Vertreibung aus dem Paradies

Ahmed Ali, Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam



Wie die Menschen auf den Malediven dem Verschwinden ihrer Inseln entgegensehen

Die Malediven halten einen Weltrekord – sie sind das niedrigste Land der Erde. Gerade einmal 2,3 Meter beträgt die Geländehöhe am höchsten Punkt. Im Durchschnitt liegen die Inseln der Malediven nicht mehr als 1,5 Meter über dem Meeresspiegel, nur in bebauten Gebieten sind sie um einige Meter höher. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts ist der Meeresspiegel bereits um 20 Zentimeter gestiegen. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass der Pegel bis 2010 um weitere 59 Zentimeter ansteigen wird – eine existenzielle Bedrohung für die Malediven. Der Inselstaat im Indischen Ozean besteht aus 19 Atollen und rund 2000 Inseln. Nahezu alle von ihnen würden überflutet, wenn der Meeresspiegel bis 2020 um weitere zwei Meter ansteigt. Rund 400 000 Menschen wären von dieser dramatischen Entwicklung betroffen. Es ist ein Problem, mit dem sich die Malediver ernsthaft befassen müssten. Eigentlich. 


Im November 2008 verkündete der Präsident und Regierungschef Mohamed Nasheed, man denke angesichts der Erderwärmung und einer möglichen Überflutung weiter Teile der Inselgruppe durch das ansteigende Meer darüber nach, in Indien, Sri Lanka und Australien neues Land zu kaufen. Gemäß unserer Verfassung bräuchte Präsident Nasheed für einen solchen Schritt die Zustimmung des Parlaments. 


Finanziert werden soll der Landerwerb durch einen Fonds aus Gewinnen der Tourismusindustrie. „Eigentlich wollen wir die Malediven nicht verlassen“, erläuterte der Präsident seine Pläne. „Aber ebenso wenig möchten wir zu Klimaflüchtlingen werden, die auf Jahrzehnte im Zelt leben müssen.“


2004 erfuhren die Malediver bereits die Gewalt der Natur. Ein Tsunami, der durch das Seebeben im Indischen Ozean ausgelöst wurde, beschädigte in diesem Jahr die Infrastruktur des Inselstaates schwer. Viele Bewohner wurden obdachlos es kam zu irreversiblen Umweltschäden. Nach der Katastrophe planten Kartografen wegen der durch die Flutwelle verursachten Veränderungen eine Neukartierung der Inseln.
 Riffe, die aus abgestorbenen und lebenden Korallen bestehen, bieten den einzigen Schutz vor den zum Teil sehr heftigen Wirbelstürmen auf dem Inselstaat im Indischen Ozean. Durch Lagunenbildung dient das Riff als natürliche Barriere gegen das Meer. Andere Inseln, die weiter entfernt und parallel zum Riff liegen, verfügen über einen eigenen Riffsaum. Durch eine Öffnung in den Korallenbarrieren ringsum gelangt man in die ruhigeren Gewässer der Lagune.


Der Pazifik, der wie ein Wärmepuffer die tropische Hitze aufnimmt, speichert und langsam wieder abgibt, hat einen großen Einfluss auf das Klima des Inselstaats. Kühle Meereswinde mildern die Hitze auf den Malediven. Die obere Bodenschicht der Inseln besteht aus einer rund 1,5 Zentimeter dicken Humuslage, unter der sich 60 Zentimeter Sandstein, Sand und zuletzt Süßwasser befinden. Wegen des hohen Salzgehalts in den strandnahen Bodenzonen beschränkt sich die Vegetation in diesen Bereichen auf Büsche, Blütenpflanzen und kleine Hecken. Im Hinterland der Insel hingegen wachsen zumindest Mangroven und Banyanbäume. Der Nationalbaum der Malediven, die Kokospalme, gedeiht fast überall auf den Inseln und ist aus dem Leben der Bevölkerung nicht wegzudenken. Einen Ausgleich zur eingeschränkten Vegetation schaffen die üppigen Korallenriffe und die reichhaltige Flora und Fauna des Meeres.


Am 22. April 2008 sprach sich der damals noch amtierende Präsident der Malediven, Maumoon Abdul Gayoom, dafür aus, die weltweiten Treibhausgasemissionen zu reduzieren, und warnte gleichzeitig, der Inselstaat werde im ansteigenden Ozean versinken, wenn nichts weiter geschehe. Die Bevölkerung der Malediven sieht den früheren Präsidenten Gayoom als „Vater der Umwelt“ an. In seiner 30-jährigen Regierungszeit hat der gelernte Biologe immer wieder ökologische Themen in den Mittelpunkt gerückt. 


Der nahende Untergang der Inselgruppe im Zuge der Klimaerwärmung sorgt jedoch für weniger Aufregung, als man gemeinhin annehmen würde. Diskutiert man über dieses Problem in den Medien oder im öffentlichen Raum? Nein. Offene Auseinandersetzungen zum Thema hat es bislang nicht gegeben. Stattdessen macht bis heute in der Bevölkerung das Gerücht die Runde, die australische Regierung habe den Maledivern ein Umsiedlungsangebot gemacht und erhalte dafür im Gegenzug den gesamten Inselstaat.


Warum aber sollten wir jetzt schon Land erwerben, wenn uns die Naturkatastrophe in diesem Jahrhundert sowieso noch nicht unmittelbar betrifft? Die durchschnittliche Lebenserwartung der Malediver liegt zwischen 65 und 75 Jahren. Der Islam ist bei uns Staatsreligion. Manche sagen: Warum soll man als Muslim irdischen Glanz im Sinn haben, statt sich auf das Jüngste Gericht vorzubereiten? 
 Auch wenn die Lage ernst ist – 99 Prozent der Malediver sind nicht gewillt, umzusiedeln oder auch nur über eine Umsiedlung zu diskutieren. Sie wollen in ihrer Heimat bleiben. Auf manchen Inseln gibt es für die Einheimischen nicht einmal die Grundversorgung an Elektrizität, Hygiene und sauberem Trinkwasser. Trotzdem weigern sie sich zu gehen und misstrauen den Worten der Regierung. Für sie ist es keine neue Erfahrung, dass Politiker viel versprechen, was sich im Nachhinein als blauer Dunst erweist.


Selbst Präsident Nasheed hat nie konkret verlauten lassen, dass er im Ausland eine Insel kauft, um die maledivische Bevölkerung dorthin umzusiedeln. Die Tatsache, dass er den Satz „Wir wollen nicht zu Umweltflüchtlingen werden“ mehrfach gesagt hat, bedeutet noch nicht, dass er tatsächlich plant, eine neue Insel zu kaufen. Kürzlich hat unser Vizepräsident bei einem Besuch in England über die Auswirkungen des Klimawandels gesprochen, aber mit den Bügern auf den Malediven kommuniziert die Regierung nicht wirklich über die ökologische Bedrohung. 


Die überwiegend muslimischen Inselbewohner sehen der Gefahr derweil gelassen entgegen. Betrachten den steigenden Meeresspiegel in einem größeren Zusammenhang und sind bereit, sich ihrem Schicksal zu fügen. Für den, der die ganze Erde und alles, was lebt, erschaffen hat, ist es ein Leichtes, den Gang der Sonne und des Mondes zu verändern. Doch niemand – weder in Washington D.C. noch auf den Malediven – kann sich vor dem Tod verstecken, wenn seine Stunde gekommen ist.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

 

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