Träum was Schönes

Claudia Ott, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Seit Jahrhunderten entführt „Tausendundeine Nacht“ in die Fremde des Orients. Doch was sagt das Werk wirklich über die islamische Welt?

„Wahrhaftig, der Koran hat recht: Die Tücke von euch Weibern ist ungeheuerlich!“, so seufzen die beiden Könige und Brüder Schahriyar und Schah Saman, nachdem sie Opfer der Jungfrau in der Glastruhe geworden sind. Ein Seufzer, der stutzig macht. Wie können die Könige in dieser Rahmengeschichte von „Tausendundeine Nacht“, die Jahrhunderte älter ist als der Islam, den Koran zitieren? 


 Die Lösung liegt in der komplexen Überlieferungsgeschichte von „Tausendundeine Nacht“. Die indischen Motive der Rahmengeschichte wanderten zunächst in die mittelpersische Pahlavi-Literatur, wo sie zwischen dem 3. und 6. Jahrhundert zu einem zusammenhängenden Werk mit dem Titel „Tausend Abenteuergeschichten“ zusammengefügt wurden. Dieses Werk wurde um 800 ins Arabische übertragen. Es erhielt den Titel „Alf Layla“, „Tausend Nächte“. Der Titel „Alf Layla wa-layla“, „Tausendundeine Nacht“ ist erst um 1150 bezeugt.


 „Tausendundeine Nacht“ ist eine heterogene und im Laufe von Jahrhunderten gewachsene Geschichtensammlung. Tierfabeln, mystische Parabeln und poetische Kabinettstückchen stehen darin neben weinseligen Liebesromanzen am Hof des Kalifen Harun ar-Raschid und Kriminalgeschichten aus dem fatimidischen Kairo. Die Spannbreite der Themen und literarischen Genres reicht bis hin zu fantastischen Abenteuern mit fliegenden Dschinnen hoch im Himmel oder ganzen Kolonien von Meerjungfrauen tief unten im Wasser. Die meisten Geschichten entstammen der arabischen Bildungsliteratur und Erzählkultur zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert. Zusammengehalten wird diese bunte Sammlung spannender Unterhaltungsliteratur durch eine erheblich ältere Rahmengeschichte. Deren Wurzeln liegen in der buddhistischen Sanskritliteratur Indiens zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert nach Christus. 


 Die Rahmengeschichte von „Tausendundeine Nacht“ erzählt vom grausamen König Schahriyar, der sich, nachdem er einen Betrug seiner Ehefrau aufgedeckt hat, an allen Frauen der Welt rächen möchte. Er beschließt, von nun an jede Frau nur für eine einzige Nacht zu heiraten und sie am folgenden Morgen zu töten, „um vor ihrer Bosheit und Arglist in Sicherheit zu sein“. Nach zahllosen Morden bietet sich die Wesirstochter Schahrasad dem König als Braut an. Doch bevor der Morgen graut, an dem sie getötet werden soll, beginnt Schahrasad eine spannende Geschichte zu erzählen. König Schahriyar ist so gespannt auf die Fortsetzung, dass er ihre Hinrichtung immer wieder aufschiebt. Jede Nacht beginnt und endet an der spannendsten Stelle mit der „Nachtformel“: „Da erreichte das Morgengrauen Schahrasad, und sie hörte auf zu erzählen. ‚Ach, Schwester‘, seufzte Dinarasad, ‚wie köstlich und wie aufregend ist deine Geschichte!‘ – ‚Was ist das schon‘, erwiderte sie, ‚gegen das, was ich euch morgen Nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe, und mich der König verschont ...‘“ 


 Im Zuge der Übersetzung ins Arabische wurde das Werk islamisiert, indem Formeln und Motive aus dem Islam eingebracht wurden. In den alten indisch-persischen Geschichten wirken diese Elemente noch wie Fremdkörper. Die später hinzugekommenen arabischen Geschichten enthalten diese Formeln ganz selbstverständlich. Insgesamt ist die islamische Religion integraler Bestandteil des Lebens und Handelns aller Protagonisten von „Tausendundeine Nacht“ geworden. 


