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Daniel Erk, Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen



Warum junge Israelis möglichst weit weg wollen

An dem unter Rucksacktouristen beliebtesten Strand Thailands stellen die jungen Israelis die größte Gruppe. Liegen in der Sonne, spielen gleichförmige Geschicklichkeitsspiele und schlagen sich bei Full-Moon-Partys die Nächte um die Ohren. Verwunderlich ist nicht, was sie tun. Die Engländer, Amerikaner und Deutschen hier tun es ihnen gleich. Überraschend ist vielmehr, dass sich hier, am Kristallisationspunkt des Rucksackreisens, so weit weg so viele Menschen aus diesem so kleinen Land finden.


 Fernweh kennt viele Gründe, politische, vor allem aber romantische. Die jungen Israelis, die jedes Jahr in überdurchschnittlich großem Ausmaß die Ferne suchen, aber suchen mehr: Ruhe, Ausgelassenheit und Distanz. Gemütszustände, die sie in Israel so nicht vorfinden.Dies liegt zu allererst natürlich am Nahostkonflikt, am ständigen Kriegszustand, in dem sich der Staat Israel seit seiner Gründung befindet. Das liegt aber auch daran, dass Israel einfach ein sehr kleines Land ist: Mit grob 20.000 Quadratkilometern Größe – die Wüste Negev eingerechnet – ist Israel nur knapp größer als Rheinland-Pfalz.


 Noch entscheidender aber als die tatsächliche Größe scheint aber die empfundene Weite. Denn diese ist empfindlich dadurch beschnitten, dass Reisemöglichkeiten in der unmittelbaren Region rund um Israel de facto nicht existent sind. Mit Syrien befindet sich das Land seit seiner Gründung im Jahre 1948 in einem anhaltenden Kriegszustand. Mit dem Libanon ebenso, nach dem vergangenen Sommer vielleicht mehr denn je. Sicher: Es gibt Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien. Und eine Zeit lang war die ägyptische Halbinsel Sinai, allem voran das Meer bei Sharm El-Sheik mit seinen Korallenriffen, ein beliebtes Reiseziel israelischer Touristen. Seit aber die Al-Qaida sowie lokale Terrorgruppen dort Gewaltakte verübt und Entführungen von Israelis angekündigt haben, halten sich die Israelis auch von dieser Urlaubsregion wieder fern.


 Dieses hohe Maß an außenpolitischem Druck, die resultierende innenpolitische Anspannung und die tatsächliche, geographische Enge des Landes lassen so die Sehnsucht nach so romantisch fundierten Gefühlen wie Weite, Ferne, Freiheit in die Höhe schnellen.


 Nun sind dies Gefühle, die von jungen Menschen weltweit als verlockend empfunden werden. Trotzdem sind vor allem längere Auslandsreisen unter jungen Europäern und Amerikanern eher die Ausnahme als die Regel, vor allem wenn die Reisezeit ein Jahr überschreitet. In Israel kommt zum Fernweh vor allem ein Faktor, der diese Überlegungen und Hemmnisse in einem vollkommen anderen Licht als sonst wo auf dieser Welt erscheinen lässt: Der dreijährige Militärdienst bei den Israeli Defense Forces, IDF, den sich kein Israeli, ob Frau ob Mann, entziehen kann.


 Wie jeder Militärdienst ist auch die Zeit bei den IDF vor allem von Disziplin und Einschränkung geprägt. Darüber hinaus aber hat jeder junge Israeli am Ende seiner Dienstzeit Gefechte und Tote erlebt, vermutlich sogar einen Krieg kleineren oder größeren Ausmaßes. Und diese Erfahrungen enden eben nicht mit der dreijährigen Dienstzeit, sondern finden in ständigen Einberufungen und mehrwöchigen Diensten an Grenzposten ihre Fortsetzung.


 Dies ist nun einerseits Grund genug, das Weite und Unbeschwertheit zu suchen – zum anderen aber auch Ursache für eine Robustheit und ein Selbstbewusstsein, wie sie den westeuropäischen Rucksackreisenden, die sich traditionell von allem Militärischen so weit entfernt halten wie irgend möglich, fremd sind. 


 Anders ausgedrückt: Wer den Nahostkonflikt aus derartiger Nähe er- und überlebt hat, lässt sich von herkömmlichen Touristenwarnungen kaum abschrecken. Im Gegenteil: Die Suche nach den Orten, die das Adrenalin ausschütten, wird eher noch beflügelt. Die Unterscheidung zwischen Leichtsinn und Wissen, zwischen Gefahr und Erfahrung sind dabei nur sehr graduell zu ziehen.


 Durch die politischen und gesellschaftlichem Rahmenbedingungen sind lange und weite Reisen für junge Israelis selbstverständlich geworden: Die Zeit in der Fremde ist nicht mehr nur eine Option, sondern wird implizit als Erweiterung des eigenen Erfahrungshorizonts erwartet. Eine nicht festgeschriebene, aber kulturell verankerte Walz, wenn man so will. Das Erklärungsmuster dreht sich damit um: Erklären muss sich nicht derjenige, der seine Heimat zeitweise verlässt, sondern derjenige, der es nicht tut. Ob man dies nun als Gruppenzwang oder als Gruppendynamik wahrnehmen mag, ist eine Frage der Perspektive. Die Reiselust beflügelt es ebenso wie das Selbstbewusstsein, die Suche nach dem Fremden und der Freiheit – sowie dem Glauben, dass es irgendwo anders besser sein könnte als zu Hause. Zumindest eine Zeit lang.

 

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