Fremd und fern, eisig und leuchtend

Esther Kinsky, Ausgabe I/2019, Oben



Was uns Berge erzählen. Eine Wanderung durch die Gebirgslandschaft des Kanin im italienischen Friaul

Das Friaul in Nordostitalien ist für die meisten Reisenden Durchfahrtsland. Die karstigen Alpen im Norden und Osten öffnen sich zu einer hellen Moränenlandschaft, die zögernd »Italien« sagt, bis sie dann, zersiedelt und von Industrie durchzogen, in die feucht-dunstige Ebene Richtung Adria ausläuft, die Straßen teilen sich nach Triest und Venedig. Was diese Landstriche in ihrer Gegensätzlichkeit jedoch prägt und verbindet, sind die Flüsse – Piave, Tagliamento und Isonzo, die ins Meer münden und auf ihrem Weg unzählige Bäche und Bergflüsse aufnehmen – und die Berge, die das Hügelland in einem sanften großen Bogen von der Grenze nach Venetien bis zum Triestiner Karst fassen.

In den Moränenhügeln, stets des riesigen steinigen Betts des Tagliamento gewärtig, lebt man mit dem Blick auf dieses Panorama der Berge, die in eine andere Welt von Licht und Wetter gehören. Im plötzlichen Novemberabendrot nach einem Tag friulanischen Regens mit seinem einschläfernden Rauschen, aus dem unvermittelte Böen von Südosten aufschrecken, leuchtet frischer Schnee auf den felsigen Hängen hinter dem niedrigeren Riegel der Musi. Die Kämme und Gipfel und Klüfte wirken in ihrer plötzlichen Winterlichkeit plastischer und greifbarer, doch gleichzeitig auch fremder und ferner, eisig und leuchtend jenseits des herbstlichdunklen Hügellands mit Stoppelfeldern, kahlen Gehölzen und fahlen Wiesen.

An Aussichtspunkten der Hügeldörfer sind Tafeln mit den Namen der Gipfel angebracht, zu denen man aus der Ferne aufschaut. So fern sie auch wirken, sie sind markant und bilden Bezugspunkte – Kontrapunkte zum flimmernden Horizontstreifen im Süden, der im Sommer violett vibrierend das Meer ahnen lässt, wo es noch gar nicht beginnen kann, im Winter taubengraue Endlosigkeit vorgaukelt. Auch wer in den Hügeln wohnt, hat zumindest einen dieser Berge bestiegen, hat seine Vorlieben, Routen, Geschichten, fast jeder, dessen Gedächtnis bis in den Mai 1976 zurückreicht, hat eine mit einem Berg verbundene Erinnerung an das Erdbeben, an die Lawinen, die man plötzlich im Mai niedergehen sah, an das Grollen und Dröhnen zwischen den Hängen, die Verschiebungen nächster Landschaft, die verwüsteten Ortschaften. Noch heute drehen sich Gespräche um die Lokalisierung des Epizentrums – welcher Berg barg dieses Ungeheuer in seinem Innern, das diese Gegend noch stärker geprägt hat als die Tragödien der »Grande Guerra«, des Ersten Weltkriegs, die das Gelände zum »Friedhof unserer Jugend« machten, wie es in einem Lied der Alpini aus diesen Jahren heißt. Im selben Lied kommt auch ein Berg vor, dessen leicht schiefer Gipfel wie die Spitze einer steingewordenen Mütze im Nordosten hinter dem Kamm der Musi auftaucht, wenn die Wolken es zulassen. Das ist der Monte Canin, Herrscher über das Val Resia, ein waldiges Tal links des Tagliamento, das an die Grenze Sloweniens stößt.

Lange hielt ich den Monte Canin seines Namens wegen für den »Hundsberg« und überlegte, aus welcher Richtung man diese zipfelige Spitze wohl für eine Hundeschnauze halten mochte. Doch die Resianer verweisen auf das Wort für »Eckzahn«, »dente canino« und verwerfen jede Hundeassoziation. Für alle, die das Tal verlassen haben, um mehr oder weniger weit entfernt Arbeit zu suchen, bleibt der Berg eine Art Schutzpatron, ein natürlich und auch etwas übernatürlich Wachender über das Tal, unantastbar mit seinem Namen, der sich vielleicht in abgelegenen Registern heimlicher Heiligengestalten findet und nichts anderes bedeuten kann als diesen einen Berg. »Su a Resia«, wie die Resianer sagen, oben in Resia, da scheinen Vergangenheit und Zukunft in den Berg geschrieben zu sein, der sich auch zum Lesen darbietet wie ein Orakel. Zeigt er sich, versteckt er sich, in welcher Form offenbart sich der Gipfel, der unvermittelt aus sich lichtendem Gewölk tritt, wie liegt die Sonne darauf, welchen Schatten wirft er, welche Farbe haben die Schatten zwischen dem Doppelgipfel der niedrigeren Babe, der »Weiber« im Südosten des Gipfels und dem etwas sanfter wirkenden Monte Sart im Westen davon? Persönliche Erinnerungen liegen im Licht oder Schatten des Bergs, werden eingeleitet, erklärt, beschlossen mit der Beschreibung seiner Erscheinung, während dieses oder jenes geschah.

