Entmachtete Frauen

Emma Fulu, Ausgabe IV/2019 , Das Paradies der anderen



Von mächtigen Herrscherinnen bis zur Vollverschleierung: Wie sich die Rolle der Frauen wandelte

Außenstehende kennen die Malediven oft nur als begehrtes Reiseziel luxuriöser Flitterwochen. Während sich Touristinnen in knappen Bikinis und mit Cocktails in der Hand an den Stränden ihrer Resortinseln tummeln, sieht die Szenerie auf den von Maledivern bewohnten Inseln jedoch ganz anders aus: Alkoholkonsum ist streng verboten und Malediverinnen mit Kopftuch dominieren dort heutzutage das Bild. 

Blickt man auf die Geschichte des Landes zurück, sah das längst nicht immer so aus: Maledivische Frauen genossen im Vergleich zu benachbarten Ländern ein relativ hohes gesellschaftliches Ansehen. Frühe arabische Aufzeichnungen erwähnen, dass die Inseln, bevor sie zum Islam bekehrt wurden, von Königinnen regiert wurden. Nach der Konvertierung zum Islam herrschten Sultane über den Inselstaat – allerdings mit recht ungewöhnlicher Rollenverteilung, wie die arabischen Händler und Chronisten Suleiman und Al Masudi bereits im 9. und frühen 10. Jahrhundert vermerkten. Als der arabische Reiseliterat und Kartograf Al Idrisi im Jahr 1150 das Land besuchte, saß zwar ein Sultan auf dem Thron, doch in seinen Aufzeichnungen schrieb er, dass »seine Frau bei feierlichen Festen und anderen größeren Anlässen in der Öffentlichkeit erscheint, in Begleitung ihrer Hofdamen, mit einer Vielzahl von Elefanten, Trompeten und Fahnen. Ihr Ehemann und die Wesire folgen ihr in gewissem Abstand.« Al-Idrisi führt weiter aus, dass die Königin »Recht spricht, als Schlichterin zwischen den Menschen auftritt und sich vor ihnen nicht verschleiert. Sie gibt die Befehle, und ihr Ehemann ist zwar anwesend, mischt sich jedoch nicht ein. So ist es dort schon immer der Brauch gewesen, entsprechend einer etablierten Tradition, von der sie nie abweichen.«

Heute liegt ein Großteil der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Macht in der Hand von Männern. Doch im Vergleich zu den Nachbarländern stehen die Malediven noch immer verhältnismäßig gut da. So wird der Inselstaat in seiner Ausübung des Islam als gemäßigt oder liberal beschrieben, besonders im Hinblick auf die Rolle der Frauen. In der Vergangenheit wählten die Frauen ihre Partner selbst aus und Ehen konnten nur dann problemlos aufgehoben werden, wenn beide Parteien dies wünschten. Die Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen, war den Frauen frei überlassen. Für manche galt es als Zeichen religiöser Frömmigkeit, für andere war es ein modisches Statement. Ab einem gewissen Alter legten viele Frauen den Schleier an, um etwaige graue Haare zu verstecken.

Die Malediven halten den niedrigsten Indexplatz geschlechtsspezifischer Ungleichheit (Gender Inequality Index, GII) in ganz Südasien inne. 2018 wurden ebenso viele Mädchen wie Jungen eingeschult und die Alphabetisierungsrate von Männern wie Frauen ist mit 98 Prozent eine der höchsten in der Region. Frauen sind im öffentlichen Leben sehr sichtbar – so waren einige Kabinettsmitglieder Frauen, es gibt mehrere Richterinnen und zahlreiche berühmte Musikerinnen und Künstlerinnen. Trotz alledem sind Frauen in der Wahl ihrer Kleidung, dem selbstverständlichen Unterwegssein zu später Stunde oder dem Zugang zu als anrüchig geltenden Orten deutlich eingeschränkter als Männer.

Doch anstatt dass sich die Geschlechtergerechtigkeit weiter verbesserte, wurde die Lage in den vergangenen 15 Jahren schwieriger für Frauen. Grund dafür ist vor allem ein Wandel des maledivischen Islams, dessen Form und Bedeutung sich in letzter Zeit radikal veränderte.

Bis in die frühen 2000er-Jahre prägte der damalige langjährige Präsident Maumoon Abdul Gayoom das maledivische Verständnis von Religion. Gayoom, der an der Al-Azhar-Universität in Ägypten studiert hatte und 1978 an die Macht kam, machte es sich zur Aufgabe, eine nationale Identität für eine moderne muslimische Gesellschaft zu schaffen. Der von Gayoom  staatlich kontrollierte, eher gemäßigte politisch-religiöse Diskurs verlagerte sich später allerdings zu einer weit verbreiteten fundamentalistischen Bewegung, die immer stärkeren Einfluss auf das Leben der Malediverinnen und Malediver nahm, bei der Vergabe öffentlicher Posten bis hin zu den privatesten Beziehungen. Immer mehr Haushalte folgen nun einer streng patriarchalen Familienideologie, während die Freiheiten der Frauen zunehmend eingeschränkt werden.

