»Irgendwann kam der Ekel durch«

Zvi Hecker, Ausgabe II/2019, Schuld



Eines seiner bekanntesten Gebäude errichtete der Architekt Zvi Hecker 1972 in Ostjerusalem – auf ehemals palästinensischem Gebiet. Ein Gespräch über Architektur und Schuldgefühle

Herr Hecker, die Liste Ihrer Werke ist lang. Sie haben schon eine Synagoge in der Wüste Negev gebaut, ein Kunstmuseum in Kalifornien und eine Grundschule in Berlin. Und doch sorgte ein von Ihnen entworfener Apartmentkomplex bisweilen für die meisten Diskussionen um Ihre Person. Wie kam es dazu?

Anfang der 1970er­Jahre wurde ich vom israelischen Wohnungsministerium beauftragt, eine Wohnanlage im Ramot­Polin­Viertel, einem Stadtteil von Ostjerusalem, zu bauen. Für mich war das eine architektonische Herausforderung. Das Baugebiet war auf einem Hügel gelegen und ich wollte die Apartments nicht oben auf diesen Hügel draufsetzen, sondern sie in ihn hineinbauen. Die Gebäude sollten sich an seinen Hängen orientieren. Dazu kam, dass ich etwas Spezielles schaffen wollte, und viel mit geometrischen Formen experimentierte. Am Ende kam eine Anlage heraus, die nahezu maschinell fabriziert aussah, aber gleichzeitig auch völlig unüblich war für die Architektur der Zeit. Daran schieden sich natürlich die Geister. Aber ich nehme an, Sie wollen nicht auf Designfragen hinaus ...

Für die eigentliche Kontroverse sorgte die Tatsache, dass das Gebiet, auf dem Sie bauten, kurz zuvor im Sechstagekrieg von Israel erobert worden war. Ihr Gebäude wurde somit zum Teil der israelischen Expansion ins Westjordanland. Waren Sie sich der politischen Tragweite Ihres Projekts damals bewusst?

Man kann im Nachhinein immer nach Entschuldigungen suchen, aber ich wusste natürlich, dass ich nicht auf israelischem Land baute, sondern auf Land, das den Palästinensern gestohlen worden war. Das soll nicht heißen, dass ich der israelischen Politik nicht damals schon kritisch gegenüberstand. Schon während meiner Zeit im verpflichtenden Militärdienst hatte ich das Gefühl gehabt, unwillentlich an der Besatzung Palästinas teilzunehmen. Irgendwie schaffte ich es aber, mich davon zu überzeugen, dass ich nur meinen Job machte. Für eine Zeit lang war mein Gewissen rein, weil ich versuchte, es nicht zu benutzen. Die Schuldgefühle kamen dann aber natürlich irgendwann doch durch – und der Ekel, sich an etwas beteiligt zu haben, das man verachtete.

Wie sind Sie mit diesem Zwiespalt umgegangen?

Ich war, so wie die meisten Menschen, sehr gut darin, mir meine eigenen Taten schönzureden. Eine Ausflucht, die ich mir selbst auftischte, war die, dass ich mich irgendwie reinwaschen könnte, wenn ich nur gewissenhaft arbeitete. Vielleicht entkäme ich der Hölle, wenn ich nur ein Gebäude kreierte, das Menschen wertschätzen könnten. Ich wollte keine Festung bauen, die der Eroberung galt. Vielleicht würde das die Brutalität der Situation abschwächen und ich mich so ein Stück weniger schuldig machen.

Das Thema der persönlichen und kollektiven Schuld stand seither im Zentrum vieler Ihrer Werke. Sie haben Monumente, Denkmäler und Museen gebaut. Warum war Ihnen das wichtig?

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ein Großteil der Architektur, die sich mit Schuldfragen auseinandersetzt, einen bestrafenden Charakter hat. Nehmen wir zum Beispiel das Holocaust­Mahnmal in Berlin. Da wurde ein zentraler Platz genommen und mehr oder weniger eliminiert. Er soll den Deutschen schwer im Gewissen liegen. Der Vorschlag, den ich damals einreichte, sah vor, den Platz mehr zu nutzen wie eine Parkfläche. Es hätte viele Bäume und Büsche gegeben – und vereinzelte Mauern, in die jeder Deutsche einen selbst gepressten Ziegel hätte einsetzen können. Das wäre eine aktivere Form des Umgangs mit der Geschichte gewesen. Selbst Denkmäler sollten fröhliche Orte sein, immerhin werden sie von Generationen genutzt, die keine Schuld tragen. So war es übrigens auch mit meiner Wohnanlage in Ramot Polin: Ich wollte schon immer wohlwollende Gebäude schaffen. Gebäude, die zur Reflexion einladen, aber niemanden anklagen.

Das Interview führten Lisa Engemann und Kai Schnier

 

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