Verheizte Pinguine

Ilija Trojanow, Ausgabe I/2011, Weniger ist mehr. Über das Wachstum und seine Grenzen



Warum wir eine neue Haltung zur Natur brauchen

Ich kann mich nicht erinnern, wann mir „Klimawandel“ und „Treibhauseffekt“ zuerst begegnet sind. Das Thema erscheint mir so vertraut, als begleite es mich schon ein Leben lang, aber das kann nicht stimmen, es kann nicht mehr als fünfzehn Jahre her sein. Bevor ich das erste Mal etwas über den CO?-Ausstoß gehört habe, war ich schon mit den grausamen Folgen der Desertifikation konfrontiert worden. Einer meiner ersten Texte entstand unter dem Eindruck einer Klassenfahrt durch Dürregebiete zum Turkana-See in Nordkenia. Es war eine pathosgeladene Elegie über finales Unrecht und extremste Armut, betitelt „Die Trauer vertrockneter Flüsse“. Der Anblick von ausgemergelten Menschen begleitete mich noch Monate später, es dauerte eine Weile, bis ich das Gefühl tiefer Beunruhigung verdrängt hatte. Als ich mir also die konkreten Folgen der globalen Erwärmung vorzustellen versuchte, kam mir eine Frau aus dem Norden Kenias in den Sinn, deren Haut von den Knochen herabhing und die sich an meinem Arm festkrallte, während sie unablässig forderte, dass ich mich nicht entferne, bevor wir nicht die Dürre gemeinsam überwunden hätten. Ein Grad oder zwei Grad oder drei Grad Erwärmung, sechzig Zentimeter oder achtzig Zentimeter Erhöhung des Wasserpegels, 450 oder 500 parts per million CO?-Konzentration in der Atmosphäre — solch extrapolierte und umstrittene Werte implizieren katastrophale Szenarien, aber sie machen die Bedrohung nicht sichtbar. Sie entzünden nicht die Fantasie. Während ich die ausgemergelte Frau bis zum heutigen Tag nicht vergessen habe, fällt es mir schwer, mir die düsteren Prognosen, die ich in den letzten zwei Jahren verstärkt vernommen habe, zu merken.

Wahrscheinlich habe ich deswegen einen Roman über den Klimawandel geschrieben, der im August 2011 erscheinen wird. Es geht um einen Glaziologen, dessen Gletscher in einem der heißen Sommer dieser Jahre ""gestorben"" ist. Er ist verzweifelt und ratlos, er versinkt in eine Sinnkrise, wird zunehmend skeptischer hinsichtlich unserer Zivilisation, lehnt unsere Wirtschaftsweise, Lebensart und Spiritualität ab. Zwischenzeitliche Beglückung findet er an jenem Ort, an dem Eis und Gletscher (noch) nicht von der Großen Schmelze bedroht sind, in der Antarktis. Also heuert der ehemalige Glaziologe auf einem Kreuzfahrtschiff an, als Lektor, der an Bord Vorträge hält. Doch so sehr ihn die Unberührtheit der Antarktis beseelt, so sehr bekümmert ihn das Wissen um ihr Schicksal, sollte sich der Mensch einmal ihrer bemächtigen. Visionen von ihrer Vergewaltigung und Plünderung belagern ihn, ausgelöst von Kleinigkeiten, von einer Zigarette, die ein Soldat zwischen Pinguinen wegwirft, von der Havarie eines anderen Schiffes und von den arroganten oder unbedachten Äußerungen der Passagiere an Bord. Die Antarktis ist der letzte heilige Hain auf Erden — die Vorstellung ihrer Zerstörung ist für den Gletscherforscher unerträglich. Er muss verhindern, dass die Menschheit weiter in die Antarktis eindringt.

Wenn man für einen Roman recherchiert, wird einem manches klarer und manches zum ersten Mal bewusst. So auch, dass die Antarktis als einzige Region der Erde durch einen internationalen Vertrag vor wirtschaftlicher Nutzung und territorialen Ansprüchen geschützt ist. Während die Anrainerstaaten es nicht erwarten können, die Bodenschätze der Arktis abzubauen, gilt der Antarktis-Vertrag immerhin bis 2048. Während das Ende der Arktis schon nüchtern berechnet wird, lässt sich die Antarktis noch bewahren. Die Polkappen sind tatsächlich die extremen Gegensätze unserer Zeit: einerseits saisonales Eis, andererseits Festland, einerseits unaufhaltsame Schmelze, andererseits ein viertausend Meter tiefer Eisschild, einerseits zum Untergang verdammt, andererseits leidlich geschützt, einerseits Spiegel unserer Destruktivität, andererseits Symbol unserer Erleuchtung. Auf den Punkt gebracht: oben böse, unten gut, oben Hölle, unten Himmel.

