Üben für den Hurrikan

Ivan Sanchez Aldana, Ausgabe II/2008, Heiße Zeiten. Wie uns das Klima verändert



Was wir Kubaner tun, wenn ein Wirbelsturm naht

Schon immer war Kuba tropischen Stürmen ausgesetzt, die jedes Jahr zwischen Anfang Juni und Ende November wiederkehren. Das Wort „huracán“ (Hurrikan) kommt aus der Taíno-Sprache, der Sprache der karibischen Ureinwohner. Die spanischen Eroberer haben es übernommen und es lebt als Wort für „Wirbelsturm“ in den Sprachen dieser Welt weiter, obwohl die Taínos längst ausgestorben sind.


 Entsprechend der Stärke ihres Windes werden Hurrikans in fünf verschiedene Kategorien unterteilt. Die Angst einflößenden mit der größten Zerstörungskraft sind die Hurrikans der Kategorie fünf. Als Folge der globalen Erwärmung beobachten wir eine Zunahme der Stürme und ihrer Intensität Jahr für Jahr. Manchmal haben wir jetzt schon außerhalb der Saison tropische Stürme. Tief gelegene Orte, wie das größte Sumpfgebiet auf der Zapata-Halbinsel, werden in ein paar Jahren wohl verschwunden sein. 2,15 Millionen von insgesamt 11,2 Millionen Kubanern gehören zur „gefährdeten Bevölkerung“, weil sie in besonders anfälligen Gebieten wohnen. 


 1959 schuf unsere Regierung die Organisation „Estado Mayor de la Defensa Civil“ (Zentrale Zivilschutzbehörde), die nur im Fall von Krieg oder Naturkatastrophen aktiv und von der Armee geleitet wird. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die Bevölkerung zu informieren und Menschen und wirtschaftliche Ressourcen vor Schäden, die durch Wirbelstürme verursacht werden, zu schützen. Ihr Einsatz läuft in vier Phasen ab. Während der Informationsphase wird verkündet, dass sich ein Sturm entwickelt, der unser Land treffen könnte. Die Menschen sollen Gullys und Abwasserkanäle säubern, um Überflutungen durch die sintflutartigen Niederschläge zu vermeiden. Fenster, Glastüren und Schaufenster werden abgeklebt, damit ihre Splitter keine Verletzungen verursachen. Man soll genug Essen, Kerzen, Petroleum und Trinkwasser für mehrere Tage kaufen. Dazu kommen Warnungen, sich während des Sturms nicht draußen aufzuhalten oder keine elektrischen Leitungen anzufassen. Phase zwei ist der Alarm. Jetzt nähert sich der Sturm. Stündliche Berichte im Radio und Fernsehen von Reportern aus den Gebieten, die dem Sturm am nächsten sind, halten die Bevölkerung auf dem Laufenden. Sie berichten über die Richtung des Sturms sowie Windgeschwindigkeiten und Regenmengen. Menschen, deren Häuser nicht sicher genug sind, werden evakuiert, genauso wie ihr Vieh und ihre Vögel, oder welche wirtschaftlichen Güter auch immer auf dem Spiel stehen. Die Notstandsphase wird ausgerufen, wenn der Sturm zuschlägt. Dann gibt es jede halbe Stunde aktuelle Berichte. Ein weitverbreiteter Fehler ist es anzunehmen, das Schlimmste sei vorbei, und das Haus zu verlassen, obwohl man sich in Wirklichkeit im Auge des Hurrikans befindet, in dem es völlig ruhig und sogar sonnig sein kann. Nach ein paar Minuten gehen die starken Winde und Regenfälle weiter wie vorher oder nehmen an Heftigkeit sogar noch zu. Deshalb werden die Menschen aufgefordert, so lange zu Hause zu bleiben, bis die Entspannungsphase ausgerufen wird. Das passiert, wenn der Sturm weiterzieht. Es gab aber auch schon Fälle, in denen der Hurrikan zurückkehrte und das gleiche Gebiet noch einmal heimsuchte und vernichtende Schäden anrichtete. Während der Entspannungsphase werden die Menschen aufgefordert zu helfen, Häuser wieder aufzubauen, Äste, Schutt und Trümmer von den Straßen zu räumen. Für die besonders hart getroffenen Regionen werden zusätzliche Hilfstruppen von anderswo mobilisiert.


 Jedes Jahr Ende Mai, wenn die Hurrikansaison im Anzug ist, werden auf ganz Kuba ein Wochenende lang Übungen abgehalten. Nur so kann die Zivilschutzbehörde ihre Einsatzbereitschaft, die Verfügbarkeit von Hilfsmaterialien und die Effektivität ihrer Schutzmaßnahmen überprüfen. Fahrzeuge der Feuerwehr und Rettungskräfte sind an diesen Tagen überall zu sehen und die Sirenen der Rettungssanitäter und Krankenwagen zu hören. Die Leute sind während der Übung an ihren Arbeitsstätten, damit Notausgänge, Feuerlöscher und die Nachbarschaftshilfe getestet werden können.


 Diese Übungen werden auch nach Fidel Castros Rücktritt fortgesetzt. Sie sind mehr als das persönliche Projekt eines Staatsoberhaupts, sie sind eine Notwendigkeit für den Schutz der Menschen und der Wirtschaft dieses Landes. Kubas Zivilschutz bei Naturkatastrophen ist von den Vereinten Nationen wiederholt als beispielhaft hervorgehoben worden. Während auf anderen karibischen Inseln und in Mittelamerika nach Hurrikans oft Hunderte von Toten und erhebliche wirtschaftliche Schäden zu beklagen sind, gelingt es Kuba, Todesfälle und wirtschaftliche Verluste gering zu halten. Ich bin sicher, dass die Katrina-Katastrophe vor zwei Jahren nicht so lange die Schlagzeilen dominiert hätte, wenn die USA ein ähnliches Katastrophenschutzprogramm gehabt hätten wie wir.
 

Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

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