„Schwimmende Städte sind bezahlbar“

Hubert Savenije, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



Es gibt bereits gute Ideen, sich vor Überschwemmungen zu schützen. Der Wasserexperte Hubert Savenije über Pegelstände in den Niederlanden, Tansania und Bangladesch

Die Niederlande könnten durch den steigenden Meeresspiegel gänzlich überflutet werden. Wie bereiten Sie sich darauf vor?
 Das werden wir nicht zulassen. 50 Prozent der Niederlande liegen bereits unterhalb des Meeresspiegels, einige Landstriche sogar vier bis fünf Meter. Der Anstieg des Meeresspiegels betrifft uns unmittelbar. Aber wir werden auch mit ein paar Metern mehr fertig. Wir könnten auf den Angriff nach vorn setzen und Inseln vor der Küstenlinie bauen. Oder wir verteidigen unsere Stellung, indem wir die Küstenlinie durch mehr Sand auf den Dünenkämmen und die Erweiterung der Deiche stärken. Meiner Meinung nach ist das realistischer. Wir werden auch größere Wassermengen im Inland bewältigen müssen. Jeder Regentropfen, der in den westlichen Niederlanden fällt, muss herausgepumpt werden. Vielleicht verändern wir aber auch unsere Landnutzung und überlassen bestimmte Gebiete dem Wasser. Wenn wir der Natur einige Landstriche zurückgeben, würden zum Beispiel natürliche Prozesse der Torfbildung wieder stattfinden.
 
Welche weiteren Auswirkungen wird der Klimawandel in Holland haben?
 Das Klima wird wärmer und wechselhafter. In Eu-ropa hatten wir bisher sehr ruhige klimatische Perioden mit niedrigen Niederschlagsschwankungen und hoher Berechenbarkeit. Aber die Schwankungen werden zunehmen. Auch das Verhalten des Rheins wird sich ändern. Heute wird er vom Schmelzwasser aus den Alpen gespeist, aber bald wird der Regen die wichtigere Wasserquelle sein. Wir erwarten mehr Wasser im Winter und weniger im Sommer. Das wird sicherlich die Schifffahrt auf dem Rhein und die Wasserversorgung beeinflussen.
 

Wie werden die Niederländer in Zukunft wohnen? 
 In schwimmenden Häusern könnten wir auch die überfluteten Gebiete bewohnen. Die Tradition der Hausboote existiert bei uns schon lange, etwa auf den Kanälen in Amsterdam. Der nächste Schritt wäre ein richtiges Haus, das am Grund verankert und an Versorgungsnetzwerke angeschlossen ist und bei Bedarf einige Meter sinken oder steigen kann. Die „floating city”, die schwimmende Stadt von Rutger de Graaf, ist eine sehr spektakuläre Lösung. Diese vollständige Stadt mit Einkaufszentren und vielem mehr besteht aus schwimmenden Modulen. Mit diesem System können die interessantesten Formen und Gebäude geschaffen werden. Aufgrund eines vollkommen unabhängigen Energiesystems ist das Konzept umweltfreundlich. Auch bleibt die Wasserqualität unter der Stadt erhalten. Natürlich ist die „floating city“ nicht die Lösung aller Probleme und mag wie Science-Fiction anmuten. Die Technologie haben wir bereits. Wir können sie weiterentwickeln, und sie ist auch bezahlbar. Es spricht also nichts dagegen, es zu versuchen. 
 
Sind solche Projekte auch für andere Länder interessant?
 Bangladesch sieht sich mit ähnlichen Umständen konfrontiert wie Holland: Es liegt tief und ist überschwemmungsgefährdet. Bangladesch hatte aber nie ein so umfangreiches Deichsystem und wird es sich wahrscheinlich auch nie leisten können. Deswegen profitiert das Land aber auch mehr von Sediment-Ablagerungen. Mit intelligenten Lösungen könnte die Balance zwischen den negativen Folgen des steigenden Meeresspiegels und den stärkeren Ablagerungen ins Positive gewendet werden, und Bangladesch könnte durch den steigenden Meeresspiegel sogar Land gewinnen.
 
Was kann man noch tun, wenn man sich keine hohen Investitionen leisten kann?
 Viele Strategien zur Erhöhung der Widerstandsfähigkeit gegen klimatische Schwankungen und den steigenden Meeresspiegel erfordern nur niedrige Investitionen. Das Geheimnis ist es, die Kräfte der Natur zu stärken, und nicht gegen sie zu kämpfen. So kann zum Beispiel der natürliche Ablagerungsprozess durch Mangroven gefördert werden oder indem man Sand zu Stellen bringt, wo er zu einer natürlichen Stärkung der Küste führt.
 

