„Würdet Ihr Eure schnellen Autos aufgeben?“

Sheldon Ungar, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



Sheldon Ungar über die Deutschen und das Tempolimit, die Macht der Gewohnheit und warum es in Amerika so viele Klimaskeptiker gibt. Ein Interview

Herr Ungar, was hat die Debatte über den Klimawandel mehr beeinflusst, der aktuelle Report des Weltklimarats oder der Film von Al Gore?
 Das war ganz sicher Al Gore mit seinem Film. Speziell in Nordamerika liest niemand den Report des Weltklimarats und auch in den Medien wird er nur wenig behandelt. 
 
Wie können Wissenschaftler ihre Ergebnisse zum Klimawandel transportieren?
 Das ist sehr schwierig, da die Materie sehr komplex ist. Da die Medien heute für ein Thema meist nur noch sehr wenig Zeit aufwenden, können Wissenschaftler im Grunde nur noch Slogans liefern und kaum mehr etwas Tiefgründiges. 
 
In Europa besteht viel mehr Konsens darüber, dass der Klimawandel eine ernsthafte Bedrohung ist als in Nordamerika. Wie wird das Thema bei Ihnen dargestellt?
 Hier gibt es viel mehr Berichte über Wissenschaftler, die der Bedrohung skeptisch gegenüberstehen. Tendenziell würde ich sagen, dass die Skeptiker mehr Aufmerksamkeit bekommen. Wenn man davon ausgeht, dass vielleicht 80 Prozent der Wissenschaftler den Klimawandel für eine Bedrohung halten, dann bekommen die aber nicht auch 80 Prozent der Berichterstattung. 
 
Sie haben sich damit beschäftigt, wie die Menschen mit dem Wissen über das Ozonloch umgegangen sind. Sie sagen, dass dieses Thema leichter verstanden wurde. Woran lag das?
 Ob es wirklich schneller ging, das weiß ich nicht. Es war einfach häufiger Thema. Die erste Ozondebatte gab es in den 1970ern , in den 1980ern wurde die Atmosphäre ein großes Thema. Anfang des Jahrzehnts gab es die berühmte Theorie, nach der die Dinosaurier ausgestorben sind, weil ein Komet die Erde getroffen hatte. Dieses Bild war sehr hilfreich, da ein komplexer Sachverhalt anschaulich erklärt wurde. In den 1980ern gab es die Angst vor dem nuklearen Winter, als Präsident Reagan vom Atomkrieg sprach. Dadurch wurde eine Angst geschürt, die das Thema auf die Agenda gehoben hat. Es bedarf einer gewissen Bedrohungsangst, damit Themen Beachtung finden. So bekam die Atmosphäre in den 1980ern viel Aufmerksamkeit. Die Problematik des Ozonlochs wurde so gut verständlich, weil es die schöne Metapher vom Loch in der Atmosphäre gab. 
 
Können Sie uns die Metapher erklären? 
 Die Wissenschaft erklärte das Thema mit zwei Bildern. Einmal gab es das vom Loch im Regenschirm. Sie laufen mit einem Regenschirm durch den Regen und der Schirm hat ein Loch – Sie werden nass. Beim zweiten Bild wurde eine Idee von Star Wars oder Star Trek genutzt. Dort gab es Schilde, die in irgendeiner Weise von etwas durchdrungen wurden, weil es ein Loch gab. Das hat damals jeder verstanden. 
 
Wie ist das mit dem Klimawandel?
 Das Problem mit dem Klimawandel ist, dass es hier nicht solche leicht verständlichen Metaphern gibt, die sich mit dem täglichen Denken verknüpfen lassen. Die Leute konnten über das Ozonloch sprechen, weil jeder verstand, dass ein Schild kein Loch haben sollte. Dafür muss man nicht sonderlich schlau oder wissenschaftlich ausgebildet sein. Ich spreche in diesem Zusammenhang von „Brückenmetaphern“, also Verbindungsmetaphern. Mit deren Hilfe kann man wissenschaftliche Erkenntnisse mit Vorstellungen aus dem täglichen Leben verknüpfen. 
 
Das Loch im Schild ...
 ... gehörte aufgrund von Filmen oder Videospielen zum Alltag. Beim Klimawandel gibt es so eine Metapher nicht. Es gibt einfach keine simple Metapher, mit der man den Klimawandel verstehen kann. 
 
Der 11. September hat unsere Weltsicht verändert. Danach war allen Leuten klar, dass es eine terroristische Bedrohung gibt. Gab es diesen Moment des Erwachens auch für den Klimawandel?
 Bisher noch nicht. Das Ereignis, was dem am nächsten kam, war der Hurrikan Katrina. Allerdings ist das ein schlechtes Beispiel, da Meteorologen sich sicher sind, dass man solche Ereignisse nicht nur mit dem Klimawandel erklären kann. 
 