Es ist wichtig, die politische Bewegung des Islamismus nicht mit der Religion des Islam gleichzusetzen. Der Islam als Religion hat auf den Malediven über Jahrhunderte hinweg eine wichtige Rolle gespielt, ohne dass Frauen per se unterdrückt wurden. Erst jetzt, mit dem Erstarken fundamental-islamischer Bewegungen, wird die Gleichstellung von Frauen und Männern infrage gestellt.

Das Erstarken des Islamismus hat mehrere Gründe. Zum Teil kann er sicherlich als Widerstand gegen westliche Einflüsse im Zuge der Globalisierung gelesen werden, gleichzeitig trug aber auch Gayooms Unterdrückung alternativer Auslegungen des Islam zur Radikalisierung als Form des Widerstands bei. Denn nicht nur auf den Malediven, auf der ganzen Welt ist der Fundamentalismus ein beliebtes Mittel geworden, um gegen fehlende Zukunftsperspektiven zu protestieren.

Der deutlichste Katalysator für die plötzliche Verschiebung der Geschlechterbeziehungen war allerdings der Tsunami im Indischen Ozean im Jahr 2004. Als die riesigen Wellen des Tsunamis am 26. Dezember die maledivischen Inseln überfluteten, vertrieben sie Tausende von Menschen, zerstörten Häuser, Infrastruktur und Existenzgrundlagen. Unmittelbar nach der Katastrophe behaupteten einige extreme islamistische Gruppierungen, der Tsunami sei das Ergebnis von Allahs Zorn, provoziert durch unmoralisches Verhalten. Insbesondere Frauenkörper rückten ins Zentrum der Kritik, und etliche Menschen sahen die Schuld an der Tragödie darin, dass maledivische Frauen keine Burka trügen. Auch in anderen Ländern, die vom Tsunami betroffen waren, wurden Frauen zum Sündenbock gemacht; in Indonesien, Sri Lanka und Südindien tauchten ähnliche Darstellungen der »Unmoral« von Frauen auf, um die Naturkatastrophe zu erklären.

Der Tsunami gab den Angstkampagnen von islamistischen Predigern neuen Zündstoff. Gleichzeitig erzeugten westliche Spendengelder der Katastrophenhilfe den Druck, das Land nach der langjährigen Herrschaft unter Gayoom möglichst schnell zu demokratisieren. Normalerweise gilt die Demokratie als positiv und potenziell gewinnbringend für Frauen. Allerdings legen einige wissenschaftliche Forschungen nahe, dass die negativen Auswirkungen der Modernisierung, wie etwa die ungleiche Entwicklung des Landes, zu einer Art kulturellen Krise beigetragen habe, welche konservative Diskurse begünstige und Frauen unterdrücke.

Die aktuelle politische Unsicherheit auf den Malediven wurzelt in einer komplexen Schnittmenge aus autoritärer Politik, Naturkatastrophen und den Folgen der Globalisierung. Diese widersprüchlichen Diskurse werden allzu oft auf Frauenkörpern ausgefochten. So gab es einen eklatanten Rückschritt in Bezug auf sexuelle und reproduktive Rechte. Laut eines Berichts des UN-Ausschusses für die Beseitigung der Diskriminierung von Frauen (CEDAW) haben nicht nur Gewalttaten gegen Frauen seit dem Tsunami zugenommen, auch die Zahlen von sehr frühen Eheschließungen und Polygamie nahmen zu. Im Januar 2018 kritisierte die Frauenrechtsorganisation »Uthema« öffentlichkeitswirksam, dass die Regierung es versäumt habe, Hunderte von Fällen sexueller Übergriffe aufzuarbeiten. Doch eine der sichtbarsten Veränderungen ist die Zunahme vollverschleierter Frauen auf maledivischen Straßen. Zwar ist der Schleier an sich noch kein zwangsläufiges Zeichen der Unterdrückung. Doch innerhalb eines weltweit zunehmenden Islamismus kann man die zunehmende Verschleierung auf den Inseln durchaus als Beleg für die Ausgrenzung von Frauen aus dem öffentlichen Leben verstehen.

Trotz alledem sind Malediverinnen nach wie vor an vorderster Front von politischen Bewegungen anzutreffen: So gründete die ehemalige maledivische Staatsministerin Thilmeeza Hussain die feministische Umweltorganisation »Voice of Women«. Die Menschenrechtsaktivistin Humay Abdulghafoor setzt sich mit ihrer frauenzentrierten zivilgesellschaftlichen Organisation »Uthema« für die Einhaltung der demokratischen Rechte ein. Aneesa Ahmed erhielt für ihre Arbeit im Kampf gegen Gewalt an Frauen vor Kurzem den internationalen Woman-of-Courage-Preis der US-Regierung. Sie und zahlreiche weitere mutige Malediverinnen kämpfen täglich für mehr soziale Gerechtigkeit, den Klimaschutz und die Einhaltung der Menschenrechte. Auch wenn rückwärtsgewandte Gruppierungen immer wieder versuchen, maledivische Frauen in die Unsichtbarkeit zu verdrängen und zum Schweigen zu bringen: Sie lassen sich nicht unterkriegen.

Aus dem Englischen von Annalena Heber

 

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