Die Antarktis ist nicht nur ein wundersam natürlicher Ort, bestehend aus uralten Formationen aus Eis und Gestein, durchwandert nur von stillen Vögeln, die flüchtige Nachrichten in den monochromen Himmel zeichnen, sondern auch eine gewaltige Vorratskammer, die das frischeste Wasser und die reinste Luft, die wir auf Erden haben, enthält. Das Eis ist zudem eine Art Gedächtnis der Erde. Die Eisbohrungen des europäischen Eiskernprojektes in der Antarktis haben schon eine Tiefe von 900. 000 Jahren erreicht. Entlang des Weges hinab wird unsere planetarische Vergangenheit sichtbar und unübersehbar, wie wir innerhalb weniger Jahrhunderte eine zerstörerische Wucht entfaltet haben, die man nur als manisch bezeichnen kann. Wenn man den Schmutz am Ende einer eisigen Stange der Reinheit sieht, verspürt man das Gefühl, als Mensch eine Zumutung zu sein. Und man fragt sich, ob Humanismus als Ideal noch ausreicht. Wir haben so viel Energie darauf verwendet, den Menschen zu retten (zumindest, sein Los zu erleichtern), dass wir uns nun fragen müssen, wie wir die Natur erlösen können. Denn sie leidet nicht unter der Vergänglichkeit (wie Paulus im Römerbrief behauptet), sondern unter der Menschheit. Auch das wird plastisch sichtbar am Rande der Antarktis, in den Pockennarben menschlicher Besiedlung, den Ruinen von Walfangstationen, verrostete Massenvernichtungsanlagen. Wo sich der Mensch auch ansiedelte, es dauerte nicht lange, bis die industriell wertvolle Fauna ausgerottet war. Vor den Walfischen wurden die Pelzrobben gehäutet, bis die Robben ausgingen, dann die See-Elefanten erschlagen und die Öfen mangels Brennstoff mit Pinguinen geheizt, und als die See-Elefanten ausgingen, verkochte man die Pinguine zu Öl. Alles wurde verwertet — dem tatkräftigen Menschen gelingt es immer wieder, der Natur ihren verschwenderischen Umgang mit den eigenen Ressourcen vorzuführen. Die Wale verschwanden, die Stationen wurden aufgegeben. Hier hat man sie in einer Bucht: die traurige Geschichte menschlicher Gier und Maßlosigkeit. Und es ist entscheidend, zu verstehen, dass die Walfänger, die in einem guten Jahr bis zu vierzigtausend Wale verkochten, sich nicht vorstellen konnten, dass es eines Tages keine Wale mehr geben könnte. So wie auch heute manche argumentieren, wir könnten der Erde nichts anhaben. In dem Buch „Kollaps“ beschreibt Jared Diamond, dass die meisten Zivilisationen sehenden Auges in ihren Untergang gegangen sind.

Manch ein Wissenschaftler ist aufgrund dieser zweckoptimistischen Trübung in unserer Optik existenziell verunsichert. Bis vor Kurzem galt: Wenn wir das Problem richtig analysieren, werden wir es lösen. Wenn wir begreifen, wie etwas lebt, können wir es am Leben erhalten. Es braucht nur stichhaltige Beweise, um die Welt zu verbessern. Fortschritt ist nur eine Frage der Präzisionsarbeit. Daten dienen als Blaupause für richtige Entscheidungen. Wer glaubt noch daran? Seit den 1970er-Jahren wird die Gaia-Hypothese heftig diskutiert. Der Planet als symbiotischer Organismus (und die Menschheit als Virus), benannt nach der einst in Delphi verehrten Göttin Gaia, zuständig für die Zukunft. Ihre Mittlerinnen versanken damals in äthyleninduzierte Trance. Unsere Industrie produziert heute Äthylen in Unmengen, es ist in unserer Kleidung, in den Gegenständen des täglichen Bedarfs, in unserem Körper, wir sind als Konsumenten vollkommen narkotisiert, doch das Hellseherische ist uns verloren gegangen.

