Rauchschwaden über Villingili

Rae Munavvar, Ausgabe IV/2019 , Das Paradies der anderen



Zuviel Müll für ein paar Inseln: Die Malediven wissen nicht wohin mit ihrem Abfall

Stellen Sie sich vor, Sie radeln am Strand entlang. Die Uferstraße ist sandig, gesäumt von Kokospalmen und Strandhibiskus. Sie naschen die Früchte des Jujube-Baums von den angrenzenden Farmen, während eine sanfte Meeresbrise durch Ihr Haar weht. So ist das Leben auf der schönen maledivischen Insel Villingili, wo die einheimische Vegetation gedeiht und hohe Gebäude selten sind.

Die Insel liegt nur 15 Minuten mit der Fähre von der maledivischen Hauptstadt Malé entfernt. Nur die Polizei, der Krankentransport und Bauarbeiter nutzen Autos. Die Inselbewohner fahren mit E-Bikes, batteriebetriebenen Rollern oder einfach mit dem Fahrrad. In Gemeinschaftsgärten bauen sie Obst und Gemüse an, Menschen mit und ohne Behinderungen leben bewusst zusammen und gemeinnützige Vereine organisieren Aufräumarbeiten, um die Strände sauber zu halten. Die Villingiler sind Verfechter eines Lebensstils, der im positiven Sinne inspiriert.

Ganz anders sieht es in den geschäftigen Straßen von Malé aus. In palmenlosen, überfüllten Straßen stauen sich die Motorräder und Motorroller, während sich eine unübersehbare Staubschicht auf alle Oberflächen legt. Zwischen den in den Himmel ragenden, glänzenden Gebäuden trübt eine Smogwolke die Sicht. Dank Tausender funkelnder Lichter scheint die Stadt niemals zu schlafen. Hier wächst wenig, abgesehen von winzigen Gartenbeeten, die von besonders grünen Daumen gepflegt werden. Die Stadt ist das Epizentrum der maledivischen Wirtschaft und des Fortschritts, doch ein Blick auf ein Foto, das vor zwei Jahrzehnten aufgenommen wurde, genügt, um sich die damit einhergehende Bedrohung der Umwelt vor Augen zu führen.

Hulhumalé ist ein Vorort von Malé. Die Insel, auf der sich heute der internationale Flughafen Velana befindet, entstand durch Maßnahmen zur Landgewinnung. Ihr Fundament ist ein Friedhof aus Korallen, die zu Straßen und Dämmen aufgeschüttet wurden. Die benachbarte Insel Thilafushi ist gänzlich künstlich. Eine ehemalige Lagune wurde nur mit Müll zur Insel aufgeschüttet. Müll, der von den Bewohnern der Inseln Hulhumalé, Malé und Villingili gesammelt wurde. Eine Müllinsel inmitten des sogenannten Paradieses auf Erden klänge nach einem schlechten Scherz, wenn die Auswirkungen dieser »Lösung« des maledivischen Müllproblems nicht so verheerend wären. Angesichts der ­dramatischen Schäden des empfindlichen Ökosystems des Atolls bleibt einem das Lachen schnell im ­Halse stecken. »In dieser Gegend fischen wir überhaupt nicht mehr«, erzählt mir ein Fischer auf Villingili. Mit seiner Crew fährt er jetzt in die hinterste Ecke des Atolls und glaubt, der Umweltverschmutzung so ausweichen zu können.

Hassan Ahmed, Gründer und Präsident der NGO »Save the Beach Maldives«, klagt: »Der ganze Müll der Region wird auf Thilafushi immer noch verbrannt und setzt enorme Mengen an Kohlenstoffemissionen in unsere Umwelt frei. Der Rauch treibt nach Villingili und in den Westen von Malé. Wir verschmutzen unseren eigenen Lebensraum und die Luft, die wir atmen.«

Villingili, diese Insel, die im gesamten Archipel, wenn nicht auf der ganzen Welt, als gutes Beispiel für eine Kommune gelten kann, der es gelungen ist, ihren CO2- Fußabdruck deutlich zu reduzieren, ist direkt betroffen von den Auswirkungen der Umweltverschmutzung. Mohamed Shihab, ein langjähriger Bewohner der Insel, berichtet, dass es während des Monsuns oft vorkommt, dass man beim Radfahren auf den sauberen, von Grün umgebenen Straßen »dem stinkenden Qualm ausgesetzt ist, der von den Müllbergen kommt. Es ist so schlimm, dass man sich die Nase zuhalten muss und die Wäsche nicht mehr draußen trocknen lassen kann.« Shihab arbeitet ehrenamtlich für die Gemeinschaftsinitiative »Villijoali«, und ist davon überzeugt, dass der Qualm Krankheiten auslöst. »Die Leute beschweren sich, doch nichts passiert. Keine Behörde fühlt sich verantwortlich.«

Die Abfallentsorgungsgesellschaft der Malediven berichtete im Dezember 2018, dass sie im Zuge ihrer landesweiten Säuberungsaktion insgesamt 195 Tonnen Müll aus den Distrikten Malé, Hulhumalé und Villingili eingesammelt hatte. Nur elf Prozent davon stammten aus Villingili, doch die Insel leidet am stärksten unter dem Qualm.