 Der Islam begegnet uns hier überwiegend als universale monotheistische Glaubensauffassung, mit der sich auch Angehörige anderer Religionen identifizieren können. „Gott allein kennt das Verborgene, und nur Er weiß, was einst wirklich geschah in den längst vergangenen Geschichten der Völker“, so heißt es in einem um 1700 entstandenen Vorwort zu „Tausendundeine Nacht“. Besonders gern wird das Augenmerk auf die Begrenztheit menschlicher Existenz angesichts göttlicher Allmacht gelenkt (siehe Gedicht rechts). Der Eine, allmächtige und allwissende Gott ist aber vor allem der Herr über das Schicksal, dem sich alle Menschen zu fügen haben. Das Schicksal, das auf Arabisch „qadar“ oder „dahr“ heißt, kommt allein in den ersten 282 Nächten mehr als hundertmal vor und wird zum wichtigsten Handlungsträger. „Nun wollte es das Schicksal, dass ...“ ist eine der häufigsten Einleitungen zu einer neuen Wendung. Und die bereits erwähnte „Jungfrau in der Glastruhe“, die unbemerkt von ihrem Gatten, dem bösen Ifriten, 100 Männer verführt hat, stellt fest: „In der Tiefe dieses wogenden, tosenden Meeres, wo die Wellen aufeinanderschlagen, hält er mich gefangen und eingeschlossen, weil ich eine tugendhafte Jungfrau bleiben soll. Aber er wußte nicht, daß es das Schicksal anders wollte, und nichts das Schicksal aufhalten kann!“ 


 Als Motiv oder eigentliches Thema einer Erzählung dient der Islam eher selten. In der Geschichte von der „Ersten Dame, der Hausbesitzerin“ im Rahmen der „Geschichte vom Träger und den drei Damen“ waren die heidnischen Bewohner einer Stadt aufgefordert worden, sich zum Islam zu bekehren, hatten sich aber widersetzt. Zur Strafe werden alle Bewohner der Stadt – bis auf einen einzigen gottesfürchtigen jungen Mann, in den die Dame sich nun verliebt – in Steine verwandelt. Die Geschichte vom „Buckligen, dem Freund des Kaisers von China“ lässt fast satirisch Protagonisten aus drei Religionen auftreten: Nacheinander werden ein jüdischer Arzt, ein christlicher Makler und ein muslimischer Koch in ein komisches Abenteuer hineingezogen – ein schönes Beispiel für das Zusammenleben der Religionen im städtischen Bereich in Zentralasien, denn diese Geschichte ereignet sich in der Stadt Kashgar, dem heutigen chinesischen Kashi.


 Einige der Geschichten spielen an gut lokalisierbaren Schauplätzen oder versetzen den Leser oder Hörer in eine bestimmte historische Situation. So ziehen wir mit dem Kalifen Harun ar-Raschid durch seine Palaststadt Bagdad, reisen auf dem Tigris nach Basra oder Mosul, besuchen Ägypten in der Fatimidenzeit oder China zur Blütezeit der Seidenstraße. Auch die historisch belegten Grenzkämpfe zwischen Byzanz und dem arabischen Kalifat spiegeln sich in „Tausendundeine Nacht“ wider. Der „Ritterroman von Umar Ibn an-Numan“, ursprünglich ein arabisches Kriegerepos, wurde für „Tausendundeine Nacht“ in charakteristischer Weise umgestaltet. Zuerst wurde der historische Bezug verwischt. Es entstanden Schauplätze in phantastischer Geografie lediglich Konstantinopel blieb namentlich erhalten. Die Helden, die im Epos noch ihre historischen Namen wie Abdalmalik, Maslama oder König Leon tragen, erhielten Fantasienamen wie „Es-war-einmal“, „Licht-des-Ortes“ oder „Es-wurde-beschlossen-und-so-war-es“. In einem zweiten Schritt wurden Zäsuren eingefügt, an denen die typischen eingeschachtelten Geschichten auf zweiter und dritter Erzählebene eingeschoben werden konnten, etwa die Liebesromanzen von Tadsch al-Muluk und der Prinzessin Dunya sowie die Geschichte vom Haschischesser, in der ein Mann im Drogenrausch erotische Phantasien hat. Zuletzt wurde die Einteilung in Nächte vorgenommen, das für „Tausendundeine Nacht“ bestimmende Prinzip. Aus einem historischen Epos ist somit Unterhaltungsliteratur geworden. 


