Bye bye Benedikt

Matthias Jäger, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Sonderweg oder Modell für andere? Wie sich die Spanier von der katholischen Kirche emanzipieren

„Für den Vatikan ist Spanien die Feuerprobe für das künftige Verhältnis von Kirche und Staat in Europa.“ Derart kategorisch urteilte die „New York Times“ zu Beginn des Jahres. Auch andere Beobachter betonen eine Schlüsselrolle Spaniens bei der Strategie Roms, den fortschreitenden Laizismus in Europa aufzuhalten. In der Tat ist das Verhältnis zwischen Staat und Kirche derzeit wohl nirgends so im Umbruch wie in Spanien, wo seit einigen Jahren die gesellschaftlichen Kräfte auseinanderdriften. Dies wurde im Frühjahr 2008 deutlich, als innerhalb weniger Wochen der erzkonservative Kardinal Antonio María Rouco Varela zum Vorsitzenden der spanischen Bischofskonferenz gewählt und die sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero im Amt bestätigt wurde. Vorausgegangen war ein Wahlkampf, in dem die katholische Kirche eine Wahlempfehlung, eine „moralische Orientierung“, zugunsten der konservativen Volkspartei Partido Popular ausgesprochen hatte, während der Sprecher der Muslime im südspanischen Córdoba die Wahl der „fortschrittlichen Parteien“ empfohlen hatte.


Nachdem Spanien Nord- und Mitteleuropa gesellschaftspolitisch lange hinterherhinkte, hat die sozialistische Partei PSOE, die seit 2004 die Regierung stellt, das Land quasi auf die Überholspur gesetzt und innerhalb weniger Jahre eine heilige Kuh nach der anderen geschlachtet: Erst führte man als zweites Land nach den Niederlanden die gleichberechtigte Ehe für homosexuelle Paare ein, anschließend eines der im EU-Vergleich schnellsten Scheidungsverfahren. Das Fach Bürgerkunde wird nun komplementär zum Religionsunterricht angeboten, Sterbehilfe und Abtreibung sollen liberalisiert werden. Dass zum ersten Mal in der Geschichte Spaniens einem Kabinett mehr Ministerinnen als Minister angehören, spiegelt zwar noch nicht die tatsächlichen gesellschaftlichen Verhältnisse, trägt aber pädagogische Züge. Das Bild der hochschwangeren neuen Verteidigungsministerin Carme Chacón, die die Reihen ihrer Untergebenen abschritt, ging dennoch durch die internationale Presse und machte klar, wie tiefgreifend sich die Gesellschaft seit einigen Jahren verändert.


Diese Veränderungen versetzen die katholische Kirche, die neben dem Militär noch immer als einer der Hauptpfeiler des konservativen Spanien gilt, in eine schwierige Lage. Schon seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass der „transición política“, dem Übergang zur Demokratie ab 1975, nach einer „transición social“ nun auch eine „transición religiosa“ zu folgen scheint – die Spanier nennen ihre Kinder heute nicht mehr selbstverständlich Piedad, Concepción oder José María. Aber wie weit ist der Säkularisierungsprozess der spanischen Gesellschaft tatsächlich fortgeschritten? Nach dem Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung, einer repräsentativen Erhebung in 21 Ländern, nimmt Spanien heute im internationalen Vergleich der Religiosität nur noch eine mittlere Position ein: 27 Prozent der Spanier können danach als hochreligiös gelten, 52 Prozent der Menschen sind religiös, 19 Prozent nicht religiös. Damit liegt das „katholische Spanien“ in etwa im westeuropäischen Durchschnitt, bleibt aber deutlich hinter ähnlich katholisch geprägten Ländern wie Polen oder Italien zurück.


Die größte Dynamik entfaltet in Spanien derzeit die wachsende Gruppe der Religionslosen, die bereits knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht. Den Soziologen José Casanova von der Georgetown University in Washington überraschen diese Befunde nicht: „Zu den bezeichnendsten Entwicklungen in den letzten Jahren zählen tatsächlich die vielen Fälle, in denen Spanier gerichtliche Schritte unternommen haben, um die katholische Kirche zu zwingen, ihre Namen aus den Taufregistern zu streichen.“ Dieses Engagement erstaunt aus deutscher Sicht, weil Spanien 1979 die Mandatssteuer eingeführt hat, nach der jeder Steuerpflichtige selbst wählen kann, ob 0,7 Prozent seiner Einkommenssteuer der Kirche oder einer anderen sozialen oder kulturellen Einrichtung zugutekommen sollen – der Mandatssteuer kann man sich selbst durch einen Kirchenaustritt nicht entziehen.


Auch alle Hinweise auf die zu erwartenden Entwicklungen der Religiosität in Spanien deuten auf eine Anpassung an den religionssoziologisch feststellbaren Allgemeintrend Westeuropas hin, der seit Jahren durch religiöse Pluralisierung und Entkirchlichung geprägt ist. Und ausgerechnet in dem Land, das zu allen Zeiten einflussreiche Ordensgemeinschaften und neue geistliche Bewegungen innerhalb der römisch-katholischen Kirche hervorgebracht hat – von Dominikanern über Jesuiten bis hin zu Opus Dei – und das auch deshalb in der Franco-Diktatur offiziell als „geistige Reserve des Okzidents“ bezeichnet wurde, bricht nun auch noch der Nachwuchs weg: In Spaniens 70 Diözesen melden sich immer weniger Priesteramtskandidaten, nicht selten kann der Bedarf, der durch aus dem Amt scheidende Geistliche entsteht, nur durch Bewerber aus Afrika, Asien oder Lateinamerika gedeckt werden.


