Das Tor zur Antarktis

Timo Berger, Ausgabe III/2019, Nonstop



Vom Provinznest zum Hotspot: Die chilenische Stadt Punta Arenas verändert sich rasant

Noch ist der Flughafen von Punta Arenas, das direkt am Ufer der berühmten Magellanstraße liegt, überschaubar klein, doch die Pläne zu einer Erweiterung des Terminals liegen bereits in den Schubladen. Neben der größten Fluggesellschaft Lateinamerikas, LATAM, verbinden seit ein paar Jahren Billigfluglinien die Stadt im äußersten Süden Chiles mehrmals täglich mit dem Rest des Landes. Immer mehr Menschen kommen so in die südlichste Großstadt der Welt: Touristen, Migranten, Forscher. 2017 waren es rund eine Million Menschen – acht Prozent mehr als im Vorjahr. Das gestiegene Interesse an Punta Arenas hat mehrere Ursachen: Immer mehr Touristen wollen Patagonien und Feuerland besuchen. Außerdem starten Wissenschaftler aus aller Welt von hier aus in die Südpolarregion. Die Regionalregierung in Punta Arenas hat deshalb mehrere Verkehrsinfrastruktur-Projekte begonnen, um die Stadt besser anzubinden. 

Das windumtoste Punta Arenas mit seinen 125.000 Einwohnern verändert sich rasant. »In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Stadt explosionsartig gewachsen«, erklärt Boris Cvitanic. Der Mann mit kroatischen Vorfahren lehrt Architektur an der Universidad de Magallanes und verfolgt die städtische Transformation. Vor wenigen Jahren konzentrierte sich die Hauptstadt der Magellan-Region noch vorwiegend um ihr schachbrettartig angelegtes Zentrum. Heute wächst sie nach Norden und nach Süden entlang der Magellanstraße.

Bis zur Einweihung des Panamakanals 1914 war die Magellanstraße die wichtigste Seeverbindung zwischen Atlantik und Pazifik. Benannt ist sie nach dem Seefahrer Hernando Magellan, der im Auftrag der spanischen Krone Ende 1520 als erster Europäer die Meerenge zwischen dem südamerikanischen Kontinent und Feuerland durchfuhr.

In der Feriensaison 2018/2019 landeten in Chile nirgendwo so viele Kreuzfahrtschiffe wie in Punta Arenas. Mehr als 35.000 Einreisen wurden registriert. »Der Tourismus hat eine Kettenreaktion ausgelöst. Die Kreuzfahrtschiffe, die Erweiterung des Flughafens und die Verbesserung der Verbindungen haben eine eigene Dynamik entfaltet«, erklärt Boris Cvitanic. In Folge eröffneten Hostels und Pensionen, lokale Verkehrsbetriebe, Tourismusagenturen. Migranten vor allem aus Venezuela und Kolumbien sind gekommen und arbeiten als Guides und in den Restaurants.

Punta Arenas galt bislang als eine der isoliertesten Städte überhaupt. 2.200 Kilometer Luftlinie trennen sie von der Hauptstadt Santiago, 250 Kilometer sind es bis zur nächsten Stadt, Ushaia auf dem argentinischen Teil Feuerlands. Lange Zeit haderten die Einwohner von Punta Arenas mit ihrer abgeschiedenen Lage. Mariana Camelio Vezzani, die zum Studieren nach Santiago gezogen ist, erzählt, dass man sich von der fernen Haupstadt gerne abgrenze und halb im Scherz von der »Unabhängigen Republik Magallanes« spreche. Doch Punta Arenas erfindet sich gerade neu. »Die Stadt hat ihre Ausrichtung verändert«, erklärt Boris Cvitanic. Und zwar um 180 Grad: »Blickte die Stadt früher gen Norden, nach Santiago und dem Rest des Landes, blickt sie jetzt nach Süden.« Feuerland, aber auch die Antarktis selbst wecken seit ein paar Jahren zunehmend das Interesse von Wissenschaftlern und Touristen – ein Perspektivwechsel, der der Stadt eine neue Bestimmung gibt: als Tor zur Antarktis. Waren es 2007 noch zwölf Länder, die Punta Arenas als Ausgangspunkt für Forschungsmissionen in die Antarktis wählten, sind es heute schon 23 Länder. Die Stadt entwickelt sich zum Zentrum für die Antarktisforschung und wichtigsten Hub für Expeditionen. Und so ist es nicht nur der wachsende Tourismus, der mit bis zu vierzig Millionen US-Dollar für neue Einnahmen

