Schlichtes Freund-Feind-Denken

Robert von Rimscha, Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen



Pünktlich zum G8-Gipfel erscheint ein Handbuch des neuen weltweiten Protests gegen die Marktglobalisierung

Thomas Friedman, der Star-Kolumnist der „New York Times“, erzählte auf der Werbe-Tour für die deutsche Ausgabe seines aktuellen Buches „Die Welt ist flach“ die Geschichte eines peruanischen Andenken-Verkäufers. Mit einem Stand am Straßenrand neben Inka-Ruinen fing er an. Mehr und mehr Touristen interessierten sich für seine Ware. Viele Käufer kamen aus den USA und Europa. Er fing an, seine Produkte per Internet zu verkaufen. Die Interessenten mussten also nicht mehr selbst nach Südamerika pilgern. Dann fand er eine chinesische Fabrik für Kunsthandwerk, die seine peruanischen Andenken billiger herstellte. So handelt er heute im Netz mit Anden-Kuriosa „made in China“. Sein Geschäft blüht. Und in Peru wohnt er auch nicht mehr.


 Ein Extrembeispiel? Vielleicht. Aber es ist ein erhellendes Gegenbeispiel zu den moral-geschwängerten Geschichten, die der Sammelband „Wir sind überall“ präsentiert. Gut und Böse, eine krasse Schwarz-Weiß-Malerei mit keinerlei Raum für Zweifel oder differenzierende Schattierungen, ist der Gestus, mit dem dieses Kompendium der Globalisierungs-Gegner daherkommt. 


 Die Autoren des Sammelbands wissen selbst, was sie hier vorlegen. Sie beschreiben „Wir sind überall“, das im Frühjahr 2003 abgeschlossen wurde, erst jetzt auf Deutsch erscheint und daher schon ein wenig angestaubt ist, als Mischung von „aktivistischer Anthologie und der Geschichte der Graswurzelbewegung, es ist eine agitierende Collage und ein Handbuch für direkte Aktionen“. Diese Einordnung ist präzise.


 Zur Erinnerung: Als Geburtsstunde und Keimzelle der Anti-Globalisierungs-Bewegung gilt der Zapatisten-Aufstand in Mexiko 1994. Zapatisten-Führer Subcomandante Marcos gibt „ein interkontinentales Widerstandsnetzwerk gegen den Neoliberalismus“ als Ziel aus. Die blockierte WTO-Tagung in Seattle 1999 und der von Gewaltexzessen überschattete G8-Gipfel in Genua 2001 werden als Heldentaten gefeiert.


 Die Autoren von „Wir sind überall“ sind weder selbstkritisch, noch diskutieren sie die Gewaltfrage als solche. Gepriesen werden stattdessen „zahlreiche Sabotageakte“, die „Zerstörung einer Flotte von Militärfahrzeugen“ und die Beschädigung eines Kampfflugzeugs. Statt einer Absage an militante Aktionen wird pathetisch, pseudo-religiös und fast schon unter Verfolgungswahn formuliert: „Weil wir für eine bessere Welt kämpfen, werden wir alle eingezäunt, wird uns mit dem Tod gedroht.“


 Die Autoren des Sammelbandes – die Hälfte lebt in London – nehmen ebenso wie Friedmans peruanischer Händler „die Werte der Dezentralisierung“ für sich in Anspruch. Sie befürworten die aktive Bürgergesellschaft, die nicht auf staatliche Regulierung setzt, sondern auf Zivilcourage und Teilhabe. Dieser liberale Ansatz mag noch der positivste Aspekt sein, der Buch und Bewegung abzugewinnen ist.


