Glorreicher Snack

Timothy W. Donohoe, Ausgabe II/2018, Helden



Wie das opulente "Hero Sandwich" aus New York seinen Einzug in die US-Literatur fand.

Kann man einen Helden essen? Klar geht das – in New York. »Hero« ist dort der übliche Ausdruck für ein italienisch anmutendes, längliches Sandwich mit viel Aufschnitt und Käse. Die meisten Europäer kennen es als »Sub« (sprich »U-Boot«), etwa von der Fast-Food-Kette Subway.

Obwohl in den USA auch andere Bezeichnungen dafür kursieren, reicht die Legende des Originalnamens – »Hero« – offenbar zurück bis in das Jahr 1936, als die gefürchtete Gastrokritikerin der Tageszeitung New York Herald-Tribune, Clementine Paddleford, bei einer Verkostung schelmisch erklärte: »Man muss ein Held sein, um es aufessen zu können.« Dieser Name für das überdimensionierte Sandwich blieb hängen, zweifellos unterstützt durch die amerikanische Begeisterung für Superhelden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg öffneten zahlreiche Imbisse für das Hero Sandwich im Big Apple, der als kulturelle Hauptstadt Amerikas wiederum nur eine einzige Generation brauchte, um seinem kulinarischen Helden sprachlichen Glanz zu verleihen. Denn in den frühen 1950er-Jahren nutzten die Autoren der Beat Generation »Hero Sandwich« als einen etwas gekünstelten Ausdruck für cool oder hip. Verschiedene Publikationen, etwa der New Yorker, verwendeten »Hero Sandwich« als Ausdruck für das Allerbeste. Ein Hero Sandwich treibt in der Kurzgeschichte »Double Feature« (1959) des Brooklyner Autors Hubert Selby Jr. den Plot voran. Die Pulitzer-Preisträgerin Maxine Kumin schrieb in ihrem Gedicht »New York Times« (1967) Amerikas federführende Zeitung sei bei der Zustellung »gerollt wie ein Hero Sandwich«. Die preisgekrönte Autorin Alice Childress aus Harlem wiederum verfasste 1973 »A Hero Ain’t Nothin’ but a Sandwich«, einen Coming-of-Age-Roman über Heroinsucht im Ghetto, der auf Deutsch unter dem unfreiwillig komischen Titel »Ein Held ist auch nur ein Würstchen« erschien.

Doch während die Sandwiches selbst längst übermenschliche Größe erreicht hatten, war die figurative Bezeichnung »Hero Sandwich« bereits auf ihrem Zenit angekommen. William S. Burroughs sprach 1974 im Esquire vom »Hero Sandwich«-Journalismus, der die Sportberichterstattung mit Anekdoten aus Geschichte, Politik, Soziologie und Folklore würzte. Fünf Jahre später startete »Hot Hero Sandwich«, eine in New York City spielende TV-Serie für Teenager. Sie gewann einen Emmy, lief aber nur eine Staffel lang.

Von da an landete der Begriff »Hero Sandwich« in der satirisch-sarkastischen Ecke. Hans-Jürgen Syberbergs Dokumentarfilm »Hitler, ein Film aus Deutschland« wurde in der Zeitschrift The Nation 1980 umschrieben als ein »drei Fuß langes Hero Sandwich, das eher durch seine absurde Größe Aufmerksamkeit erregt als durch eine feine Auswahl an Zutaten«. Puh. »Das heutige Esperanto ist ein Hero Sandwich aus Weltsprachen«, lästerte das Magazin Virginia Country 1987. Und der Ökonom Peter Drucker klagte anno 1990 in »Managing the Nonprofit Organization: Practices and Principles«, Leitbilder seien »ein Hero Sandwich guter Absichten«.

Ab und zu tauchte der Begriff »Hero Sandwich« als Synonym für kitschig in den Medien auf: Das New York Magazine bezeichnete 1997 Disneys »König der Löwen« als »himmlisches Hero Sandwich«. Doch die Zeiten sind unwiederbringlich vorbei, in denen der Playboy, wie im Jahr 1968, eine Anthologie mit Werken von Amerikas herausragenden Schriftstellern – darunter Isaac Bashevis Singer, Saul Bellow und Norman Mailer – begeistert als »Hero Sandwich von einem Buch« beschrieb. Heute gilt: »A hero ain’t nothing but a sandwich« – zumindest in New York City, wo sich dieses Label, trotz Subway, heldenhaft gehalten hat.

Aus dem Englischen von Carmen Eller

 

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