Endstation Zagreb

Stephanie Kirchner, Ausgabe I/2018, Erde, wie geht's?



In Kroatien stranden viele Menschen, die schon bis nach Mittel- und Nordeuropa geflohen waren – und dann wieder zurückgeschickt oder abgeschoben wurden. Fünf Protokolle

Mein kleiner dreijähriger Sohn hat heute noch Angst vor Flugzeugen, weil sie ihn an die Luftangriffe auf unsere Heimatstadt Idlib erinnern. Wir sind aus Syrien über Kroatien nach Deutschland geflohen. Deshalb haben sie uns später auch wieder nach Zagreb abgeschoben. Mein ältester Sohn war mit seinem Onkel schon vor uns nach Deutschland gegangen. Er wohnt in Leipzig. Seit einem Dreivierteljahr warten mein Mann, die jüngeren Kinder und ich auf eine Entscheidung, ob wir jetzt hier in Kroatien Asyl bekommen. Es fühlt sich so an, als wäre in meinem Leben noch immer Krieg. Warum tut die EU uns das an und schickt uns von Land zu Land? So haben meine Kinder keine Zukunft. In Deutschland war das Leben besser. Die Kinder hatten dort von Anfang an die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Sie lieben die deutsche Sprache.

Wafaa Ladkani, 39, aus Syrien


Ich bin schon in ganz Europa gewesen. Eineinhalb Jahre war ich in Österreich und ein halbes Jahr in Deutschland. Ich spreche sehr gut Deutsch. Weil ich keinen Sprachkurs machen durfte, habe ich allein zu Hause gelernt. Ich hatte viele Freunde, die mir geholfen haben. Ich denke, dass mein Asylantrag in Kroatien abgelehnt wird, denn im Libanon herrscht kein Krieg. Aber das interessiert die Leute hier nicht, sie denken nur darüber nach, wie sie einen wieder loswerden können. Seit dreieinhalb Jahren grübele ich permanent über meine Zukunft nach, aber es gibt keine wirkliche Lösung. Ich bin schon ganz krank davon. Aber ich vertraue Gott. Ich würde gern eine Ausbildung machen und eine Arbeit finden. Von den zehn Euro im Monat, die wir hier bekommen, kann man nicht leben. Einen Hund zu halten, kostet mehr.

 Moussa Kalakesh, 30, aus dem Libanon


Als ich mit meinen Eltern und dreien meiner Geschwister noch in Deutschland lebte, bin ich in Hoyerswerda auf die Schule »Am Stadtrand« gegangen. Das passte doch perfekt zu meinem Namen! Mein Lehrer, Herr Mager, mochte mich und ich hatte viele Freunde. Doch eines Nachts um drei Uhr hat es laut an unsere Tür geklopft. Es waren Polizisten, die uns nach Kroatien zurückbringen wollten. »Schneller, schneller«, haben sie gesagt, ihr habt fünf Minuten, eure Sachen zu packen. Jeden Abend bete ich, dass ich nach Deutschland zurückkann. In Kroatien ist das Leben schlecht. Hier in der Unterkunft sind viele Menschen traurig, manche sind psychisch krank. Das Essen ist nicht sehr gut und die Heizung, die wir gekauft haben, wurde uns wieder weggenommen. Letze Woche auf dem Schulweg hat eine Frau mich mit einer Bierflasche bedroht und zu mir gesagt, ich solle aus Kroatien verschwinden. In Deutschland ist mir so etwas nicht passiert.

Rand Asfour, 13, aus Syrien


Die Taliban in Pakistan haben von mir mehr als 20.000 Dollar erpresst. Sie haben gesagt, ich sei ein »schlechter Muslim«, weil ich als Elektriker für die US-Armee gearbeitet habe. Als mir das Geld ausging, musste ich nach Österreich fliehen. Dort hatte ich eine Freundin und eine kleine Tochter. Unser Kind starb mit nur zweieinhalb Monaten. Danach machte ich den Fehler, Österreich unerlaubt zu verlassen, und landete in einem ungarischen Gefängnis für Flüchtlinge, wo ich über ein halbes Jahr eingesperrt war. Nach meiner Entlassung bin ich sechs Tage lang durch den Wald geirrt, bis ich mit zerstörten Füßen in Kroatien ankam. Die ungarischen Polizisten hatten mich irgendwo ausgesetzt und in die falsche Richtung geschickt. Früher war ich Bodybuilder. Schau mich jetzt an, ich sehe aus wie ein kranker Mann.

Malik Imran Zahid, 36, aus Pakistan


Mein Mann, mein Sohn und ich sind aus dem Irak geflohen, nachdem unsere Stadt vom IS eingenommen worden war. Von der Türkei aus sind wir in einem kleinen Boot nach Griechenland gefahren und dann über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Deutschland nach Schweden gereist. Mein Sohn hat fast seine Muttersprache verlernt, so viele Sprachen hat er unterwegs gehört. Am schlimmsten war, als wir drei Monate lang in einem geschlossenen Flüchtlingslager in der kroatischen Stadt Slavonski Brod festgehalten wurden. Ich werde das mein Leben lang nicht vergessen. Ich hoffe, dass unser Asylantrag hier bald bewilligt wird. Mein Mann hat zwar jetzt einen Job als Küchenhelfer in einem französischen Restaurant, aber ich bin schwanger und hier in der Unterkunft sind die Bedingungen nicht gut, besonders nicht für kleine Babys.

Lajan Majeed, 28, aus dem Irak 

Protokolliert von Stephanie Kirchner.

 

Ähnliche Artikel

Barometer für die Demokratie

Ausgabe II/2016, Neuland, Tamirace Fakhoury

Der Zustrom von Syrern ist ein Test für das politische System des Libanon – und gleichzeitig eine Chance

Von Tamirace Fakhoury

mehr


Schlimmer als die Hölle

Ausgabe IV/2013, Für Mutige. 18 Dinge, die die Welt verändern, Karola Klatt

Ehemalige libanesische Gefangene zeigen in einer Theaterperformance, was sie überlebt haben: die Folter in syrischen Gefängnissen

mehr


Wenn die Helfer kommen

Ausgabe I/2007, Was vom Krieg übrig bleibt, Suzanne Baaklini

Im zerstörten Libanon übernehmen arabische Staaten Patenschaften für den Wiederaufbau einzelner Dörfer. Das sichert Einfluss
 

mehr


„Respekt vor der Überwindung der Angst“

Ausgab, Zweifeln ist menschlich. Aufklärung im 21. Jahrhundert, Rafik Schami

Worauf es ankommt, wenn man ein Land im Umbruch unterstützen will. Ein Interview mit dem syrisch-deutschen Schriftsteller Rafik Schami

mehr


Die Behörden des Kalifats

Ausgabe I/2016, Was bleibt?, Nather Henafe Alali

Wie der sogenannte Islamische Staat in Syrien sein System der Unterdrückung einrichtet

mehr


Phönix aus der Asche

Ausgabe II/2009, Treffen sich zwei. Westen und Islam

Das Nationalmuseum in Bagdad zeigt wieder seine bedeutende Sammlung von Kulturschätzen aus 8.000 Jahren irakischer Geschichte

mehr