Fünf Französinnen und Franzosen zur Lage der Nation ">

Comment ça va?

Areski Meftali, Ausgabe IV/2017, Une Grande Nation



Fünf Französinnen und Franzosen zur Lage der Nation 

»Am meisten fürchte ich die Attentate«

Areski Meftali, 32, Schlachter, stammt aus Algerien, wohnt in Pantin

»Frankreich hat ein Riesenproblem mit den Vororten. Ich bin Kabyle, also Berber aus Algerien, und wohne mit meiner Familie seit fünf Jahren in Pantin, nordöstlich von Paris. Es ist krass, wie viel Kriminalität es hier gibt. Aber wer ist schuld? Ich verstehe die Wut der Vorstadtjugendlichen auf Frankreich nicht. Mir hat das Land viel geholfen, ich habe zwar noch immer keine Papiere, aber dafür eine kostenlose Krankenversorgung. Und ich will auch kein Arbeitslosengeld, ich arbeite lieber sieben Tage die Woche in der Schlachterei meines Vaters. Viele hier wollen lieber abhängen. Da kann Macron lange nach jungen Talenten in der Banlieue suchen. Am meisten fürchte ich die Attentate in Frankreich. Ich interessiere mich nicht sehr für Politik, aber ich erwarte mehr Sicherheit. Wir brauchen mehr Polizei und vor allem härtere Strafen. Keine Ahnung, ob Macron das hinbekommt. Ich konnte leider nicht wählen, weil ich die französische Staatsbürgerschaft nicht habe, aber ich hätte ihm meine Stimme gegeben.«


»Die Arbeitsreform macht mir Angst«

Evelyne Suchecki, 67, Rentnerin, wohnt in Persac, verheiratet, zwei Kinder

»Seitdem ich in Rente bin, wohne ich mit meinem Mann auf dem Land, im Haus meiner Mutter, in einer sozial eher schwachen Region südlich von Poitiers. Am meisten Sorgen macht mir die Schere zwischen Arm und Reich in Frankreich. Immer mehr Menschen leben auf der Straße. Das liegt vor allem an der Globalisierung, es wird ja fast nichts mehr in Frankreich produziert. Vor vierzig Jahren ging es unserer Industrie noch gut, aber jetzt? Auch in der EU gibt es zu viel Ungerechtigkeit. Wir bräuchten zum Beispiel dringend eine einheitliche Steuerpolitik. Stattdessen kriegen wir hier ständig zu hören, Deutschland sei der Musterschüler in der EU und wir müssten es genauso machen. Ich habe das satt! Man kann die beiden Länder doch gar nicht vergleichen! Emmanuelle Macrons Politik geht genau in diese Richtung. Seine Arbeitsreform macht mir Angst, denn er will jahrzehntelang hart erkämpfte soziale Errungenschaften einfach abschaffen. Deshalb habe ich dieses Jahr zum ersten Mal die extreme Linke gewählt. Anders werden wir das Armutsproblem nicht in den Griff bekommen.«

»Ich vertraue Emmanuel Macron«

Vincent Pavin de Lafarge, 40, Finanzportfolioverwalter, wohnt in Lyon, verheiratet, zwei Kinder

»Also, vereinfacht gesagt berate ich als Finanzportfolioverwalter Privatkunden bei ihren Aktienkäufen. Seit 15 Jahren arbeite ich in Lyon bei CM-CIC Gestion, einer Filiale der französischen Bank Crédit Mutuel. Es ist erschreckend, wie wenig Wirtschaftskultur die Franzosen haben. Umso mehr Vertrauen habe ich in Emmanuel Macron. Er kennt den Privat- und Finanzsektor, weil er selbst als Investmentbanker gearbeitet hat. Außerdem ist er so alt wie ich und versteht die Welt von heute mit ihren technischen Herausforderungen. Genau so einen brauchen wir für den Neuanfang! Die Erwartungen sind hoch, aber ihm traue ich auch die für unser Land längst überfälligen Strukturreformen zu. So wie Schröder es 2005 in Deutschland gemacht hat. Man darf sich in Frankreich nicht mehr schämen, Geld zu verdienen. Es ist nicht normal, dass talentierte Firmengründer lieber ins Ausland gehen, weil sie dort weniger Steuern zahlen. Frankreich hinkt in vielem total hinterher und ich wünsche mir, dass wir wieder ein verlässlicher Partner in Europa werden, vor allem für Deutschland.«


»Die 35-Stunden-Woche ist ein Witz«

Amandine Thomann, 30, Bäckerin, wohnt in Paris, verheiratet, zwei Kinder

»Für mich ist die 35-Stunden-Woche ein Witz, wir arbeiten täglich von morgens um vier bis abends um 21 Uhr. Deshalb wollen immer weniger Franzosen diesen Job machen. Viele meiner Azubis kommen aus Algerien, und das läuft gut. Wir haben im 18. Bezirk mittlerweile vier Geschäfte, sicher, weil wir unseren Job gerne machen. Meine Eltern sind Bä- cker und mein Mann auch. Der hatte vergangenes Jahr einen Motorradunfall. Das war hart, weil er fast nichts bekommen hat vom Staat, obwohl Selbstständige über 50 Prozent ihres Einkommens für Sozialversicherung und Steuern ausgegeben! Ich finde es natürlich richtig, dass Macron das ändern will. Auch, dass Arbeitszeiten künftig branchenunabhängig verhandelt werden sollen, ist logisch. Aber richtig überzeugen tut er mich nicht. Wie viele in Frankreich habe ich aus Protest gegen die gesamte Politik im ersten Wahlgang gar nicht gewählt, aber mit Marine Le Pen in der Stichwahl blieb ja nur Macron. Die Rechtsextremen machen mir Angst. Ich hoffe auch für meine beiden Söhne, dass der neue Präsident den Neuanfang hinbekommt.«


»Jeder kann es schaffen«

Antoine Evain, 21, Student an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po, wohnt in Paris

»Ich komme aus einem bescheidenen Milieu in Châteauroux und habe hart dafür gearbeitet, um bei Sciences Po genommen zu werden. Das Elitensystem in Frankreich wird oft kritisiert, aber mit viel Fleiß kann man es auch schaffen, wenn man keine Diplomateneltern hat und aus der Provinz kommt. Nach meinem Studium werde ich wohl erst mal in die Privatwirtschaft gehen, weil man da sehr gut verdient. Aber das nur als Sprungbrett ins Berufsleben. Mein Traum ist ein anderer: Schon als Zehnjähriger wollte ich Präsident werden. Davon bin ich mittlerweile abgekommen, aber ich würde gerne Lokalpolitik machen, weil man auf dieser Ebene viel bewegen kann. Mein wichtigstes Anliegen wäre die Integration der Vorstädter. Mit ein paar Freunden habe ich dafür einen ganz konkreten Vorschlag. Es müsste einen Pflichtaustausch geben: Schüler aus den Vorstädten gehen für ein Jahr aufs Gymnasium nach Paris und die Eliteschüler gehen in die Banlieue. Wir müssen uns viel mehr mischen, um uns besser verstehen zu können. Ich glaube wirklich, dass man das Integrationsproblem lösen kann.« 

Protokolliert von Katja Petrovic

 

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