Imame als Lotsen

Rauf Ceylan, Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen



Deutsche Hochschulen bilden bald islamische Theologen aus

Bereits im Frühjahr 2010 – und damit lange vor der Debatte um das Buch von Thilo Sarrazin oder die Äußerungen des Bundespräsidenten Christian Wulff über Muslime in Deutschland – empfahl der Wissenschaftsrat die Einrichtung von Lehrstühlen für islamische Theologie. Das Motiv dafür ist nachvollziehbar: In Deutschland ausgebildete Imame sollen den Integrationsprozess der Muslime beschleunigen, indem sie ihre Predigt und Seelsorge an der Lebensrealität der Muslime in Deutschland orientieren und vorleben, dass der Islam keine Ausländerreligion ist.
In Deutschland leben und wirken über 2.000 Imame. Sie sind für die circa 4,2 Millionen Muslime, von denen 86 Prozent sich als „eher gläubig“ oder „stark gläubig“ einstufen, Ansprechpartner in allen theologischen Fragen. Über 90 Prozent der Imame stammen nach wie vor aus dem Ausland, überwiegend aus der Türkei. Bei den wöchentlichen Freitagspredigten erreichen sie Tausende Gläubige. Muslimische Kinder und Jugendliche gehen an den Wochenenden und in den Ferien in die Moscheegemeinden zu Islamkursen und Freizeitangeboten und erhalten durch die Imame ihre religiöse Erziehung. Darüber hinaus nehmen die Imame zahlreiche andere Aufgaben wie die Rolle des Vorbeters, seelsorgerische Betreuung oder Vermittlung in Ehe- und Scheidungskonflikten wahr. Aufgrund dieser zentralen Stellung fordern vor allem die jüngeren Gemeindemitglieder, dass Imame die deutsche Sprache beherrschen und die hiesige Gesellschaft kennen müssen.
Das Goethe-Institut Ankara hat bereits 2002 damit begonnen, Imamen des türkischen Amtes für religiöse Angelegenheiten (Diyanet) Sprachkurse anzubieten. Diese Imame sind Beamte des türkischen Staates. Ähnlich wie Diplomaten werden sie nach einem Rotationsverfahren alle vier bis fünf Jahre ausgetauscht. Die Konrad-Adenauer-Stiftung hält seit 2006 in Zusammenarbeit mit Diyanet Landeskundeseminare für Imame in der Türkei ab, um sie besser auf ihren Dienst in Deutschland vorzubereiten. Die erste deutsche Hochschule, die im Wintersemester 2010/11 ein universitäres Weiterbildungsprogramm für Imame und das seelsorgerische Betreuungspersonal in den muslimischen Gemeinden gestartet hat, war die Universität Osnabrück. Und auch das Projekt „Imame für Integration“ vom Goethe-Institut und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge setzt auf eine Vertiefung der Kenntnisse von Sprache und Gesellschaft in Begleitseminaren in Deutschland.
Zwar bilden alle diese Maßnahmen wichtige Schritte, bleiben aber nur die kleine Lösung. Ziel muss sein, hier sozialisierten jungen Muslimen die Möglichkeit zu schaffen, islamische Theologie an deutschen Hochschulen zu studieren. Vor allem wegen der Kinder- und Jugendarbeit haben Muslime aller Glaubensrichtungen den Bedarf an deutschsprachigen, heimischen Imamen erkannt. Zudem sind viele mit den Interpretationen islamischer Quellentexte durch traditionelle Gelehrte nicht einverstanden, weil sie im deutschen Kontext nicht passend sind. Das beginnt mit der Frage, ob man mit Zinsen Immobilien erwerben darf, bis hin zu Fragen über Sterbehilfe. Obwohl viele Muslime eine universitäre Imamausbildung an deutschen Hochschulen begrüßen, herrscht je nach religiöser Orientierung Uneinigkeit hinsichtlich ihrer Operationalisierung. Muss der Meinungspluralismus der Glaubensrichtungen sich widerspiegeln? Soll das Curriculum den Standards der theologischen Fakultäten islamischer Länder entsprechen? Wie viel Mitsprache sollen islamische Verbände bei der Benennung der Professuren haben? Damit die strittigen Fragen geklärt und die neu zu schaffenden Lehrstühle von der Basis auch angenommen werden, hat der Wissenschaftsrat die Etablierung von Beiräten aus muslimischen Theologen, Verbänden und Persönlichkeiten empfohlen. Die Universitäten Osnabrück, Münster und Tübingen als erste Standorte für islamische Institute in Deutschland stehen nun vor der Aufgabe, diese Beiräte zu installieren. Je schneller dies geschieht, desto eher können junge Menschen in Deutschland eine islamische Theologie im europäischen Kontext studieren.

 

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