Ist der Sommer voller Regen...

Jørgen E. Olesen, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



Wenn sich das Wetter in Europa ändert, entstehen neue Bauernregeln

„Grünt die Eiche vor der Esche, hält der Sommer große Wäsche. Grünt die Esche vor der Eiche, bringt der Sommer große Bleiche.“ Solche Sprichwörter haben sich gehalten, sei es nur, weil sie sich so schön reimen. Nicht immer entsprechen sie den Tatsachen, aber manche Bauernregeln scheinen durchaus meteorologisches Wissen zu enthalten. Das gilt etwa für den Spruch „Morgenrot – mit Regen droht. Abendrot – Gutwetterbot’“. 


 Wenn sich Landwirte an die viel beschworenen Klimaveränderungen anpassen, indem sie neue Getreidesorten anbauen und den Zeitpunkt des Säens und Erntens verschieben, werden viele traditionelle Bauernregeln obsolet. Andere Regeln aber könnten in naher Zukunft eine sehr viel größere Relevanz bekommen, etwa für Südeuropa die Weisheit „Drei Jahre ohne Regen, und du kannst aufgeben“. Für Landwirte in Nordeuropa sind die Prognosen deutlich besser. Dort könnte die passende Bauernregel lauten: „Ist ein warmer Frühling angesagt, wird der Bauer zum König gemacht.“ In 50 Jahren könnten dort in der Nähe von Großstädten kleine Weinberge entstanden sein, die für Wochenendpicknicks genutzt werden, wo Ausflügler regionalen Wein und lokal gebrautes Bier probieren. 


 Weil mit dem sich verändernden Klima auch größere Risiken wie häufigere Trockenperioden, Hitzewellen und Überflutungen einhergehen, sollten sich Landwirte in Nordeuropa und in Atlantiknähe, die vor allem Acker- oder Gartenbau betreiben, folgende neue Bauernregel eine Warnung sein lassen: „Ist der Sommer voller Regen, sind alle Bemühungen vergebens.“ Besonders in Frankreich, Mitteldeutschland, der Schweiz und Österreich wird daher die Weidewirtschaft zurückgehen. Wiesen und Grasflächen brauchen ein stetiges Klima, starke Trockenheit und extreme Regenfälle schaden ihnen. Die Bauern werden stärker auf mehrjährige Kulturen setzen: auf Olivenbäume und Weinstöcke. Neue Weinrouten werden entstehen und Touristen aus aller Welt anlocken.


 Olivenbäume, typisch mediterrane Pflanzen, reagieren besonders empfindlich auf niedrige Temperaturen und auf Wasserknappheit. Während klimatische Faktoren ihr Vorkommen bislang sowohl nach Norden als auch Süden deutlich begrenzen, könnten sich aufgrund der Erwärmung zunehmend größere Gebiete im Mittelmeerraum für die Olivenproduktion eignen. So wird sich der Anbau in Frankreich wahrscheinlich auf immer mehr Gebiete erstrecken. Auch bei anderen auf Wärme angewiesenen Früchten wie Orangen und Kiwis werden sich durch die Ausweitung potenzieller Anbauflächen neue Chancen für mittel- und nordeuropäische Landwirte ergeben. Dasselbe gilt für den Gemüseanbau. Hier ist sowohl von einer breiteren Palette von Sorten, zum Beispiel Tomaten und Paprika, als auch von einer verlängerten Saison auszugehen. 


 Die Prognosen beruhen bereits auf harten Fakten: Im weltweiten Durchschnitt ist die Lufttemperatur zwischen 1901 und 2005 um 0,9 Grad Celsius gestiegen. Am deutlichsten sind die Temperaturveränderungen in Mittel- und Nordosteuropa und in Gebirgsregionen, am wenigsten ausgeprägt im Mittelmeerraum. In vielen Gegenden Nordeuropas ist das Klima feuchter geworden, während die Niederschläge in mediterranen Gebieten zurückgegangen sind. Selbst in Gegenden, die insgesamt trockener werden, haben sich die Niederschläge punktuell intensiviert. Das Klima ist also insgesamt extremer geworden. Gemäß aktuellen Prognosen sind die stärksten Klimaerwärmungen in Osteuropa im Winter und in West- und Südeuropa im Sommer zu erwarten. Ein besonders hoher Anstieg der Sommertemperaturen wird für den Südwesten Europas vorhergesagt in Teilen Frankreichs und der Iberischen Halbinsel könnten es bis zum Ende des 21. Jahrhunderts über sechs Grad sein. 


 Im August 2002 waren Österreich, die Tschechische Republik und Deutschland drei Wochen lang von starken Überflutungen betroffen. Die Ursache waren Regenfälle und Stürme, die Anfang August über Mitteleuropa hinwegzogen und Flüsse über ihre Ufer treten ließen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die globale Erwärmung mit einer Tendenz zu schwereren und intensiveren Sommerniederschlägen in weiten Teilen Europas einhergehen könnte. Extreme Auswirkungen wie Flutkatastrophen könnten sich in Mitteleuropa in Zukunft häufen. Da eine der wichtigsten Schutzvorkehrungen gegen Überflutungen darin besteht, landwirtschaftliche Anbauflächen als Puffer in Form von Auffangbecken zu nutzen, hat die Klimaveränderung Auswirkungen auf die Landschaft. Bei Überflutungen werden Ernte und Anbauflächen zerstört – die wertvollere städtische Infrastruktur bleibt verschont. 