 Andere für selbstverständlich erachtete Hypothesen des Redaktionskollektivs sind weit problematischer. „Der ‚freie‘ Handel befindet sich auf unvermeidlichem Kollisionskurs mit der Demokratie“, heißt es. Das ist ein Glaubenssatz. Für die Globalisierungsgegner ist es ein Mantra. Wahr, gar empirisch nachvollziehbar, wird diese Behauptung dagegen nicht. Wer sich die enormen globalen Verschiebungen der vergangenen Jahrzehnte ansieht, beispielsweise das Schrumpfen der politischen und ökonomischen Bedeutung Europas, der müsste eher zu dem Schluss kommen, dass die Globalisierung einen enormen Umverteilungseffekt hat. Nur läuft diese Umverteilung nicht staatlich gesteuert, sondern anonym – von Märkten getrieben, vom Aufstiegswillen Asiens beflügelt, vom Wunsch nach individuellem Wohlstand der neuen Mittelschichten überall auf der Welt befeuert.
 Der britische „Independent“ hat „Wir sind überall“ attestiert, es platze geradezu vor Energie. Das stimmt. Das Buch ruft zum Engagement auf. Es bildet Aktionen, Aktivitäten und Aktivisten quer über den Globus ab – und preist sie. Es gehört zu den positiven Seiten dieses Buches, dass es einen Eindruck von der quirligen Atmosphäre wiedergibt, von dem oft kunterbunten Chaos, inmitten dessen Autonome, Anarchos, Tierfreunde, Friedensaktivisten, Alt-Linke, Ökologen, Aussteiger, konventionelle Naturschützer und militante Staatshasser rings um die Erde „zum Kampf“ mobilisieren. Nur: Was hat der Protest gegen Umsiedlungsbedingungen für chinesische Staudammbau-Opfer mit dem Protest gegen die Korruption in einem afrikanischen Handelsministerium zu tun? Beides ist Protest. Beides zeigt, dass Fehlverhalten möglich ist, wo Macht existiert. Doch dies wären Binsenweisheiten. Der ideologische Überbau, den dieses Buch gern für die Anti-Globalisierungsbewegung zimmern würde, existiert nicht. Die Autoren ahnen dies. Deshalb ihre Methode der Collage.


 Das Herausgeberkollektiv nennt sich im englischen Original „Notes from Nowhere“. Gerade auch die vielen plakativen Fotos feiern das Ideal des Widerstands. Aber: gegen wen? Für was? Der „Kampf“, der da fortwährend gefeiert wird, ist ein seltsam virtueller. Das Buch verneigt sich oft eher vor der Kampfeslust seiner Protagonisten, als dass es ein Ziel oder ein Gegenüber benennen könnte.


 Hier bleiben alle Antworten höchst vage. Die Autoren ahnen auch dies. Sie schreiben selbst: „In einer globalen Wirtschaft gibt es keinen Sitz der Macht.“ Das heißt zwangsläufig: Die Macht, gegen die hier opponiert wird, ist amorph, nicht greifbar. Von jeder Realpolitik ist das Programm von „Wir sind überall“ Universen entfernt. Die praktischen Ideen sind altbekannt: Spekulationssteuer und Schuldenerlass, faire Handelsbedingungen und Gehör für Betroffene. Hier mischen sich eine Prise Anarchie und eine gute Dosis Romantik. Heraus kommt Beistands- und Umarmungs-Literatur.


 Thomas Friedman, ein vehementer Verfechter des Freihandels, diagnostiziert in „Die Welt ist flach“ fünf Strömungen innerhalb der Anti-Globalisierungsbewegung, und alle fünf finden sich in „Wir sind überall“ wieder. Da ist das Schuldgefühl liberaler, westlicher Mittelschichten, da ist ein Rückzugsgefecht der orthodoxen Alt-Linken, da ist eine amorphe, oft passive Unterstützung des Protests gegen die Beschleunigung der Welt, also eine kulturelle Sehnsucht nach Entschleunigung, da ist viertens Antiamerikanismus und da sind fünftens konstruktive Gruppen mit konkreten Anliegen und Vorschlägen. Friedman analysiert als den Grund-Irrtum ihres lockeren Bündnisses: „Die Armen der Welt sind bei weitem nicht so wütend auf die Reichen, wie es sich die linken Parteien in den entwickelten Ländern vorstellen. Sie sind eher zornig darüber, dass sie nicht auch die Möglichkeit haben, reich zu werden.“


