»Kern des Menschseins«

Bart van Es, Ausgabe II/2019, Schuld



Schuld ist ein wiederkehrendes Thema in der Weltliteratur. Der Autor Bart van Es erzählt, warum es auch in unserer Zeit hochaktuell ist

Herr van Es, über den Holocaust wurde schon viel geschrieben. Warum war es Ihnen wichtig, in Ihrem Buch »Das Mädchen mit dem Poesie­album« die Geschichte von Lien zu erzählen, einem jungen jüdischen Mädchen, das Ihre Großeltern vor den Nazis versteckt hielten? 

Als ich anfing, das Buch zu schreiben, hatte ich schon die Befürchtung, es könne redundant sein. Auslöser dafür, dass ich es schrieb, waren der Tod meines ältesten Onkels, die Wiederkehr des Antisemitismus und rechtsextremer Politiker und meine Arbeit über Kinder im frühmodernen England. Ich nahm mir von Anfang an vor, etwas anderes zu schreiben als eine Geschichte, die entweder im Vernichtungslager endet oder damit, dass die Hauptfigur überlebt. Ich wollte hinterfragen, was die Konsequenzen des Überlebens sind. Darüber wurde nur wenig geschrieben.. 

Werden wir also auch in Zukunft Bücher über den ­Holocaust schreiben und lesen?

Da bin ich mir sicher. Aber als ich »Das Mädchen mit dem Poesiealbum« schrieb, dachte ich nicht, dass ich Holocaust­literatur schreibe. In vielerlei Hinsicht ist es eine gewöhnliche Familiengeschichte. Brüche gibt es in vielen Familien, auch ohne den Holocaust. Es gibt auch in normalen Familien genug Schuld. Mein Buch beschäftigt sich mit Männern, die keine Anzeichen von Schuldgefühlen dafür zeigten, dass sie mit den Nazis kollaboriert hatten, wie der Polizist Harry Evers, der drei Jahre im Gefängnis saß und dann einfach weiterlebte, als sei nichts gewesen. Oder der Mann, der Liens Eltern verhaftet hatte, die später in Auschwitz starben, und der sich als unschuldiges Opfer fühlte, weil er doch nur Befehle befolgt hatte.  

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem Schreiben über den Holocaust und der politischen Realität? 

Ja. Sehen Sie sich nur die Polizeiposten vor den Synagogen an, die dort sind, weil es derzeit eine Bedrohung durch den Antisemitismus gibt, oder die Zerwürfnisse in der ­Labour Party in Großbritannien wegen des Antisemitismus. Ich denke, hier gibt es ein Versagen des Schuldempfindens.

Wird unsere Gesellschaft versierter darin, Schuld abzuschütteln?

Darin liegt eine der Gefahren von Echokammern im ­Internet. Wenn man einfach Dinge an andere weitergibt, die einem selbst von Algorithmen präsentiert wurden, ist das eine Art Informations-Junkfood. Man wird mit nichts mehr konfrontiert, das einem Schuldgefühle bereiten könnte. Das gilt auch für große aktuelle Themen, etwa den Klimawandel. Die Leute wollen sich nicht schuldig fühlen, weil sie nach Thailand fliegen oder einen Geländewagen fahren. Dabei wäre ein wenig Schuld in diesen Punkten produktiv. 

Warum ist Schuld so ein großes Thema der Weltliteratur? 

Schuld ist auf literarischer Ebene so faszinierend, weil sie die Verbindung der Gegenwart zur Vergangenheit deutlich macht. Oft wird sie durch Gespenster versinnbildlicht, wie zum Beispiel in »Macbeth«. Schuld hat oft etwas Unheimliches. 

Kann die Literatur uns helfen, sie zu verarbeiten? 

Darum ging es bei einem großen Teil der Nachkriegsliteratur, zum Beispiel bei Sebald, und wichtigen Nachkriegsromanen aus den Niederlanden wie »Die Dunkelkammer des Damokles« von Willem Frederik Hermans, einem Buch, das sich mit der nationalen Schuld auseinandersetzt

Können Sie sich vorstellen, dass dieses Thema in der ­Literatur jemals überflüssig wird?

Nein. Es ist der Kern unseres Menschseins. Jemand, der keine Schuldgefühle kennt, wird unmenschlich. Menschlich zu sein bedeutet Empathiefähigkeit zu besitzen. 

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

Das Interview führte Jess Smee

 

Ähnliche Artikel

Wieder aufstehen

Ausgabe II/2019, Schuld, Dieudonné Munyankiko

Nach dem Völkermord von 1994 existierte in Ruanda keine Gemeinschaft mehr. Wie wir langsam lernten, wieder miteinander zu leben

mehr


Mit dem Feind auf der Bühne

Ausgabe II/2019, Schuld, Marcelo Vallejo

Wie argentinische und britische Veteranen zusammen ein Theaterstück über den Falklandkrieg entwickelten

mehr


Niederlande: Schwimmender Bauernhof

Ausgabe III/2016, Das neue Italien

Im Hafen von Rotterdam wird seit Juni 2016 der erste schwimmende Bauernhof der Welt gebaut. Die „Floating Farm“ soll auf einer künstlichen Weide etwa sechzig Kühe und verschiedene Baumarten beherbergen. Auf einer Fläche so groß wie ein Eishockeyfeld soll der Betrieb Milch und Käse für die Nachbarschaft liefern – mithilfe von zwei Arbeitskräften und mehreren Robotern. Der schwimmende Hof wurde als Reaktion auf den Landmangel und die immer teurer werdenden Ackerflächen in den Niederlanden konzipiert.

 

 

mehr


"Die Gebäude schaukeln ein wenig"

Ausgabe II/2014, Inseln. Von Albträumen und Sehnsüchten, Koen Olthuis

Der niederländische Architekt Koen Olthuis baut künstliche Inseln, weil er an eine Zukunft auf dem Wasser glaubt. Ein Gespräch

mehr


"Zeig's mir!"

Ausgabe II/2016, Neuland, Fabian Ebeling

Ein Australier und ein Engländer gehen nach Nairobi, um dort mit Schülern ein Magazin herzustellen. Was die Kinder beim Zeitungsmachen lernen, erklären Harrison Thane und Tom Grass

mehr


Der Marsch durch die Institutionen

Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt, Shin Heisoo

Wie die „Trostfrauen“ um ihr Recht auf Anerkennung und Entschädigung kämpfen
 

mehr