Nicht nur unter diesem Gesichtspunkt wird die religiöse Entwicklung des Landes in den nächsten Jahren richtungweisend sein. Der demografische Wandel und die starken Einwanderungswellen der letzten Jahre könnten schon bald an der Monopolstellung des Katholizismus kratzen und merklich Bewegung in den religiösen Markt in Spanien bringen. Zwar kamen mit den zahlreichen Südamerikanern auch gläubige Katholiken ins Land gleichzeitig verschiebt sich die regionale Verteilung der Einwanderer aber zugunsten von Menschen aus dem ehemaligen Ostblock – besonders aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine – und aus Nordafrika, ihrer religiösen Herkunft nach also Menschen christlich-orthodoxen und muslimischen Glaubens. Entsprechend prognostiziert der Soziologe Casanova: „Spanien könnte nach der Vertreibung von Juden und Muslimen vor 500 Jahren zum ersten Mal wieder auf dem Weg zu einer in religiöser Hinsicht pluralistischen Gesellschaft sein.“


Bis 1492 hatte die „convivencia“, das jahrhundertelange weitgehend friedliche Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen, dem Land eine einzigartige kulturelle Blütezeit beschert. In den letzten Jahren schien es jedoch eher, als habe Spanien diese historische Erfahrung kaum für sich fruchtbar machen können: In dem Maße, in dem sich Spanien in den 1980er-Jahren vom Auswanderungsland zur Einwanderungsgesellschaft wandelte, nahmen auch fremdenfeindliche Konflikte zu. Nach einer im Frühjahr 2008 durchgeführten Studie des Pew Research Center haben 46 Prozent der Spanier heute eine eher schlechte oder sehr schlechte Meinung von Juden, 52 Prozent geben dies für ihr Verhältnis zu den Muslimen an. Damit nimmt Spanien eine wenig rühmliche Spitzenposition vor Polen, Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien ein. Der „Gallup Islam-West Dialogue Index“ zählt die Spanier unter 21 Ländern zu denjenigen Befragten, die am wenigsten optimistisch auf das Verhältnis des Westens zur islamischen Welt blicken.


Es bleibt deshalb abzuwarten, wie sich die religiöse Pluralisierung in den nächsten Jahren auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und auch auf die Positionierung der katholischen Kirche auswirken wird. Letztere hat den schwierigen Übergang vom Staatskirchentum zur Kirche im modernen, säkularen Staat zu bewältigen und wird, wenn auch unter derzeit schwierigen politischen Vorzeichen, die Formen der Zusammenarbeit mit dem Staat neu aushandeln müssen – ein Prozess, der auch für das Selbstverständnis von Kirche in anderen Ländern Europas von Bedeutung sein dürfte. Mit seiner Verfassung von 1978 hatte sich Spanien im europäischen Spektrum zwischen Staatskirchentum und Laizismus am deutschen Beispiel einer „hinkenden“ Trennung von Staat und Kirche orientiert und die entsprechenden Artikel teilweise wörtlich aus dem Grundgesetz beziehungsweise der Weimarer Verfassung übernommen. Man kennt daher auch ähnliche religionspolitische Auseinandersetzungen, von konfessionellem Religionsunterricht über die rechtliche Anerkennung des Islam und die gesellschaftlichen Debatten über Moscheebauten bis hin zum Kruzifix-Urteil. Die Besonderheit des spanischen Falles liegt dabei neben der langen Präsenz des Islam auf der iberischen Halbinsel auch in der traditionell starken Verflechtung des Katholizismus mit dem Staat, die sich auch am aktuellen Verfassungstext noch ablesen lässt: Obwohl Artikel 16 neben der Religionsfreiheit und der Kooperation zwischen Staat und Religionsgemeinschaften auch die grundsätzliche konfessionelle Neutralität des Staates betont, spricht er im letzten Absatz doch wieder von „der katholischen Kirche und den anderen Konfessionen“. Gregorio Peces-Barba, einer der sieben Väter der spanischen Verfassung von 1978, bekannte dazu einmal: „Es war ein Fehler, die katholische Kirche in der Verfassung namentlich zu nennen“.


Auch in der aktuellen, ideologisch geführten Debatte fehlt es nicht an Stimmen, die jahrzehntealte Vereinbarungen des Staates mit der Kirche lieber heute als morgen aufkündigen würden. Nicht wenige Bischöfe sehen Spanien angesichts dieser Bestrebungen und der letzten politischen Reformen schon als „Anführer einer laizistischen Kulturrevolution in Europa.“


Die Sozialisten einigten sich nun erst einmal auf die von Regierungschef Zapatero bevorzugte Linie, dass die im Staatsvertrag mit dem Vatikan zugestandenen Privilegien der katholischen Kirche nicht angetastet werden. Eine striktere Trennung von Staat und Kirche solle nicht erzwungen werden, man wolle vielmehr die Entwicklung der spanischen Gesellschaft in diese Richtung „leiten und begleiten“.

 

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