 Beim Betrachten der Anti-Globalisierungs-bewegungen und bei der Lektüre von „Wir sind überall“ beschleicht einen immer wieder das Gefühl, dass es hier gar nicht um Politik oder Wirtschaft geht. Hier geht es um ein kulturelles Unwohlsein. Manchmal wird dieses Motiv explizit. „Jeden Tag werden Kämpfe gegen die Kommerzialisierung eines jeden Aspekts unseres Lebens ausgetragen“, heißt es im Beitrag über die Entstehung der Bewegung. Hier genau liegt das Einfallstor für Romantisches, Rückwärtsgewandtes, Esoterisches. Hier genau werden die Aussteiger-Gefühle und Träume von der Idylle sichtbar, die Sehnsucht nach der Wärmestube der ideologisch Gleichgeschalteten. Hier wird deutlich, dass dieses Kompendium auch eine Tirade gegen die Unbehaustheit des gestressten Individuums in einer Welt ist, die vielen mehr Flexibilität abverlangt als jemals zuvor. Der Wertschätzung für indigene Völker und ihre Traditionen kann man sicher Respekt zollen. Doch der Vergötterung von Ethno-Partikularismus haftet etwas zutiefst Illiberales an, wenn sie nur als Gegensatz zum amorphen, bösen „Anderen“ gesehen wird.


 Das schlichte Freund-Feind-Denken dieses Buches ist manchmal schwer erträglich. Gefährlich wird es dann, wenn etwas komplexere Deutungen der Wirklichkeit ausgeblendet werden. Dieses Buch will die Sehnsucht der Anhänger nach Selbstvergewisserung stillen, es will nicht denjenigen überzeugen, der die Dinge anders sieht, oder Zweifel argumentativ bekämpfen. Dieses Buch ist zumindest so ehrlich, dies auch einzuräumen. Es ist aus der Bewegung und für die Bewegung gemacht. 


 So gesehen ist „Wir sind überall“ eine plumpe Propaganda-Schrift. Bestenfalls ist es ein mitunter anrührendes Dokument einer Bewegung, die auf die doppelten Umbrüche des späten 20. Jahrhunderts – politisch der Wegfall des Ost-West-Konflikts, wirtschaftlich der Triumph marktwirtschaftlicher Verhältnisse im globalen Maßstab – eine Antwort zu geben versucht, in der höchst widersprüchliche Traditionen des antikapitalistischen Protests miteinander verquirlt wurden. Engagement ist gut. Ob es wirklich eine gemeinsame Sache gibt, für die sich die hier Versammelten engagieren, bleibt auch nach der Lektüre dieses Buches fraglich. Seit dem 11. September 2001 ist die Bewegung einerseits verstörter und andererseits militanter geworden: gegen Bush, gegen den Irakkrieg.


 Über die Versatzstücke des Protests kann man diskutieren. Etliche der Anliegen, um die es in den Einzelbeiträgen geht, mögen honorig sein. Den gewünschten Überbau für „den Widerstand“ liefert „Wir sind überall“ nicht. Wie sich die Welt wirklich verändert, erfährt man eher bei Thomas Friedman.Der schreibt in seinem Buch: „Eine Bewegung, die sich darum Gedanken macht, wie - und nicht ob – die Globalisierung stattfinden soll, ist heute mehr denn je vonnöten. Am besten wäre es, sie würde im ländlichen Indien entstehen.“ Das wäre spannend.
 

zu außenpolitischen Fragen, ist Sprecher der FDP. Zuletzt erschienen von ihm die Familienbiographien „Die Bushs“ (Campus, Frankfurt 2004) und „Die Kennedys“ (Campus, Frankfurt 2001). 
 
 Wir sind überall. weltweit.unwiderstehlich.antikapitalistisch. Hg. vom Redaktionskollektiv Notes from Nowhere. Mit einem Vorwort von Naomi Klein. Aus dem Englischen von Sonja Hartwig. Edition Nautilus, Hamburg 2007.
 
 Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts. Von Thomas Friedman. Aus dem Amerikanischen von Michael Bayer, Hans Freundl und Thomas Pfeiffer. Suhrkamp, Frankfurt 2006.
 

 

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