„Wir gehen nur für Geld so weit nach oben“

Jhanak Puri, Ausgabe II/2007, Unterwegs. Wie wir reisen



Viele Nepalesen leben vom Tourismus, aber sie selbst reisen kaum. Ein Interview mit dem Reiseleiter Jhanak Puri

Herr Puri, was suchen die Touristen in Nepal? 
 Nepal besteht zu siebzehn Prozent aus Bergen, die über 5000 Meter liegen, darunter acht Achttausender. Wenn man also einen Achttausender besteigen will, muss man nach Nepal kommen. Manche sagen auch, sie wollen einmal im Leben den Mount Everest sehen, die Erde von oben sehen. 
 
Sie arbeiten als Trekking-Reiseleiter in Nepal. Was ist Ihre Aufgabe?
 Es gibt verschiedene Aufgaben in der Mannschaft: die Träger, die Bergführer und die Reiseleiter. Wir Reiseleiter informieren die Touristen über Land und Leute und haben die Verantwortung. Die Leute kommen schließlich in die Dritte Welt. In manchen Regionen gibt es keinen Strom, kein Telefon. Wir müssen uns immer um die Leute kümmern und sie zufrieden stellen. Damit die Reise gut beginnt und gut endet.
 
Haben Sie vor Ihrer Arbeit auf Treks Kontakt mit Touristen gehabt?
 Nein. Von 1980 bis 1986 habe ich als privater Händler gearbeitet. Ich trug sieben Tage lang Lebensmittel von meinem Dorf Aeiselukharka nach Namche Bazar. Durch diesen Ort kommt fast jeder Tourist, der in den Hoch-Himalaya will. Dort findet jeden Samstag ein Markt statt. Ich konnte meine Waren mit Gewinn verkaufen, da in höher gelegenen Gegenden aufgrund der Transportkosten alles teurer ist. Damals sah ich zum ersten Mal Leute, die ganz anders waren. Ich war damals neugierig, warum sie sie in unsere Gegend kommen. Sie machten immer Bilder von den Trägern und den Bergen. Ich habe damals nicht gewusst, dass die Berge so weltberühmt sind. 
 
Sind Sie schon einmal verreist?
 Vor zwei Jahren wurde ich nach Deutschland eingeladen.
 
Wie war das?
 Das Wetter war nicht so schön. Es hat viel geregnet. Das Land ist schön, auch beliebt wie Nepal, aber ganz anders. In Deutschland haben die Menschen keine Zeit. Bei uns sagt man: „Warten. Heute oder morgen, so oder so.“ In Deutschland: „Gleich.“
 
Haben Sie vor, noch einmal zu verreisen?
 Vielleicht. 
 
Wovon hängt das ab?
 Vom Geld. Und wir brauchen dafür einen Brief, dass jemand uns einlädt.
 
Haben Sie ein Traumziel?
 Ich möchte gerne in die Schweiz, nach Österreich und Berlin. Aber das ist ein Traum. Ich bekomme nicht schon wieder ein Visum.
 
Warum die Schweiz?
 Alle sagen: schön und teuer. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Ich will das selbst erfahren.
 
Wohin reisen die Nepalesen, wenn sie reisen?
 Die jungen Leute, die in Kathmandu arbeiten, wollen reisen. Aber eigentlich gehört Reisen nicht zu unserer Kultur. Die Leute, die über 55 oder 60 Jahre alt sind, machen eine kleine Pilgerfahrt nach Indien oder irgendwohin in Nepal. Diejenigen, die entfernt von Kathmandu leben, wo es keine Tempel gibt, reisen vom Dorf nach Kathmandu. Diejenigen, die in Kathmandu wohnen, fliegen oder fahren nach Indien. Dort gibt für Buddhisten die berühmten Pilgerstätten Sarnatha, Bodgaya und Kusinagar und für Hindus die Pilgerstätte Kansi.
 
Was machen die Nepalesen, um sich zu erholen?
 Die Bauern, die auf dem Land leben, haben keine Freizeit, keine Ruhe. Jeden Tag arbeiten sie von morgens bis abends. Die Beamten, Soldaten und Lehrer kriegen im Jahr etwa zweimal Ferien. Die Beamten können keine Reise machen, weil sie nicht genug verdienen. Und die Bauern im Dorf hätten auch nie so viel Geld, um eine Reise oder eine Pilgerfahrt zu machen.
 
Wie reisen die Pilger?
 Flugzeugtickets sind sehr teuer. Die Pilger müssen fünf bis sechs Tage zu Fuß zur nächsten Busstation laufen, weil es nicht überall Straßen gibt. 
 
Die Touristen, die nach Nepal kommen, sind ja auch oft zu Fuß unterwegs. Entstehen da Kontakte? 
 Die meisten reisen mit dem Bus an die Orte, die ein Bus erreichen kann. Nur die Jüngeren und die Neugierigen machen eine Trekkingtour zu Fuß, bevor sie ein Stück geflogen oder gefahren sind. Sie können jeden Tag mit den Leuten in Kontakt treten. Und sie können den Leuten helfen, die etwas verkaufen wollen, die als Träger arbeiten. Aber nur bis 4.800 Meter gibt es Siedlungen. Wenn die Touristen über 5.000 Meter gehen, sind dort keine Dörfer mehr. 
 
Steigen Sie so hoch hinauf?
 Nein, ohne Touristen nicht. Wir gehen dort nur für Geld hin. Sonst interessiert uns das nicht. Nur zum Brennholzsammeln, muss man manchmal in den Wald hochgehen.
 
Was zeigen Sie den Touristen nicht? 
 Einige hinduistische Tempel und viele Gegenden in Nordnepal sind für Touristen verboten, zum Beispiel an der Grenze zwischen Tibet und Nepal. Aber nach meiner Meinung sollte das Land Nepal alles für Touristen freigeben. 
 
Ihre Familie lebt in den Bergen. Gibt es viele Mitglieder Ihrer Familie, die für die Touristen arbeiten?

 In meinem Dorf gibt es viele, aber aus meiner Familie bin ich der Einzige. Die meisten leben im Dorf und arbeiten als Bauern: Sie haben Tiere, bauen Reis, Hirse und Buchweizen an.
 
Wie findet Ihre Familie das, dass Sie so oft nicht zu Hause sind?
 Sie sind stolz, weil ich allen helfen kann. Wenn sie was brauchen, rufen sie an oder schreiben.
 
Wie lange sind Sie im Jahr zu Hause?
 Seit drei Jahren bin ich nicht mehr zu meinem Dorf gegangen, weil es politische Probleme gab. Der Distrikt Khotang, in dem mein Dorf liegt, war maoistisches Hoheits-Gebiet. Die Maoisten führten ihrer Meinung nach einen Volkskrieg gegen den Feudalismus: Um im Dorf zu bleiben, musste man ihren Krieg entweder mit Geld oder mit einem Familienmitglied als Soldaten unterstützen. Jetzt haben sie den politischen Konflikt bald gelöst, und dann kann man einfach dort hingehen. Aber inzwischen kamen meine Eltern nach Kathmandu. 
 
Wie erholen Sie sich denn, wenn Sie mit Ihrer Arbeit fertig sind?
 Erholung ist bei uns, wenn man sehr müde ist. Das bedeutet nicht, dass man sich nach der Arbeit immer erholen muss. Nur wenn man nicht weiter regelmäßig arbeiten kann, darf man ein paar Tage freinehmen.

Das Interview führte Nikola Richter

 

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