Sie haben in verschiedenen Ländern gearbeitet. Wie verhalten sich die Menschen gegenüber den natürlichen Bedrohungen?
 Es scheint in Indien und anderen asiatischen Ländern wie Vietnam, Thailand und Kambodscha einfacher zu sein, neue Ideen zu implementieren, als etwa in Afrika. Das ist die große Herausforderung: an einem Ort Gelerntes anderswo anzuwenden. Auch in Europa können wir viel lernen. Wir sind zu sehr fokussiert auf große, techniklastige Eingriffe. Dabei kann man gerade auf lokaler Ebene viel erreichen. Gerade in Indien wurden schon viele Innovationen eingeführt, um den Klimawandel aufzufangen. Beispielsweise wurden durch zusätzliche Bewässerung in der Regenzeit bessere Erträge erzielt. Die Bewässerung in der Trockenzeit ist mit hohem technischem Aufwand verbunden, zum Beispiel mit Kanälen und Dämmen. Wenn der Regen ein oder zwei Wochen ausbleibt, leidet die Ernte. Mit den richtigen Mitteln – kleinen Pumpen, neuen Pflugtechniken oder Systemen zur Regenwassersammlung – können auch kleine Bauern die trockenen Perioden überbrücken. Mit einem Forschungsprojekt der TU Delft in Afrika wollen wir Wege suchen, um die Widerstandsfähigkeit der Bauern in Afrika zu stärken. Zwei der Bauern, mit denen wir in Tansania zusammenarbeiten, haben schon viel bessere Erträge erzielt als ihre Nachbarn. Und sie wussten auch, wieso: weil sie in den Forschungsprozess einbezogen waren. Sobald sie das Wissen haben, können sie auch nach dem Projekt damit weitermachen. Ist die Ernte gerettet, können sie in besseres Saatgut, Düngemittel, mehr Wissen und Marktorientierung investieren – und sich aus der Armutsfalle befreien. Das geschieht in Afrika noch viel zu wenig. 
 
Woran liegt das Ihrer Ansicht nach?
 In Afrika sind die Menschen an Katastrophen gewöhnt – an Überflutungen, Trockenheit, politische Desaster, nicht zu sprechen von Gewalt. In einer unberechenbaren Umgebung ist es für Bauern schwierig zu investieren. Manche Risiken kann man reduzieren, aber dafür braucht man meistens Geld. Die Investition in die Risikovermeidung ist für viele auch ein Risiko. Die Leute haben Angst, zu investieren und später trotzdem alles zu verlieren. Deswegen sind die Menschen in Afrika risikoscheu. Ihre Stärke ist das Vermeiden von Risiken: also möglichst geringe Investitionen. Diesen Teufelskreis haben in Asien viele Menschen bereits durchbrochen. Sie investieren und verzeichnen hohes wirtschaftliches Wachstum. 
 
Wie hängt die Kultur eines Landes mit seinem Klima zusammen?
 Das Klima ist einer der Faktoren, die Gesellschaften prägen. Im rauen Norden Europas mussten immer Nahrungsmittel für den Winter eingelagert werden. Die Nordeuropäer haben sich also gut organisiert und Ernährung und Kälteschutz im Winter gesichert. Weil sich das Klima gut vorhersagen ließ, konnten sie ihre Gesellschaften so organisieren, dass sie in Wohlstand leben konnten. Im Süden ist sowohl das Organisationsvermögen als auch die Investitionsbereitschaft geringer. Das ist eine kulturelle Angelegenheit – aber eben eine, die auch von klimatischen Faktoren beeinflusst wird. 
 
Können sich die kulturellen Faktoren ändern?
 Kulturen können sich immer ändern. Wenn du ein Kind aus einer anderen Kultur adoptierst und in Deutschland großziehst, wird es die deutsche Kultur annehmen. Kulturen sind sehr dynamisch. Deine Eltern lebten eine andere Kultur als du. Die neue Generation in Afrika lebt und organisiert sich anders als ihre Eltern. Städtische Kultur ist anders als ländliche.
 
Kann sich Kultur nur von innen oder auch durch äußere Einflüsse verändern?

 Kultur kann auch von außen verändert werden. Auch in Afrika will heutzutage jeder wie ein amerikanischer Rapper aussehen. Das Äußerliche greifen die Leute sehr schnell auf. Die inneren Prozesse sind wichtiger – und auch zu beeinflussen. Bildung und Zugang zu Informationen sind dabei wichtige Mittel. Die Bedingungen in afrikanischen Schulen zum Beispiel sind oft untragbar. Die Lehrer verdienen kaum etwas, es gibt keine Bücher. Außerdem hat in Afrika kaum jemand Zugang zum Internet. Die Menschen können also nicht einmal Informationen bekommen, wie anderswo auf der Welt Probleme gelöst werden. In der westlichen Welt ist das selbstverständlich. Ich denke, jeder sollte einen Internetzugang haben.
 
Diejenigen, die am wenigsten Schuld am Klimawandel haben, leiden am meisten unter ihm.
 Das ist wahr. Wenn wir unseren CO2-Ausstoß kompensieren wollen, sollten wir den Menschen anderswo Zugang zu Selbstbestimmung und Macht ermöglichen – über den Zugang zu Bildung und Information. Wir sollten ihnen helfen, die grundlegenden Risiken wie Ernährung, Wasser und Ausbildung zu lösen, damit sie in die Zukunft blicken können. Nicht durch Bevormundung, sondern durch Hilfe zur Selbst-Ermächtigung – und zwar nicht durch Geld, sondern durch Zugang zu Informationen.
 
 

Das Interview führte Lisa Riedner

 

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