Die Kaiser, die aus der Kälte kamen

Harry F. Lee, David D. Zhang, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



In China wechselten die Dynastien immer am absoluten Tiefpunkt von Kältephasen

Seit Langem warnen Wissenschaftler vor den sozialen Risiken des Klimawandels. Umso erstaunlicher, dass die gesellschaftlichen Auswirkungen dauerhafter Klimaveränderungen in der Vergangenheit bislang kaum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung waren. Und doch ist das Wissen über die Vergangenheit ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg, Strategien für die großen und dauerhaften Klimaveränderungen der Zukunft zu entwerfen. Im historischen China wurden die Verläufe von Krieg und Frieden, von Dynastien und von demografischen Wellen vor allem von klimatisch bedingten Ressourcenschwankungen beeinflusst. 


 Wir haben in den vergangenen Jahren paläoklimatische Rekonstruktionen und historische sozioökonomische Daten genutzt, um die gesellschaftlichen Auswirkungen klimatischer Veränderungen in China in einer Zeitspanne von 1000 nach Christus bis 1911 zu untersuchen. Unsere Untersuchung umfasste in dieser Periode 1672 chinesische Kriege und Rebellionen und die statistischen Ergebnisse zeigen, dass die Häufigkeit von Kriegen unter kalten klimatischen Bedingungen zunahm. Genau wie die Temperaturschwankungen der nördlichen Hemisphäre zeigen die Kriegshäufigkeiten ein zyklisches Muster, in dem sich relativ ruhige Phasen und turbulente Perioden abwechseln. Acht von zehn Spitzenwerten der Kriegshäufigkeiten fielen mit Kaltzeiten zusammen. 


 Als Konsequenz der Kriege lassen sich beträchtliche gesellschaftliche Umbrüche verzeichnen. Abgesehen vom Ende der Yuan-Dynastie ereigneten sich alle Dynastiewechsel in der chinesischen Geschichte dieses Millenniums grundsätzlich in Kaltzeiten. Daneben kam es in fünf von sechs Kaltzeiten zu massiven Bevölkerungsrückgängen mit Bevölkerungsverlusten von jeweils zwischen 30 und 80 Millionen Menschen. 


 Temperaturveränderungen wirken sich auf die Länge von Vegetationszeiten, die Intensität der Sommerwärme und die Verlässlichkeit von Regenfällen aus und damit auf die gesamte Nahrungsmittelproduktion. In längeren Abkühlungsphasen gedeihen manche Nutzpflanzen nur noch in niedrigeren Lagen, wodurch die Größe der für die Kultivierung zur Verfügung stehenden Landfläche stark abnimmt. Das biologische Unvermögen mancher Getreidesorten, kälteren Temperaturen und den damit verbundenen kurzzeitigen Wetterschwankungen zu widerstehen, kann ebenfalls zu einer Verminderung von Ernteerträgen führen. Die derart belastete Beziehung zwischen Mensch und Natur brachte in den Kaltzeiten der Vergangenheit eine Serie sozioökonomischer Krisen mit sich, denen soziale Instabilität, Zusammenbrüche von Dynastien und Bevölkerungsrückgang folgten.


 Das Schicksal der Ming-Dynastie beispielsweise wurde in der Kaltzeit von 1583 bis 1717 nach Christus besiegelt. In dieser Zeit war die Vegetationsphase in Nordchina zwei Wochen kürzer als heute. Wetterextreme mit Überflutungen und Dürren grassierten immer öfter und führten zu häufigen Missernten in vielen Gebieten des Landes. Gleichzeitig musste die Ming-Regierung eine Reihe militärischer Herausforderungen meistern. Im frühen siebzehnten Jahrhundert stellte der mandschurische Führer Nurhaci eine mächtige politische und militärische Macht auf und drang wiederholt in China ein. Ungewöhnlich schlechtes Wetter traf die Periode von 1620 bis 1640, als das Klima der Erde auf die niedrigsten Temperaturen seit 1000 nach Christus zurückfiel. Häufige Hungersnöte, dazu Heuschreckenplagen und Pockenepidemien führten zu Massensterben. 1637 bis 1641 waren in China die fünf schlimmsten Jahre mit aufeinanderfolgenden Dürrekatastrophen. In einigen Regionen war die Rinde komplett von den Bäumen geschält worden, und Leichen waren ausgegraben und verzehrt worden. Bauernaufstände verbreiteten sich im ganzen Land, führten in vielen Gegenden zu drastischen Bevölkerungsverlusten und zerstörten die militärische Macht der Ming-Dynastie. Im Frühjahr 1644 rief Li Zicheng, ein Anführer der Bauernaufstände, seine neue Dynastie aus, überwältigte die Hauptgarnisonsstadt und besetzte Peking. Daraufhin öffnete der Ming-General Wu Sangui die Tore der Großen Mauer für die Qing-Armeen der Mandschu, die sowohl die Rebellen als auch die verbliebenen Streitkräfte des Ming-Regimes bezwangen und die Qing-Dynastie errichteten. 