Sie, verehrter Leser, der Sie den Artikel bis hierhin mit Interesse verfolgt haben, können sich vermutlich gut in die missliche Lage der Villingiler einfühlen. Doch wenn man einen Schritt zurücktritt, dann kann das Schicksal der kleinen Insel als Analogie zum weltweiten Drama des menschengemachten Klimawandels gelesen werden. Die Malediven, das tiefstgelegene Land der Welt, das kaum zur Erderwärmung beiträgt, steht an vorderster Front des Klimawandels und des daraus resultierenden Meeresspiegelanstiegs. In den kommenden Jahren werden wir unweigerlich von den ersten Zeichen der Zerstörung heimgesucht werden, die von Wissenschaftlern übereinstimmend erwartet werden.

Der im Jahr 2018 veröffentlichte IPCC-Sonderbericht »1,5 Grad globale Erwärmung« stellte fest, dass bereits zu diesem Zeitpunkt Menschen und Ökosysteme auf der ganzen Welt betroffen sind. Darüber hinaus heißt es, dass die im Pariser Abkommen festgelegten internationalen Verpflichtungen nicht ausreichen würden, um den Temperaturanstieg deutlich unter zwei Grad zu halten. Ohne drastische Maßnahmen, die die Treibhausgasemissionen schon vor 2030 senken, dürfte die Erderwärmung in den folgenden Jahrzehnten auf über 1,5 Grad steigen, was unvermeidlich zum Untergang von Ökosystemen führen würde – dem fragilen von Villingili ebenso wie denen der zahlreichen Inselgruppen, die den Malediven ähneln.


Die Parallele besteht darin, dass die größeren Industrienationen – die Europäische Union, die Vereinigten Staaten von Amerika, Indien und China – die im Pariser Abkommen festgelegten Ziele zur Reduktion der globalen Emissionen nicht nur verfehlt haben, sondern alle einen weiteren Anstieg an Emissionen verzeichnen. Trotz geringfügiger Reduktionen wurden die vereinbarten Ziele nicht erreicht. Länder wie die Malediven, die nur zu einem sehr geringen Prozentsatz zum Problem beitragen, sind bereits stark von den Folgen des Klimawandels betroffen. Aber wenn die Korallenriffe sterben, sterben die Ozeane und wenn die Ozeane sterben, spielt es keine Rolle mehr, wie weit man von den Tropen entfernt ist: Dann gibt es keinen Sauerstoff mehr zum Atmen. Die apokalyptischen Wüsten, die wir in dystopischen Fantasyfilmen zu sehen bekommen, könnten schon zu unseren Lebzeiten Realität werden.

Auf den Malediven ist die Umweltverschmutzung dank des ständigen Drucks der sozialen Medien zu einem wichtigen Thema geworden. Einige Bewohner des Großraums Malé haben versucht, Lösungen für das Müllproblem zu finden, doch der größte Teil des Schadens ist unwiederbringlich angerichtet. Auf dem Twitterkanal der maledivischen Umweltbewegung heißt es: »Der Wind trägt den giftigen Qualm von Thilafushi mit sich. Heute war Villingili von Malé aus kaum zu sehen. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung der Malediven lebt in der Region Malé und ist direkt von diesen giftigen Gasen betroffen. Welche langfristigen gesundheitlichen Auswirkungen hat das Einatmen des giftigen Rauchs? Welche Rolle spielt Thilafushi bei der Zunahme von Krebs und Lungenerkrankungen? Wann wird das Verbrennen von Müll aufhören?«

Im Jahr 2018 ging die Bevölkerung an die Urnen und wählte Ibrahim Mohamed Solih zum Präsidenten und seine Koalition an die Regierung. Grund waren unter anderem auch ihre Versprechungen im Zusammenhang mit Klimaschutzmaßnahmen und einer allgemeinen Ausrichtung auf Nachhaltigkeit. Ob diese Regierung erfolgreich darin sein wird, das maledivische Müllproblem zu lösen, bleibt abzuwarten.

Doch mit Blick auf die ganze Welt vermag die maledivische Klimapolitik nichts auszurichten, wenn es zwischen den Inselnationen und dem Rest der Welt keine Einigkeit in der Sache gibt. Weltweit muss der Diskurs über den Klimawandel in Gang gebracht werden, und Taten müssen den Worten folgen. Es geht um mehr als nur darum, bestimmte Arten von Abfällen zu reduzieren. Vielmehr müssen die Entscheidungsträger unter Druck gesetzt werden, endlich den CO2-Ausstoß weiter zu senken. Wähler auf der ganzen Welt sollten ihre Regierenden dazu drängen, die richtigen Schritte zum Wohle aller zu unternehmen. Die Malediven und andere Inselstaaten befinden sich in einer Klimakrise, die durch die ganze Menschheit verursacht wurde.
Die eigentliche Frage lautet deshalb: Wie lange will der Rest der Welt noch dabei zuschauen, wie die Inselstaaten untergehen? 



Aus dem Englischen von Karola Klatt

 

 

 

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