Wir Klimasünder

Luis Fernández-Carril, Ausgabe II/2019, Schuld



Politiker und Unternehmen reden Bürgern gerne ein, dass sie etwas für die Umwelt tun können – und lenken damit vor allem von ihrem eigenen Versagen ab



Ich möchte etwas beichten: Ich hatte schon immer Schuldgefühle. Ich bin in einer religiösen Familie in Mexiko-Stadt aufgewachsen, da gehörte der feste Glaube an die Erbsünde mit dazu wie das Gebet vor dem Abendessen. Wer streng katholisch ist, der trägt die Last Adams und Evas, der ersten beiden Menschen, die den Ungehorsam übten und aus dem Paradies vertrieben wurden, stets mit sich herum – und das Wissen darüber, dass alle Menschen mit einer Teilschuld geboren werden. So war es auch bei mir.

In meiner Kindheit erzählten meine Eltern mir zwar, dass irgendwann der Messias auf die Erde kam und sich für die Sünden der Menschen opferte. An meinen Schuldgefühlen änderte das allerdings nichts. »Jesus hat auch dich erlöst«, sagte man mir, aber so recht konnte ich das nicht glauben. Im Gegenteil: Immer wenn ich in der Kirche die Bilder eines blutüberströmten, leidenden Christus sah, der in all seiner Reinheit und Unschuld starb, um meine Sünden auszulöschen, hatte ich das Gefühl, ein Täter zu sein. Ich war mitverantwortlich für den Tod des unschuldigsten Menschen.

Als Teenager ging ich seltener in die Kirche. Irgendwann war es mir fast egal, was Gott über meine alltäglichen Missetaten dachte. Doch gerade als sich die eine Erbsünde aus meinem Kopf verflüchtigte, nistete sich die nächste ein. Ich begann zu lesen und mich für den Umweltschutz zu interessieren. Und so las ich von der Zerstörung der Natur, vom Ozonloch und vom Klimawandel. Ich las über das Ausmaß der Verwüstung, die der Homo sapiens überall auf dem Planeten anrichtete, von der globalen Umweltkrise, von aussterbenden Spezies und von der Abholzung des Dschungels in Borneo und im Amazonas – und erkannte mich wieder als Mitschuldigen. Plötzlich fühlte ich mich nicht mehr von der Religion und der Kirche in Sippenhaft genommen, sondern von der Spezies Mensch an sich. Mea culpa, dachte ich, so wie viele andere auch. Wieder ließ ich mir einreden, an einem Verbrechen beteiligt zu sein.

»Ich werde öfter den Stecker herausziehen«, beteuerte einer der Protagonisten in einem Werbespot des multinationalen Energiekonzerns Chevron, den ich damals ständig im Fernsehen sah. »Ich werde weniger Energie verbrauchen«, schwor ein anderer. Und ich saß vor der Mattscheibe und plagte mich mit Gewissensbissen herum.
Ich berechnete meinen ökologischen Fußabdruck und erfuhr, dass die Menschheit 1,6 Erden bräuchte, wenn alle so leben würden wie ich. Ich bestellte meine Limo ohne Strohhalm, um nicht zum Plastiksünder zu werden, duschte fünf Minuten lang mit kaltem Wasser, damit mir niemand Verschwendung vorwerfen konnte. Ich fing an, zu recyceln, obwohl ich wusste, dass all der menschliche Dreck am Ende doch wieder auf derselben Müllhalde landen würde. Ich trank sogar die Cola aus der Eisbären-Spezialedition, um meinem Bewusstsein für das Abschmelzen des Nordpols Rechnung zu tragen. Wenn ich nur mehr tun würde, nur verantwortungsbewusster einkaufen würde, nur noch besser auf meine CO2-Bilanz achten würde, dann wäre meine Schuld irgendwann getilgt, dann könnte ich mich freikaufen, dann müsste es der Welt und mir am Ende endlich besser gehen.
Aber es passierte nichts. Die Welt wurde noch dreckiger, die Luft und das Wasser noch schlechter, das Problem des Klimawandels noch dramatischer, die Last auf meinen Schultern noch größer. Bis der Tag kam, an dem ich die Kraft fand, mir endlich selbst zu verzeihen. Es war der 12. Dezember 2015, und die Mitgliedsstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) verkündeten die Resultate des Übereinkommens von Paris, das die Nachfolgevereinbarung für das Kyoto-Protokoll werden sollte. Im Fernsehen hörte ich, dass man sich darauf geeinigt hatte, dass alle Länder auf der Welt Verpflichtungen eingehen müssten. Da alle Staaten etwas Mitschuld an der Klimakrise trügen, müssten auch alle etwas leisten. Der Klimawandel sei ein Menschheitsproblem und müsse deshalb auch zusammen angegangen werden. Der globale Norden müsse mit dem globalen Süden kooperieren, die erste mit der dritten Welt und allen dazwischen. Und auch die Bürgerinnen und Bürger müssten etwas leisten. Echter Wandel beginne auch mit Eigenverantwortung und dem Veränderungswillen jedes Einzelnen.