Das Tal hat seinen Namen von dem Fluss, der, ganze 15 Kilometer lang, von der Quelle unterhalb des Dorfes Koritis bis zur Mündung zwischen Monte Chichi und dem Kamm Fontanis in den Fella fließt, welcher seinerseits wenige Kilometer hinter dem Zusammenfluss in den Tagliamento mündet. Eigentlich ist es kein Fluss, auf Italienisch ist es ein torrente, eher ein Bach, wenn gleich »torrente« doch etwas von der Wildheit im Namen trägt, die der Resia und andere Wasserläufe ihresgleichen nach Schneeschmelze und starken Regenfällen an den Tag legen. Das Bett des Resia ist steinig weiß, an den steilen Ufern von dünnhalmigem Gras und kleinwüchsigen Blumen gesäumt, mageren melancholischen Gewächsen karstiger Landschaften. Wo das Wasser an Krümmungen und Hindernissen langsamer fließt und an stillen Tagen eine glatte Oberfläche bildet, zeigt sich der Monte Canin darin, spiegelt auf der Wasseroberfläche seine Launen und Gesichter. Fluss und Berg gehören zusammen, wer »Resia« oder »su a Resia« sagt, meint immer auch den Monte Canin.

Ein Vorwintertag im Val Resia. Ein schneidender Wind unter sanfter Sonne.  Auf der sonnenabgewandten Seite – die von Oktober bis Februar keinen Strahl abbekommt – ist das abgefallene Buchenlaub mit Raureif bedeckt. Auf der anderen Seite schwanken kleine Samenzöpfchen an den Haselsträuchern, in die Irre geführt vom langen warmen Herbst. W. will mir Koritis zeigen, das letzte Dorf im Val Resia. Er ist weiter unten aufgewachsen, im vorletzten Dorf, pendelte jahrelang als Gelegenheitsarbeiter zwischen Saudi-Arabien, Turkmenistan, Nordnorwegen, ist jetzt ins Friaul zurückgekehrt, allerdings in die zugänglichere Landschaft der Moränenhügel, von der aus er Ausschau nach dem Monte Canin hält. Koritis ist fast verlassen, einige Häuser seit dem Erdbeben unberührt, aus den Fugen geraten und geblieben, zerbrochene Treppenstufen, vom Wetter geglättet, ragen aus einem Riss in der Wand eines Hauses. Von dem kleinen Laden, der Kneipe, der bescheidenen Landwirtschaft um das Dorf, wie es sie hier in den Sechziger- und Siebzigerjahren gab, ist nichts mehr zu sehen. Zwei Männer halten inne beim Holzhacken, mustern uns, murmeln miteinander, grüßen auf italienisch, verstummen, als W. auf Resiano den Gruß erwidert, in der slawischen Sprache, die sich in diesem Tal erhalten hat und ihr unitalienisches Eigenleben führt. Der Monte Canin liegt, den Gipfelzahn in eine reglose weiße Wolke gehüllt, im schrägen goldenen Nachmittagslicht, in den Klüften wachsen schon Schatten.

»Su a Resia« – mit diesen Worten beginnt jeder zweite Satz von W. unten im Hügelland. Hier, wo man einen der möglichen Aufstiege zum Monte Canin beginnen kann, verkehrt sich die Perspektive, das Gelände von W.s Geschichten liegt nun unten, die Sonne scheint auf die Dächer von Ladina, auf die steilen bewaldeten Hänge, wo Holz gefällt wurde. Wenn man genau hinschaut, sieht man die gespannten Seile, an denen das Holz zu Tal geführt wurde, um eingesammelt und verladen zu werden, eine Prozedur, die nicht ohne grausige Unfälle abging, auch Stoff der Kindheitserinnerungen, so wie das unaufhörliche, unvermeidliche Auf- und Absteigen, in den Wäldern, auf den Wiesen, an Kalksteinklüften entlang, der »bösen Schlucht«, der die Erosion jährlich etliche Handbreit abnagt, ein unsteter Boden bei all der Felsigkeit. Wir kommen nicht weit an diesem kalten Nachmittag, die Ortsnamen, Geschichten, Personen verwickeln und verheddern sich ineinander, die Schatten werden länger, die Farben wandeln sich. Weiter oben liegen Wiesen violett unterhalb des Canin, struppiges Berggras, das die Bauern vor ein paar Jahrzehnten noch sensten und in den »gerli«, Kiepen aus geflochtenen Haselruten, ins Dorf trugen. Futter für Ziegen und magere Kühe in einem langen Winter. Kühe gibt es kaum noch, hier und da hält man noch Ziegen, zum Heumachen steigt niemand mehr auf die Abhänge. Die Gegend ist arm geblieben, die Bevölkerung auf einen Bruchteil geschrumpft, doch erhält sich ein Selbstverständnis, das sich andernorts auf »su a Resia« bezieht und immer auf die Berge verweist.

Man redet hier gern über die Berge. Ein Lieblingsthema, gleich hinter dem Reden über Fortgegangene, Wiedergekommene, Langnichtgesehene, Fremde. Die einen reden über die Aufstiege zum Monte Sart, Monte Canin, Babe, sie wissen auswendig, wo man welches Gerät braucht, wo welche Gefahren warten. Es geht um die Gipfel. Die anderen reden von den langen, doch weniger steilen Wegen mit Blick auf die sich nach Süden hin öffnende Landschaft zur einen Seite, und zur anderen – den Monte Canin. Gratpfade zwischen den Möglichkeiten. Ganze Leben, die sich danach bestimmen: nach den Wegen, den Blicken, dem Berg. Manchmal zitiert einer das erwähnte Lied der Alpini, vor allem die eine Zeile: »Se tu hai fame, guardi lontano.« Wenn du Hunger hast, schau in die Ferne.                                      

 

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