 Im Jahr 2003 stiegen die Temperaturen im Rahmen einer Hitzewelle in vielen Gegenden Europas von Juni bis Mitte August um drei bis fünf Grad im Vergleich zu den üblichen Sommertemperaturen. In den meisten süd- und mitteleuropäischen Ländern wurden Höchsttemperaturen von 35 bis 40 Grad gemessen. Die Hitzewelle ging mit ungewöhnlicher Trockenheit einher und führte zu einer Verringerung der Getreideproduktion und des Viehbestandes und zu finanziellen Einbußen in Höhe von elf Milliarden Euro in Mittel- und Südeuropa.
 
 Am einfachsten lassen sich die Auswirkungen der globalen Erwärmung in Europa an der Menge der für warme Jahreszeiten geeigneten Getreidesorten ablesen, die angebaut werden. Manche Getreidesorten, die man zurzeit vor allem in Südeuropa anbaut, zum Beispiel Mais, Sonnenblumen und Soja, werden sich zunehmend auch für nördliche Gegenden eignen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Anbau von Mais in Nordeuropa, der zur Herstellung von Silofutter für Milchkühe in der Intensivwirtschaft verwendet wird. Bis Anfang der 1990er-Jahre wurde in Großbritannien und Skandinavien sehr wenig Mais angebaut, weil das Klima zu kalt und die Erträge zu gering waren. Heute füttern fast alle Milchbauern in Dänemark ihr Vieh mit Mais. Für das Europa des ausgehenden 21. Jahrhunderts wird ein Zuwachs bei den für Maisanbau geeigneten Flächen um 30 bis 50 Prozent vorhergesagt das gilt sogar für Irland, Schottland, Südschweden und Finnland. 


 Da Mais besonders viel Wasser benötigt, kommen in mediterranen Ländern meist Bewässerungssysteme zum Einsatz. In Ländern wie Spanien, Italien, Griechenland und der Türkei werden mehr als 80 Prozent des Trinkwassers in landwirtschaftlichen Bewässerungsanlagen verbraucht. Der Rückgang der Niederschläge und häufigere Trockenperioden haben zu Trinkwassermangel – vor allem in den Städten – geführt. Daher muss in der Landwirtschaft künftig der Wasserverbrauch zurückgehen. Dies führt zu einer Verschiebung vom Maisanbau zum Anbau von Getreide wie Weizen. Dieser ist zwar weniger ertragreich, benötigt aber auch weniger Wasser. Viele Bauern haben bereits Wassersparmaßnahmen wie das Mulchen (Bedeckung des Bodens mit Heu, Laub oder anderem organischen Material) oder das direkte Säen (ohne vorheriges Pflügen) eingeführt. Dadurch verändert sich im Herbst und im Winter der Anblick der Landschaft, und aufgrund der verstärkten biologischen Aktivität der Böden entstehen bessere Bedingungen für wild lebende Tiere. 


 Weil der Bedarf an Getreide als Futtermittel und Nahrung weltweit steigt, wird besonders in England, Deutschland, Polen und Südskandinavien intensiv Weizen angebaut werden. Um diese Anbauflächen entstehen Umweltgürtel, die Flüsse, Seen und das Grundwasser vor der Verunreinigung durch Düngemittel schützen sollen. In solchen Zonen werden dann vor allem Weiden und Chinaschilf für Bioenergie angebaut. 


 Für den Weinbau geeignete Gebiete werden sich immer weiter nach Norden und Osten erstrecken. In den derzeitigen Weinbaugebieten werden die Ernteerträge in Menge und Qualität allerdings stärker als heute variieren, wodurch sich das wirtschaftliche Risiko für Winzer erhöht. Die Erwärmung wird wahrscheinlich auch eine Verschlechterung der Bedingungen für derzeit gängige Traubensorten mit sich bringen – zumindest in ihren angestammten Gebieten. 


 Im Elsass haben französische Weinbauern die Vorzüge der Klimaerwärmung erkannt. Die längeren und wärmeren Sommer bewirken einen höheren Zuckeranteil in den Trauben. Der sorgt wiederum für eine verbesserte Fermentation, was beim elsässischen Riesling seit 1970 zu einer Erhöhung des Alkoholgehaltes um zwei Prozent auf elf Prozent im Jahr 2000 geführt hat. In Südfrankreich mussten Winzer wiederum mit negativen Auswirkungen der Klimaerwärmung zurechtkommen. Im Gebiet des Châteauneuf-du-Pape in der Nähe von Avignon haben die Weinbauern den Erntetermin um zwei Wochen vorverlegt, um die Qualität der Trauben zu sichern. Mit der Verschiebung des Erntetermins will man das richtige Verhältnis von Säure und Zucker in den Trauben gewährleisten, eine Voraussetzung für einen qualitativ hochwertigen Wein.
 
 Hitzewellen und Trockenperioden wie jene im Jahr 2003 könnten in Mittel- und Südeuropa gegen Ende des 21. Jahrhunderts der Normalfall sein. Die Landwirte müssen sich auf sie einstellen – und viele tun es auch schon. Während der 1990er-Jahre und Anfang des 21. Jahrhunderts führten dänische Landwirte und Landwirtschaftsexperten den Anstieg in der Silomaisproduktion nicht auf den Klimawandel zurück, sondern darauf, dass sich neu entwickelte Maissorten besser für das kühle Klima in Dänemark eigneten. Der wahre Grund waren allerdings die längeren und wärmeren Sommer. Auch wenn die Landwirte sich nicht über die wahren Gründe für diese Veränderung im Klaren waren, reagierten sie richtig. Sie bauten den ertragreicheren Mais statt Futterrüben und anderer Getreidesorten an. 
 

Aus dem Englischen von Loel Zwecker

 

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