Vietnam: Essen mit Gefühl

Kim Thuy, Ausgabe III/2019, Nonstop



Kim Thúy, geboren in Saigon, Vietnam, ist Schriftstellerin und lebt in Kanada. Sie erzählt KULTURAUSTAUSCH, wie man in Vietnam seine Gefühle ausdrückt: 

In Vietnam spricht man nicht offen über seine Gefühle. Ich kenne zwar das vietnamesische Wort für Traurigkeit, aber ich habe keine Begriffe für Melancholie oder für Nostalgie. Diese Nuancen kann ich nur in anderen Sprachen ausdrücken.

Meine Eltern habe ich noch nie »Ich liebe dich« sagen hören, obwohl das ohne Zweifel so ist. Gefühle werden über die Essenszubereitung ausgedrückt. Meine Mutter zeigt ihre Zuneigung, indem sie kocht und ihren Lieben Essen bringt. Auch sagt man auf Vietnamesisch nie: »Ich bin wütend auf dich«. Nein, wir servieren Essen.

Kommt jemand zu Besuch, den man nicht mag, serviert man es auf eine ganz bestimmte Weise. Es ist gutes Essen, doch die Person wird genau wissen, dass sie beleidigt wurde. Sehr subtil natürlich.

Ein Beispiel: Mein Cousin war immer ein Frauenheld. Seine Frau wusste das natürlich. Doch anstatt ihn zur Rede zu stellen, bereitete sie jeden Abend das Essen vor und wartete auf ihn. Wenn er um drei Uhr nachts auftauchte und sich wunderte, dass sie noch nicht gegessen hatte, sagte sie: »Ich habe darauf gewartet, dass wir gemeinsam essen.« Er fühlte sich schrecklich und kam in Zukunft früher nach Hause.

Protokolliert von Gundula Haage

Die Bücher von Kim Thúy sind hier zu finden

 

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