„Polizisten auf dem Balkan“

Anton Sterbling, Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt



Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht, wie es um die Behörden und Polizeistrukturen in Südosteuropa steht: Interview mit Professor Sterbling

Herr Professor Sterbling, warum sollen sich deutsche Polizeikommissare mit Südosteuropa beschäftigen?
 Deutsche Polizeibeamte sind in Bosnien-Herzegowina und im Kosovo im Einsatz. In den Urlaubsmonaten werden deutsche Polizisten nach Ungarn entsandt, dorthin, wo deutsche Touristen sind, etwa an den Plattensee. Mit der Polizei und deren Ausbildungseinrichtungen in diesen Ländern arbeiten wir seit Jahren zusammen. Deutsche Polizisten müssen Bescheid wissen über die Region. Es sind interkulturelle Kompetenzen und Sprachkenntnisse gefragt.
 

Seit dem 1. Januar 2007 sind Rumänien und Bulgarien Mitglieder der EU. Was bedeutet das für Ihre Arbeit? 
 Es wird neue Möglichkeiten geben, bei der inneren Sicherheit und der Polizeiausbildung zu kooperieren. Zugleich entstehen neue Fragen: Wie wandeln sich die Institutionen? Wie entwickeln sich Parteien, politische Kultur, Rechtswesen? Denn all das steht im Zusammenhang mit der Kriminalitätsbekämpfung.
 
In der deutschen Presse ist zu lesen, dass gestohlene Autos aus Deutschland schon mal als Behördenfahrzeuge in Bulgarien wieder auftauchen. Existiert dort ein anderes Rechtsverständnis?
 Trotz Harmonisierung gibt es selbst in den Kernländern der EU, etwa Italien oder Frankreich, eigene Rechtskulturen. Mit der wachsenden kulturellen Heterogenität Europas werden die Differenzen wachsen. In Südosteuropa kommt noch hinzu: Wir haben es mit vielfältigen Nachwirkungen der kommunistischen Herrschaft zu tun. Aus dem Übergang zu freiheitlich-rechtsstaatlichen Ordnungen ergeben sich ganz eigene Probleme. 
 
Wie kann man auf Defizite hinweisen, ohne in Balkanvorurteile zu verfallen?
 Gegen Vorurteile helfen vor allem empirisch solide Analysen, etwa, wenn es um die prekäre Situation der Roma in einzelnen Ländern Südosteuropas und deren Folgen geht. 
 
In Serbien sind noch immer viele Kriegsverbrecher auf freiem Fuß und im Kosovo herrschen ethnische Spannungen. Was kann getan werden, um die Situation zu verbessern?
 Wer hier rasche Lösungen erwartet, ist unrealistisch. Die europäische Perspektive bleibt aber auch für die Länder und Völker dieser Region das wichtigste Orientierungs- und Koordinatensystem, um zumindest in kleinen Schritten weiterzukommen. Nur so kann man ein Land wie Serbien positiv beeinflussen. 
 
Die internationale Gemeinschaft will ihre militärische Präsenz in Bosnien-Herzegowina spätestens 2008 beenden. Können bosnische Polizisten für Sicherheit sorgen?
 Über Einzelheiten, wie sich die internationale Gemeinschaft in Bosnien-Herzegowina künftig engagieren wird, ist meines Wissens noch nicht verbindlich entschieden. Doch eines ist klar: Hilfe beim Aufbau funktionierender Institutionen wird es auch weiterhin geben. Wie funktionsfähig diese sind, ist eine schwierige Frage. Ich bin eher skeptisch. Man tut auf alle Fälle gut daran, ihre Belastbarkeit nicht mit einem Schlag, sondern Schritt für Schritt zu erproben. 

Das Interview führte William Billows
 

 

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