Das ließ mich aufhorchen. War nicht rund zwei Jahrzehnte zuvor, bei den Verhandlungen für das Kyoto-Protokoll, festgestellt worden, dass es gerade die großen Industrienationen waren, die den Planeten verschmutzten? Waren es nicht die Vereinigten Staaten, China, Indien und Europa, die einen überproportionalen Anteil am Ausstoß von Treibhausgasen zu verantworten hatten? Plötzlich klang es so, als hätten alle gleichermaßen etwas verbrochen. Und wer redete eigentlich von der außerordentlichen Verantwortung der Konzerne, der Ölfirmen und der Automobilhersteller? Niemand. Alle waren schuld, wir alle richteten den Planeten nieder.

Ich hörte mir die Fernsehberichte an, hielt kurz inne und dann verstand ich endlich, dass es ein Spiel war; ein Schwarzer-Peter-Spiel, bei dem die Schuld immer reihum ging, aber sich nie etwas verändern würde – und dass es nichts anderes war als damals in den Beichtstühlen und Sonntagsmessen meiner Kindheit: Man redete den Leuten ein schlechtes Gewissen ein, damit sie sich gefügig machten und man selbst nicht zur Verantwortung gezogen wurde. Die Regierungen und Institutionen, die Ölkonzerne und Großunternehmen, diejenigen, die wirklich Schuld trugen, verteilten sie weiter. So lange, bis alles zum Stillstand kam. So kann das nicht weitergehen, sagte ich mir. Und dann sprach ich mich frei.

Denn wo soll es uns hinführen, wenn alle die Klimaschuld spüren, aber die eigentlichen Verantwortlichen keine echten Konsequenzen zu tragen haben? Was sollen Entwicklungsländer tun, was soll das Individuum tun, was soll ich tun, wenn an den Orten, an denen es wirklich zählen würde, nichts geschieht?  In einer Welt, in der längst bekannt ist, dass rund einhundert globale Konzerne rund 74 Prozent der Treibhausgase seit 1998 ausgestoßen haben, soll ich mit meiner Fünfminutendusche den Planeten retten. In einer Welt, in der längst bekannt ist, dass zwei Dutzend Staaten mehr als die Hälfte der globalen Industrieemissionen verursacht haben, soll meine Mülltrennung den Unterschied machen. Ich mache da nicht mehr mit. Ich fühle mich nicht mehr schuldig. Und die jungen Menschen, die just in diesem Jahr begonnen haben, gegen den Klimawandel auf die Straße zu gehen, tun es auch nicht mehr.

Die schwedische Aktivistin Greta Thunberg und all die Gruppen von Schülerinnen und Schülern, die auf der ganzen Welt ihrem Vorbild folgen, akzeptieren die Schuldzuweisungen nicht mehr. Sie wissen zwar, dass sie für ihre täglichen Entscheidungen verantwortlich sind, für die klimaschädlichen Konsequenzen von Kurzstreckenflügen, Wegwerfprodukten, aber sie sprechen nicht darüber, dass sich jeder an die eigene Nase fassen muss, wenn er die Welt retten will.

Sie wollen, dass endlich diejenigen zur Rechenschaft gezogen werden, die der Welt wirklich etwas schuldig sind. Sie streiken gegen die Untätigkeit der Politik und den Profitwahn der Konzerne – und sie haben verstanden, dass es sich nicht lohnt, sich untereinander anzuklagen, sondern es Worte zu finden gilt, die Mut machen. »Wir sind die, auf die wir gewartet haben«, steht auf ihren Plakaten.
Damit Menschen wirklich handeln können, brauchen sie vor allem Selbstvertrauen. Und das Gefühl, einen relevanten und nützlichen Beitrag leisten zu können. Viele Politikerinnen und Politiker scheinen das bis heute nicht verstanden zu haben. Wenn etwa die britische Premierministerin Theresa May, wie erst kürzlich geschehen, zu Protokoll gibt, dass die jungen Klimaaktivisten kostbare Unterrichtszeit verschwenden würden, die sie besser in ihre Schulausbildung oder ihr Studium investieren sollten, dann zeugt das nicht von großer Einsicht.

Wieder sind die Bürgerinnen und Bürger schuld, wieder kommt aus der Politik kein »Mea culpa«, und wieder ist es die junge Greta Thunberg, die genug hat von den Gewissenbissen, und im Namen von uns allen schreibt: »Wie verschwenden vielleicht unsere Schulzeit, aber die Politik hat bereits dreißig Jahre verschwendet, um überhaupt etwas gegen den Klimawandel zu unternehmen.« Wir sind nicht mehr schuld.



Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

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