 Und hier scheint mir der Schlüssel für die Antwort auf die Frage nach den Bezügen zur islamischen Welt zu liegen: „Tausendundeine Nacht“ sollte in erster Linie als Unterhaltungsliteratur verstanden werden. Zusammengestellt einzig nach den Kriterien „spannend“ und „aufregend“, die sich in jeder Nachtüberschrift wiederfinden, wäre es ein fatales Missverständnis, wenn wir die Geschichten aus „Tausendundeine Nacht“ als historische Quellen oder Zeugnisse islamischen Glaubens heranziehen wollten. Im Gegenteil: Oft entsprechen sie eher literarischen Vorbildern, enthalten Utopien und Idealvorstellungen oder bilden Gegenentwürfe zur Realität. Gerade deshalb erregte die Geschichtensammlung in der islamischen Welt oft Anstoß, denn hier präsentiert sich ein freieres Leben, in dem Frauen das Patriarchat auf subtile Weise überwinden. 


 Und Schahrasad, die 18 und zugleich 2000 Jahre alte Protagonistin der Rahmengeschichte von „Tausendundeine Nacht“, ist nicht weniger als die Erfinderin des Cliffhangers und die Urmutter der modernen Vorabend-Soap. Als solche hat Schahrasad ganze Generationen arabischer Leser und Hörer in den Bann geschlagen. 1704 hat sie mit der ersten Übersetzung in eine europäische Sprache, der französischen „Mille et une Nuit“, den Sprung ins Abendland geschafft, im 18. und 19. Jahrhundert den europäischen Orientboom entscheidend geprägt und sie wirkt bis heute weiter. Spannende Unterhaltung, kombiniert mit einem hohen Sinn für Poesie und Humor, war und ist in der islamischen Kultur ebenso beliebt – und ebenso umstritten – wie in unseren Literaturen. 
 
 

 

Ähnliche Artikel

Islamwissenschaft

Ausgabe III/2008, Wir haben die Wahl. Von neuen und alten Demokratien, Gudrun Czekalla

Die Islamwissenschaften legen eine religionswissenschaftliche Ausrichtung nahe. Die Forscher wiederum sehen sich als Geisteswissenschaftler mit historischen Met... mehr


Ein nützliches Feindbild

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam, Michael Lüders

Warum auch der Westen für Dogmatismus und Gewalt im Namen des Islam verantwortlich ist. Eine Polemik

mehr


Rotkäppchen und der Tiger

Ausgabe IV/2012, Vom Sterben. Ein Heft über Leben und Tod, Claudia Schmölders

Wie die Märchen der Brüder Grimm in anderen Ländern erzählt werden

mehr


Wenn Verzicht unmöglich ist

Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen, Adania Shibli

In der arabischen Welt leben die meisten Menschen in Armut. Die Eliten orientieren sich lieber am westlichen Lebensstandard

mehr


Zum Anbeten: Frauen in den Weltreligionen

Ausgabe IV/2007, Frauen, wie geht's?, Nahed Selim

Islam: Chadidscha

mehr


Theorie der Zauberkunst

Ausgabe II/2012, Im Dorf. Auf der Suche nach einem besseren Leben, Najem Wali

Philosophie und Technik der alten Griechen gelangten durch die Gelehrten der arabischen Welt wieder nach Mitteleuropa. Wie sich dieser Kulturaustausch vollzog, erzählt uns John Freely in „Platon in Bagdad“

mehr