in der ganzen Welt – wir haben diesen „Mann-Frau-Diskurs“ immer noch überall, in der Politik, in der Religion und nun auch in der Literatur. Doch um diese Frage zu beantworten, muss ich zunächst historisch ausholen. Nach der Besetzung Palästinas, dem Beginn und dem Hochkochen des arabisch-israelischen Konflikts erreichten wir durch diese komplizierte Lage einen Zustand vollkommener Frustration – bezogen auf die politischen Umstände. Staats- und Lebenskonzepte wurden durcheinandergeschmissen, sodass man nicht mehr wusste, in welche Richtung es gehen könnte. Die Gesellschaften pendelten unentschlossen hin und her – zwischen der unreflektierten Akzeptanz der modernen Zivilgesellschaft, der Annahme der durch die Vernunft diktierten demokratischen und säkularen Werte und der einfachen Variante: Lösungen und Antworten in allen problematischen Situationen in dem „großen Erbe der arabischen Nation“ zu finden. Was bedeutet, tief in die Geschichte einzutauchen, sie nicht infrage zu stellen, sondern zu umarmen – und dabei blind ihren Rollenmodellen, Glaubens- und Weltansichten und ihren Konventionen zu folgen.


 „Weibliche Schriftsteller“ als Teile dieser neu geschaffenen Gesellschaften an dem einen Ende des Pendels waren in diesem Konflikt gefangen. Das Chaos war und ist groß in dieser Diskussion – genauso wie auch unser Leben chaotisch verläuft. Zwei Kategorien entstanden, in die wir eingeordnet wurden und uns selbst einordneten: einerseits „weibliche Schriftsteller“, andererseits einfach nur „Schriftsteller“.


 „Weibliche Schriftsteller“ sind diejenigen Autorinnen, die das Leben als Kampf der Geschlechter sehen, die versuchen, die herrschsüchtige, widersprüchliche, heuchlerische und gewalttätige Welt der Männer dadurch, dass sie alle Themen in die Öffentlichkeit bringen, zu verstehen und zu verändern. Bis zur Erschöpfung widmen sie sich Themen wie der Jungfräulichkeit, der Enttäuschung in Liebesdingen, Zwangsverheiratung, Vergewaltigung oder der falschen Auslegung von religiösen Lehren zur Untermauerung der männlichen Macht.


 Die zweite Gruppe, die sich selbst als „Schriftsteller“ betrachtet, ordnet sich zusammen mit den männlichen Kollegen in einen größeren Kontext ein. Sie sehen sich als Opfer der höheren Autoritäten, als Gefangene der Armut, der Arbeitslosigkeit, der politischen Verfolgung, leiden unter dem Mangel an Demokratie, unter dem Fehlen von Individualität, unter dem Verlust von Träumen. Sie kämpfen gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen für ein besseres Leben, dadurch, dass sie neue, richtungsweisende Themen in ihren Romanen behandeln. 


Ich selbst bezeichne mich als dieser zweiten Gruppe zugehörig. Zurzeit arbeite ich an einem Roman, in dem ich die Beziehungen zwischen Syrien und Libanon interpretiere, auf dem aktuellen Stand der Dinge, jetzt, in der Zeit nach der Ermordung des libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri. Dazu benutze ich Liedertexte, Umgangssprache und cinematografisch inszenierte Einblicke, um eine Geschichte aus der Perspektive von drei verschiedenen Menschen zu erzählen. Es gibt einen Mann, ein Mädchen und mich, in meinem eigenen Leben, ich benenne mich sogar mit meinem Namen, Abeer.
 

Protokolliert und aus dem Englischen übersetzt
 von Jasna Zaj?ek
 

 

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