sorgt. Dienstleistungen im Bereich Logistik, Versorgung und Transport für die Forschung steuern 35 bis 50 Millionen US-Dollar zum Bruttoinlandsprodukt der Region bei. Dreimal mehr als noch 2010, wie Natalia Easton, Regionalministerin für Wirtschaft, Ende 2018 verkündete. Rendoll Balich, der Regionalminister für öffentliche Bauten der Magellan-Region, erklärt, warum die antarktische Region in den Fokus der Wissenschaft gerückt ist. Die Flora dort sei wenig erforscht. »Durch die extremen Wetterbedingungen sind die Pflanzen einem enormen Stress ausgesetzt.« Sie haben Mechanismen entwickelt, um sich anzupassen. »Verschiedene Pflanzenteile können für die Behandlung von Krankheiten eingesetzt werden«, erklärt Balich. In Flechten wurden Moleküle gefunden, die das Voranschreiten von Alzheimer aufhalten könnten, und auch für die Entwicklung krebshemmender Mittel liefern die Pflanzen Moleküle.

Es ist Ende März und riesige dunkle Wolken hängen am Morgen über der Magellanstraße. Die Ladefläche der Fähre, die bei Punta Arenas nach Feuerland übersetzt, ist gut gefüllt: PKW, Kleinlaster, Pick-ups und Motorräder. In der Hoffnung, einen Buckelwal oder Delfine beim Luftholen zu sehen, trotzen Touristen auf den oberen Decks der starken Brise, die Einheimischen trinken im Inneren der Fähre stark gesüßten Nescafé. Edward Kwan ist vom Süden Chiles begeistert. Der chinesische Arzt macht hier mit seiner Familie Urlaub und blickt auf das tiefe, schwarze Wasser der Meeresenge. Er schätzt »die unberührte Natur« und will auf Feuerland eine Kolonie Königspinguine besuchen.

»Der Tourismus übt heute auf die Region einen starken Einfluss aus«, sagt der Regionalminister Rendoll Balich. »Flächen, die früher für die Viehzucht genutzt wurden, sind heute dem Tourismus gewidmet.« Auch der Nationalpark um die emblematischen Torres-del-Paine-Berge nördlich von Punta Arenas war bis zu seiner Gründung 1959 eine riesige Schafsweide. Die Region durch neue Verkehrswege zu erschließen, sei dringend notwendig, so Balich. Immer mehr Ausländer besuchten die Region. Die Vegetation wächst sehr langsam, die Bäume sind klein und vom Wind gebeugt. Waldbrände haben verheerende Folgen. »Wir müssen bessere Zugänge zu diesen Gebieten schaffen, um sie zu schützen.« Der chilenische Staat müsse in der Fläche Präsenz zeigen, um mit der Entwicklung des Tourismus Schritt halten zu können.

Denn die Magellan-Region hat ein strukturelles Problem. Sie ist die größte Provinz Chiles und zugleich diejenige mit der zweitgeringsten Bevölkerungsanzahl. 1,3 Einwohner kommen auf einen Quadratkilometer, 92 Prozent der Bevölkerung lebt in Städten, davon die meisten in Punta Arenas. Um die verstreuten Siedlungen auf dem Land miteinander zu verbinden, wird verstärkt in die Verkehrsinfrastruktur investiert. Im »Plan Regional Magallanes« verpflichtet sich die Regionalregierung, von 2018 bis 2022 126 Kilometer neue Straßen zu bauen, 140 Kilometer bestehende Erdpisten zu asphaltieren, Brücken zu erneuern und Häfen für das Anlegen von Forschungsschiffen auszubauen.

All diese Anstrengungen laufen in Punta Arenas zusammen. Die Regionalregierung hat sich verpflichtet, den Tourismus nachhaltig zu entwickeln. Man will ganz bewusst keinen Massentourismus. Sechzig Prozent der Fläche der Region sind geschützte Zonen oder Nationalparks, die Natur ist – wie im »Plan Regional Magallanes« anerkannt wird – das »Hauptmerkmal unseres Territoriums«. Emblematisch für diese Anstrengungen, Infrastrukturausbau, Wissenschaft und Tourismus zu verzahnen, ist ein geplantes internationales Antarktisforschungszentrum. An einen driftenden Eisberg erinnernd, soll es in den nächsten Jahren am Ufer der Magellanstraße errichtet werden und sowohl internationale Antarktisforscher logistisch unterstützen als auch dem allgemeinen Publikum mit Ausstellungen offenstehen. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, mithilfe eines nachhaltigen Tourismus eine noch weitgehend unberührte Naturlandschaft zu bewahren.

 



 

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