Ein Gletscher sieht manchmal aus wie ein gestrandeter Walfisch, und vielleicht ist das drohende Ende der Gletscher die stärkste Metapher für die Destruktivität unserer Wirtschaftsweise, die das Wesentliche zerstört, um Überflüssiges zu produzieren. Der Geologieprofessor, der mich neulich in seinem bescheidenen Büro empfing, zeigte mir auf einem Bildschirm Satellitenaufnahmen vom Tod eines Gletschers. Es ist ein bedrückender Anblick. Innerhalb weniger Jahre verliert der Gletscher rasant an Masse, an Volumen. Seine Oberfläche dunkelt ein, das Eis absorbiert die Strahlen der Sonne umso stärker, ein tödlicher sich selbst verstärkender Effekt, von den Wissenschaftlern Run-away-Effekt genannt (poetischer vielleicht: point of no return). Dann zerfällt der Gletscher in Brocken. Der Professor erklärte mir, weshalb wir Katastrophen nicht vorausberechnen können. Kein Modell kann das Ungewisse beziffern, die vielfältigen Folgen, die den Prozess der Erwärmung potenzieren können, etwa weitere Treibhausgase, die durch das Schmelzen des Permafrosts freigesetzt werden. Kein Modell kann Dominoeffekte berücksichtigen. Kleine Inputs können alles auf den Kopf stellen, so wie ein Eisberg plötzlich umkippen kann, weswegen Passagiere von Kreuzfahrtsschiffen Eisberge nicht betreten dürfen (dieses Prinzip lässt sich nicht auf den ganzen Planeten übertragen). Und dann gibt es ein weiteres Problem: Jede punktuelle Lösung verunsichert das System noch mehr und führt zu einer potenziell unendlichen Zahl von Überraschungen. Übersetzt ins Mythische bedeutet die Komplexitätstheorie, dass unsere aus dem Gleichgewicht geratene Erde ein Labyrinth ist, in dem die allermeisten Abzweigungen in ein jeweils anderes Verderben führen. In der Politik hingegen wird behauptet, man müsse A tun, damit B folge, das Problemlösungsverfahren sei linear. Mein Optimismus schmolz beim Zuhören dahin. Und wie geht es weiter, fragte ich beim Abschied. Das weiß ich nicht, sagte der Professor mit ruhiger Stimme, eines nur erscheint mir gewiss: Bislang ist es stets schlimmer gekommen, als wir Spezialisten es erwartet haben. Nichts deutet darauf hin, dass sich an diesem Gesetz etwas ändern wird.

Es sei denn, wir ändern uns, und diese Aufgabe ist gewaltig. Die meisten von uns sind aufgewachsen mit der Vorstellung von Himmel und Hölle, Sünde und Sühne, Engeln und Dämonen. Wir sind mit der Genesis vertraut: „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“ Und wenn wir alle Ozeane leergefischt haben und jeden Ackerboden vergiftet haben, über was werden wir dann herrschen? Wir brauchen eine neue Haltung zur Natur, einen Bruch mit 2.000 Jahren anthropozentrischer Selbstherrlichkeit. Um die Menschheit zu retten, müssen wir den Menschen von seinem Sockel stoßen. Denn aus klassisch monotheistischer Sicht muss der wachsende CO2-Ausstoß geradezu als göttliche Subvention zum Erreichen des apokalyptischen Klassenziels erscheinen.

Wenn man sich längere Zeit mit diesem Thema beschäftigt hat, denkt man obsessiv wie ein Fachmann und trägt seine unversöhnlichen Erkenntnisse vor sich her. Weniger ist nicht mehr, sondern viel weniger ist die einzige Überlebenschance. Nicht nur weniger, sondern auch anders, denn die Katastrophen rasen schneller auf uns zu, als wir glauben. Kleine Schritte werden nicht ausreichen. Und manche Katastrophen werden wir nicht mehr vermeiden können. Erwärmung klingt kuschelig, übersetzt ins Soziale bedeutet es mehr Massenflucht, schlimmere Hungersnöte, gewaltigere Kriege. Alle lebenden Systeme auf der Welt sind auf dem Rückmarsch, weil wir die Biosphäre kontinuierlich degradieren. Hauptverantwortlich ist unsere Take-make-waste-Wirtschaft, angetrieben von fossiler Energie. Die Pathologien des Kapitalismus heißen Verbrauch und Verschwendung. Die einzige Kraft auf der Welt, die mächtig, reich und durchdringend genug ist, diesen Zustand zu verändern, ist die Kraft, die diesen Zustand bedingt. Das wird sie nicht tun, also muss sie überwunden werden. Das ist die enorme Aufgabe unserer Epoche.

 

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