Alle meine Ausreden

Robert Gifford, Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen



Wenn sich so viele Menschen um die Umwelt sorgen, warum handeln sie dann nicht?

Es gibt viele Menschen und Organisationen, die bereits sehr viel für die Umwelt unternommen haben. Die meisten von uns belasten die Umwelt aber weiterhin und erzeugen massive Mengen von Treibhausgasen. In manchen Fällen sind die Gründe dafür struktureller Natur und liegen außerhalb unserer Kontrolle. Ein geringes Einkommen beispielsweise begrenzt die Möglichkeit, sich Solarpanele zu kaufen. In ländlichen Gebieten zu wohnen, bedeutet meist, nicht mit öffentlichen, umweltschonenden Verkehrsmitteln fahren zu können. Und in einer Region mit extrem kalten Wintern ist es fast unmöglich, Heizenergie zu reduzieren. Für alle anderen aber, die nicht von solchen äußeren Restriktionen betroffen sind, stehen viele nützliche Handlungsmöglichkeiten im Raum, die leider nicht in dem Maße umgesetzt werden, wie es die Realität unserer Zeit eigentlich erfordert. Warum ist unter jenen, für die es realisierbar wäre, umweltgerechtes Verhalten nicht viel weiter verbreitet?

Was uns an umweltfreundlichem Handeln hindert, sind wahre Bestien, „Drachen der Untätigkeit“, wie ich sie nenne. Sie niederzuringen, ist nicht leicht. Einige davon möchte ich im Folgenden vorstellen. Der vielleicht wichtigste ist: begrenztes Erkenntnisvermögen. Das menschliche Gehirn hat sich in den letzten Jahrtausenden kaum verändert. Zu der Zeit, als es seinen heutigen Entwicklungsstand erreichte – das war noch vor Beginn von Ackerbau und Viehzucht –, waren unsere Vorfahren hauptsächlich damit beschäftigt, in ihrem unmittelbaren Umfeld Risiken zu entdecken und Hilfs- und Nahrungsmittel aufzutun. Kurzum: Sie waren vor allem damit befasst, die Gegenwart in den Griff zu bekommen. Nun meldet sich die Ausbeutung und Zerstörung der Natur nicht unmittelbar zurück und die Auswirkungen bleiben für den Einzelnen oft abstrakt. Unser uraltes Gehirn ist zwar grundsätzlich in der Lage, den Klimawandel zu begreifen, unser kurzfristiges Denken indes steht positiven Verhaltensänderungen im Wege. Zudem beinhaltet die Welt mehr Signale, als wir gleichzeitig aufnehmen können. Daher bemerken viele Menschen schleichende Veränderungen wie den Klimawandel einfach nicht. Hinzu kommt, dass Menschen Unsicherheiten im Allgemeinen in einer Art und Weise deuten, die in erster Linie ihnen selbst und ihren unmittelbaren Interessen dient. So fällt es mir beispielsweise leicht, mir ein schönes, aber ökologisch ineffizientes Auto zu kaufen, wenn ich nicht sicher sein kann, ob globale Erwärmung Fakt ist. Menschen neigen auch dazu, geografisch entfernte Risiken unterzubewerten. Wenn angenommen wird, dass Probleme anderswo schlimmer sind als in der eigenen Region, sind Menschen weniger motiviert, in ihrer Umgebung etwas zu ändern. Auch das Phänomen des verzerrten Optimismus kommt oft zum Tragen. Optimismus an sich ist ja gesund, er kann aber auch übertrieben werden. Menschen unterschätzen dann die Risiken der Umweltgefährdung und sind zu Verhaltensveränderungen nicht bereit. Die Kehrseite davon gibt es auch: Der Klimawandel wird als derart großes Problem wahrgenommen, dass der Einzelne nicht weiß, wie er allein etwas ausrichten könnte, ja, wie die Menschheit überhaupt noch etwas ausrichten kann. Ein weiterer wichtiger Drachenhort ist die ideologische Beschränkung. Sowohl religiöse als auch politische Ansichten können nötige Verhaltensänderungen stark behindern. Eine Quelle für Tatenlosigkeit in Sachen Klimawandel ist zum Beispiel der uneingeschränkte Glaube an freies Unternehmertum und den Kapitalismus. Die Verteidigung des gesellschaftlichen Status quo schließt sich direkt an dieses Weltbild an. Andere wiederum verschließen sich der Einsicht, weil sie überzeugt sind, eine göttliche Hoheit oder die Natur selbst seien ohnehin die Einzigen, die die Welt lenken. Natürlich ergeben sich auch aus einer solchen Weltsicht keine proaktiven Handlungen, vom erwarteten Seelenheil durch Technik ganz zu schweigen. Selbstverständlich kann Technologie dazu beitragen, Umweltprobleme zu lösen, aber sie allein kann die Umwelt nicht vor dem Niedergang bewahren.

