Elite zweiter Klasse

William Billows, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



Der globale Wettbewerb wird immer härter. Viele Universitäten können auf dem akademischen Markt nicht mehr mithalten

Es könnte so schön sein. Professor Reiter sitzt in seinem Büro mit Blick auf den Campus der Universität Tampa in Florida. Nach Feierabend könnte er ein Bad im Golf von Mexiko nehmen. Doch ihm ist nicht danach. 


 Der deutsche Soziologe und Brasilien-Spezialist, den es nach Amerika verschlagen hat, ärgert sich. Gerade hat er eine Einladung erhalten, in einer erstklassigen brasilianischen Fachzeitschrift einen Artikel über die brasilianische Erziehungsreform zu veröffentlichen. Die Uni-Leitung aber bevorzugt eine niederländische Zeitschrift, die auf Englisch publiziert. „Es würde mehr Sinn machen, meine Ergebnisse in Brasilien herauszubringen“, sagt Reiter. Denn dann könnten Erziehungsaktivisten und Elternverbände daraus lernen. Reiter wird von seiner Uni angegehalten, jedes Jahr Rechenschaft darüber abzugeben, was er publiziert hat. Nur: In der Bewertung zählen ausschließlich englische Texte. Man muss kein Globalisierungskritiker wie der Franzose Bernard Cassen sein, um hier Unrecht zu wittern. Der Gründer der ATTAC-Bewegung sieht im Englischen als „Währung des Diskurses“ ein Hilfsmittel des Neoliberalismus. Für ihn beruht die Macht der USA nicht nur auf materiellen Faktoren wie militärischer Stärke, hohem Bruttosozialprodukt oder der Kontrolle der Geld- und Energieströme. Sie gründe auch auf wissenschaftlichem Know-how. 


 Letztlich ist der gesamte weltweite Wissenschaftsbetrieb ein Markt, an dem die USA den größten Anteil haben. Sie sind deshalb in der Lage, die Bedingungen zu kontrollieren. Hinzu kommt, dass der angloamerikanische Wissenschaftsstil die ganze Welt bestimmt. Als Nicht-Amerikaner muss man sich diesem Stil anpassen, wenn man als Forscher, aber auch als Universität überleben will. Europäische Hochschulen bieten internationale Abschlüsse und ganze Studiengänge auf Englisch an. Andernorts kann man nicht so flexibel auf die neuen Marktbedingungen reagieren. Vor allem finanzschwache Universitäten in Afrika werden zusehends abgehängt. Wissenschaftsverlage fehlen in den meisten afrikanischen Ländern. Wollen afrikanische Forscher im Wissenschaftsdiskurs mitreden, müssen sie nach London, New York oder Paris aufbrechen. Viele machen sich auf den Weg. Allein der Braindrain Südafrikas hat UN-Schätzungen zufolge dem Land in den letzten Jahren Verluste in Milliardendollarhöhe eingebracht. 


 Afrikanische Hochschulen folgten „dem Modell euroamerikanischer Universitäten“, konstatiert Kum’a Ndumbe III in seinem Buch „Wettkampf um die Globalisierung Afrikas“. Die Hochschulen des Kontinents hätten es nicht vermocht, einen eigenständigen Diskurs zu Afrikas Problemen in Gang zu bringen. Der in Berlin lehrende Politologe und kamerunische Adelsspross ist pessimistisch: Mit zu wenig Finanzmitteln ausgestattet, würden viele afrikanische Unis vor sich hinsiechen. Dennoch gibt es Anlass zur Hoffnung. Mit dem Internet erhalten die daheimgebliebenen Forscher und Studenten Anschluss an weltweite Wissenschaftsdebatten. Und teure Infrastrukturen wie Bibliotheken werden durch die neuen Technologien zusehends unwichtiger. Dass Forschung viel Geld kostet und internationalen Marktgesetzen folgt, daran ändert dies allerdings nichts. 

 

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