Editorial

Jenny Friedrich-Freksa, Ausgabe II/2019, Schuld



Schuld. Dieses kurze Wort klingt so schwer, als laste alles Böse der Welt auf ihm. Es steht für eine Sache, die ein einzelner Mensch auf sich lädt, wenn er sich vor dem Gesetz strafbar macht. Man kann sich allerdings auch ganz still und für sich allein schuldig fühlen: wenn das eigene Gewissen einem sagt, falsch gehandelt zu haben. Schuld kann auf Gemeinschaften liegen, die toleriert haben, dass in ihrer Mitte Hässliches geschah. Und Schuld wirft lange Schatten – historisches Unrecht kann bis in die Gegenwart reichen.
Eine heftige Debatte ist derzeit über den Umgang mit dem Kolonialismus entbrannt. Im Interview sprechen die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr über die Verantwortung, sich diesem düsteren Kapitel der Geschichte zu stellen. Die Schriftstellerin Malaika Mahlatsi aus Johannesburg erkärt, weshalb Ackerflächen, die einst der schwarzen Bevölkerung gehörten, an diese zurückgegeben werden sollten. Kallie Kriel wiederum, der die Interessen europäischstämmiger Farmer in Südafrika vertritt, sagt im Gespräch: »Ich habe kein Land gestohlen.«
Die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen geht Gewissensfragen nach: Warum empfinden Menschen Schuld? Und welche Rolle spielen Schuld und Verantwortung für die eigene Identität?
Wir schauen außerdem auf Täter und Opfer: Soun Rottana, ein ehemaliger Kindersoldat der Roten Khmer, spricht über das Töten. Lotte Leicht, EU-Direktorin von Human Rights Watch, erklärt, wie wichtig es für Überlebende ist, dass die Wahrheit über ein Verbrechen ausgesprochen wird. Und nicht zuletzt geht es natürlich auch um Vergebung, darum, wie Menschen in unterschiedlichen Kulturen und Religionen sich entschulden und entschuldigen, wie sie sich versöhnen und einander verzeihen.

Jenny Friedrich-Freksa

 

 

Ähnliche Artikel

Die Undogmatische

Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert, Karin Schädler

Lamya Kaddor beschreibt in ihrem neuen Buch ihre Sicht auf einen zeitgemäßen Islam

mehr


Zwischen Anstand und Glamour

Ausgabe IV/2014, Kauf ich. Ein Heft über Konsum, Aksu Akçao?lu

Die konservative Mittelschicht in der Türkei versöhnt sich mit der westlichen Shoppingkultur

mehr


Der Leser macht das Buch

Ausgabe II+III/2011, What? Wie wir fremde Sprachen übersetzen, Angelika Neuwirth

Arabisten müssen zwischen den Kulturen übersetzen. Denn die europäische und die islamische Tradition verstehen den Koran unterschiedlich

mehr


Muslime in Deutschland

Ausgabe III/2010, e-volution. Wie uns die digitale Welt verändert, Renate Heugel

Die aktuellen Debatten um den Islam und die Muslime in Deutschland, um deren Integrationsfähigkeit in die bundesdeutsche Gesellschaft und das politische System ... mehr


»Es geht nicht um Schuld und Wiedergutmachung«

Ausgabe II/2019, Schuld, Felwine Sarr, Bénédicte Savoy

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der Ökonom Felwine Sarr fordern, dass europäische Museen afrikanische Kunstschätze zurückgeben sollen. Ein Gespräch

mehr


Der Geschichte ins Auge sehen

Ausgabe II/2019, Schuld, Hamady Bocoum

Museen sollten sich dem Vermächtnis des Kolonialismus stellen

mehr