Zur ideologischen Beschränkung kommt hinzu, dass wir Menschen uns immer erst einmal an anderen Menschen orientieren, um einzuschätzen, welches Verhalten „sich gehört“. Dieser Mechanismus kann progressiv sein, genauso gut aber auch reaktionär. Wahrgenommene Ungerechtigkeit wird in dem Zusammenhang oft als Grund angeführt, nicht tätig zu werden: „Warum sollte ich etwas ändern, wenn der andere auch nichts ändert?“, lautet dann die Frage. Es werden Prominente, Organisationen und Staaten aufgelistet, um zu begründen, warum man selbst nicht handelt. Von besonderer Bedeutung ist auch der finanzielle Aspekt umweltfreundlichen Verhaltens: Hat man einmal in etwas investiert, fällt es schwer, wieder darauf zu verzichten. Warum sollte das gemütliche Riesenvehikel zu Hause bleiben, wenn man es doch erstanden hat und die Autoversicherung dafür bezahlt? Viele Gewohnheiten sind extrem resis-tent gegen Veränderung und Umweltschutz lässt sich oft nicht mit den eigenen Wünschen vereinbaren. Die Sehnsucht, in ferne Länder zu reisen, steht beispielsweise dem Wunsch entgegen, den Klimawandel aufzuhalten. Außerdem ist bekannt, dass es oftmals auch von Belang ist, von wem Handlungsvorschläge gemacht werden: Wenn wir nämlich an der Glaubwürdigkeit anderer zu zweifeln begonnen haben, werden wir deren Handlungsvorschläge für ein grüneres Leben entsprechend ignorieren. Vertrauen, das essenziell für gesunde zwischenmenschliche Beziehungen ist, fehlt häufig zwischen Bürgern, Politikern und Wissenschaftlern. Mittlerweile gibt es zwar zahlreiche grüne politische Programme für eine gesündere Umwelt. Bürger indes wählen, ob sie daran teilnehmen oder nicht. Und oft entscheiden sie sich gegen ein Programm, weil sie der Meinung sind, es sei nicht gut genug, um es zu unterstützen. Diese Einstellung wiederum geht nicht selten einher mit dem Infragestellen des Klimawandels an sich und dem Leugnen des eigenen Beitrags zur Verschlechterung der Lage. Manche Menschen reagieren zudem sehr stark auf politische Richtlinien, die ihre Freiheit einzuschränken drohen. Das kann weit über Verleugnung hinausgehen, indem beispielsweise „extra“ die Produkte gekauft werden, die als besonders schädlich gelten. Einfach, um dem politischen Entscheidungsträger zu trotzen.

Eine zusätzliche Hürde zu umweltfreundlichem Verhalten ist die Risikowahrnehmung. Wird das Elektroauto mitten auf der Straße Batterieprobleme bekommen? Ist dieses elektrische Gefährt bei Unfällen so sicher wie der Straßenkreuzer, den ich verkauft habe, um das umweltfreundlichere Auto zu besorgen? Grüne Lösungen erfordern oft massive finanzielle Ausgaben. Wie lange muss ich den Kredit für die Solarpanele abbezahlen? Ab wann rechnet sich ihre Installation? Werde ich dann hier noch wohnen? Außerdem: Was ist mit meinem Ruf? Andere Menschen beobachten unsere Entscheidungen. Das macht uns verwundbar für Aburteilungen von Freunden und Kollegen. Werde ich sozialer Außenseiter, wenn ich mich für eine konsequent ökologische Lebensweise entscheide?
Einige umweltfreundliche Verhaltensweisen sind tatsächlich leicht zu übernehmen, haben allerdings wenig Einfluss auf die großen Probleme. „Ich fahre Fahrrad, das ist mein Beitrag“, heißt es dann. Diese Simplifizierung eigenen Handelns geht häufig auf Kosten zwar aufwendigerer, aber oft auch effektiverer Verhaltensanpassungen. Es besteht außerdem die Gefahr, erzielte Klimagewinne als Legitimation zu benutzen, mehr Energie zu verbrauchen. Nach dem Kauf eines elektrischen Autos beispielsweise ist man vielleicht verleitet, viel weitere Strecken zurückzulegen, weil man ja jetzt ein umweltfreundlicheren Wagen fährt.

Gibt es Hoffnung? Eines erscheint klar: Das Problem der Umweltverschlechterung muss effektiver kommuniziert und attraktivere Programme müssen konzipiert werden, um der immensen Herausforderung unserer Zeit gerecht zu werden. Einige der vorgestellten Drachen könnten leicht bezwungen werden, man müsste sich ihnen nur stellen. Unsere Aufgabe als Psychologen und Sozialwissenschaftler ist es, jedem Einzelnen das vor Augen zu führen.

Aus dem Englischen von Linda Geßner

 

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