Sie beschäftigen sich mit den Ängsten von Menschen. Terror und Klimawandel werden als Bedrohung wahrgenommen. Sind solche Bedrohungen vergleichbar?
 Das sind zu unterschiedliche Themen. Der Klimawandel ist zwar in gewisser Weise so unvorhersehbar wie Terrorismus, aber es ist kein direkt auf die Menschen gerichtetes Ereignis. Außerdem sehe ich beim Klimawandel kein kurzfristiges Ereignis, das so verheerende Auswirkungen haben könnte. Es gibt meiner Meinung nach derzeit keine Anzeichen dafür, dass Klimawandel Getreide in einem Ausmaß zerstören könnte, dass es zu weltweiten Hungersnöten käme. Ich weiß auch nicht, ob die Darstellung des Klimawandels nicht etwas übertrieben wird. Einige Orte werden verlieren, andere werden gewinnen. 
 
Der Klimawandel wird von vielen Menschen immer noch ignoriert. Warum? 
 Ich glaube, viele Leute ignorieren ihn, weil sie zu wenig darüber wissen. Sie haben zwar davon gehört, kennen aber keine wirklichen Details. Viele sind auch misstrauisch. In den 1970er- und 1980er-Jahren spekulierte man über die explosionsartige Ausbreitung der Bevölkerung, die dann Hungersnöte nach sich ziehen würde. Das ist in dieser Dramatik nicht geschehen. Es gab eine Vielzahl wissenschaftlicher Ängste, die sich letztlich nicht bewahrheitet haben. Es gab eine Menge Fehlvorhersagen. Ich finde das nicht problematisch, so ist Wissenschaft. 
 
Sie beschäftigen sich damit, wie weit Menschen bereit sind ihr Verhalten zu ändern, wenn sie Angst haben. 
 Ich habe große Zweifel daran, dass wir wirklich bereit sind, unser Verhalten zu ändern. Viele Leute haben keine Ahnung, wie ihr Verhalten mit dem Klimawandel zusammenhängt. Und selbst wenn man es weiß, heißt das noch nicht, dass man sein Verhalten ändert. Wer in den USA ein luxuriöses Auto haben will, kauft Mercedes oder BMW, und die sind nicht gerade umweltfreundlich. 
 
Das gilt ja nicht nur für Nordamerika.
 Richtig. Wenn ich in Deutschland bin, habe immer den Eindruck, dass es für einen richtigen Deutschen nichts Schöneres gibt, als mit 220 km/h in seinem Mercedes auf der Autobahn nach Dresden zu düsen. Werden die Deutschen ein Tempolimit zulassen, werden sie ihre schicken Autos aufgeben? Nicht jeder will einen Smart fahren. 
 
Dennoch wird in Europa scheinbar mehr gegen den Klimawandel unternommen als in Nordamerika. Warum wird das Thema so unterschiedlich behandelt?
 In Europa, vor allem in Deutschland, gibt es einen sehr großen Konsens darüber, dass Klimawandel echt und eine Bedrohung ist. Wissenschaftler und Medien sind diesbezüglich sehr viel weniger skeptisch als deren nordamerikanische Kollegen. Ich glaube, insgesamt gibt es mehr Konformität unter deutschen Wissenschaftlern. In Nordamerika haben die Leute an Universitäten und Forschungseinrichtungen sehr viel mehr Freiheit, über das zu forschen, was sie interessiert, und zwar mit dem Ansatz, der ihnen am meisten beliebt. So erhält wissenschaftliche Skepsis mehr Raum, auch bei den Medien. Ein weiterer wichtiger Grund ist, dass das politische System in Nordamerika sehr viel offener für Einflüsse von Lobbygruppen ist. Außerdem hat der US-Präsident mehr Macht als seine europäischen Kollegen. Er kann Klimainitiativen blockieren, sogar wenn beide Häuser des Kongresses dafür sind. Das politische System erlaubt sehr viel mehr Blockade. 
 
Gibt es darüber hinaus auch kulturelle Unterschiede?
 Ja, insgesamt scheinen mir die Europäer sehr viel vorsichtiger zu sein. In Nordamerika werden Leute dafür beinahe ausgelacht. Ein Beispiel dafür ist unser Umgang mit genmanipulierter Nahrung. Bei uns ist genmanipulierte Nahrung jetzt zugelassen, sie muss nicht einmal mehr ausgezeichnet werden. In Europa hingegen gibt es eine große Opposition. Es gibt bei uns eine gewisse Offenheit für so viele verschiedene Dinge. Das ist aber nicht immer gut. Ein wichtiger Aspekt scheint mir auch die Geografie zu sein. 
 
Wie meinen Sie das?
 Im Vergleich zu den USA oder Kanada ist Europa kleiner und dichter besiedelt. Wenn Umweltprobleme auftauchen, dann sind sie sehr viel schneller sichtbar. Nordamerika ist größer, und es ist hier viel einfacher, Gebiete zu finden, wo man seinen Müll einfach so entsorgen kann. Wir haben immer noch riesige Wälder, die komplett isoliert sind von der Zivilisation. Ein gewisser Kahlschlag dieser Wälder stellt da zunächst kein so großes Problem dar, man kann damit leben. Es ist bei uns einfach alles so groß, dass der Eindruck entsteht, wir können die Natur gar nicht so schlimm zerstören oder verschmutzen. 
 
 

Das Interview führten Paul Fehlinger und Falk Hartig

 

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