 Es ist für Historiker nicht leicht zu erklären, warum die Mandschu mit einer Bevölkerung von nur einer Million 1644 den chinesischen Thron mit solcher Leichtigkeit an sich reißen konnten. Diese lose Konföderation von Stämmen, die ihre Schriftsprache und ihr Gemeinwesen gerade erst entwickelte, benötigte weniger als ein halbes Jahrhundert um ein riesiges Empire mit profundem kulturellen Erbe zu schlucken. Zwei Faktoren sind dafür verantwortlich. Zum einen wurden die mandschurischen Invasionen durch die extremen klimatischen Bedingungen in Nordchina in der kältesten Periode der kleinen Eiszeit motiviert, die zu ernsthaften wirtschaftlichen Problemen führten. Das erklärt, warum nahezu alle Mandschu ihre Heimat verließen und nach der Eroberung südwärts zogen. Zum anderen war das Ming-China durch eine Reihe klimatisch bedingter Katastrophen und den daraus resultierenden Ressourcenmangel stark geschwächt, was die mandschurischen Invasionen erleichterte und beflügelte. 


 Unsere Forschung will nicht die Ursachen individueller Kriege untersuchen. Es geht um eine wesentliche Tendenz, die allen bekannten Kriegsfällen zugrunde liegt. Nicht jeder Krieg wurde von längerfristigen Klimaveränderungen verursacht, aber ihre Häufigkeit nahm in Kaltzeiten deutlich zu, weil Kriege um Ressourcen ausbrachen oder Nahrungsmittelmangel dazu führte, dass sich gesellschaftliche Gegensätze so verschärften, dass Rebellionen oder Kriege ausbrachen. Gesellschaftliche Mechanismen, wie Getreidevorratshaltung oder interregionaler Handel, die möglicherweise die Folgen längerfristiger Klimaveränderungen hätten abmildern können, waren in diesen Zeiten nicht sehr erfolgreich.


 Obwohl unsere Ergebnisse die historischen Konsequenzen klimatischer Abkühlung betreffen, sind sie relevant für unsere derzeitige Situation. Wir befinden uns heute in der wärmsten klimatischen Phase der letzten zwei Millennien. Nicht Abkühlung, sondern Erwärmung wird zum Problem dieses Jahrhunderts. Für eine Weile wird das Steigen der Temperaturen nach biologischen Prinzipien einen Anstieg der gesamten Bioproduktivität mit sich bringen, doch auf Dauer werden die negativen Effekte der globalen Erwärmung die positiven bei Weitem übertreffen. Wie die Abkühlungen der Vergangenheit kann auch unser jetziger globaler Temperaturanstieg ökologische Belastungen verursachen, die zu weitreichenden Einbußen in der landwirtschaftlichen Produktion führen werden.


 Im Jahr 2005 lebten 1,3 Milliarden Menschen in China, 68 Prozent davon auf dem Land. Die historischen Maximen „Landwirtschaft ist die Basis Chinas“ und „Essen ist die wichtigste Notwendigkeit“ sind auch heute noch gültig. Der größte Teil von Chinas Kulturflächen liegt in hügeligen Regionen und wird in Kleinbetrieben bewirtschaftet, was eine Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion erschwert. Wenn die chinesische Landwirtschaft Probleme durch die ständige Erwärmung bekommt, muss man mit verzweifelten Menschen rechnen, die ihre Regierung verantwortlich machen werden. Soziökonomische und politische Instabilität wären sehr wahrscheinlich die Folge.


 Die größte Bedrohung durch die globale Erwärmung besteht in der Unsicherheit, wie das Ökosystem mit den Veränderungen fertig werden wird, wenn die jetzige hohe globale Durchschnittstemperatur weiter mit zunehmender Geschwindigkeit ansteigt. Vielleicht erreichen wir einen Punkt, an dem das Gleichgewicht unseres Ökosystems, das sich langfristig unter niedrigeren Temperaturen herausgebildet hat, brechen könnte. Zudem können viele sekundäre und tertiäre Effekte der globalen Erwärmung nach unserem heutigen Wissensstand nicht vorhergesehen werden. Die Veränderung einer Schlüsselkomponente unseres Ökosystems, zum Beispiel das Versiegen des Golfstroms, würde sehr wahrscheinlich verheerende Resultate in allen Gesellschaften auslösen, die von dieser Komponente abhängen. Werden wir uns an Veränderungen in ausreichendem Maße anpassen können und werden die Möglichkeiten der Anpassung für alle von uns bezahlbar sein? Wir wissen es nicht.


 Verglichen mit der Vergangenheit haben wir heute stärkere gesellschaftliche Institutionen sowohl auf internationaler als auch auf nationaler Ebene und sehr viel weiter fortgeschrittene soziale und technologische Entwicklungen, aber auch eine sehr viel höhere Bevölkerungszahl, einen höheren Lebensstandard und weitaus strenger kontrollierte Grenzen. 
 
 

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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