Das Wissen von Nagaland

Aheli Moitra, Ausgabe I/2019, Oben



Wie im Nordosten Indiens ein junger Mann die Kultur seiner Heimat wiederentdeckt

Als kleiner Junge sog der heute 29-jährige Alo Naro jedes kleinste Detail in sich auf, wenn er in den Bergen mit seinem Großvater auf der Jagd war. »Er erzählte mir Geschichten von den Hirschen, Affen, Wildschweinen, Bären und Vögeln in den Wäldern, und er brachte mir bei, wie man Fallen und Werkzeuge für die Landwirtschaft baut«, erinnert sich Naro. Sein Heimatdorf Chizami liegt wie die meisten Dörfer im östlichsten indischen Bundesstaat Nagaland auf einer Hügelkuppe.

Ringsherum wellen sich die Berge und Täler in Schattierungen von Blau, Grün, Grau und Braun. Sie reichen hinab bis in die benachbarten Bundesstaaten Arunachal Pradesh, Assam und Manipur. 
Naros Eltern gaben ihm den Namen Tshetsholo, abgekürzt Alo, was so viel bedeutet wie »der, der bis an sein Lebensende lernt«. Er wuchs bei seinem Großvater auf und lernte von ihm schon früh, die ökologischen Zeichen seiner bergigen Heimat zu deuten. Denn der Großvater nutzte die Gelegenheit, seinem Enkel die Erzählungen, Bräuche und Glaubensvorstellungen der Naga zu vermitteln. Bei den Naga ist es die Aufgabe der Älteren, das Wissen, das erforderlich ist, um in den Bergen zu überleben, an die nächste Generation weiterzugeben.

Früher wurde dieses Wissen von der Gemeinschaft durch Gesänge, Tänze, festgeschriebene Rituale bei der Jagd und durch die Webmuster der Kleidung bewahrt. Vor allem aber wurde es im Morung vermittelt, einer Art Schule in einem Langhaus, das im Zentrum jedes Naga-Dorfes liegt. Das Morung funktionierte wie eine Art Internat, denn halbwüchsige Naga – meist Jungen, nur wenige Dörfer hatten Morungs für Mädchen – verbrachten ihre gesamte Jugendzeit dort und lernten dabei die Sitten und Gebräuche ihrer Kultur. Mit dem Auftauchen der christlichen Missionare ab dem späten 19. Jahrhundert verschwanden die Morungs nach und nach. Die Aufgabe der kulturellen Wissensvermittlung fiel damit den Familien, den Clans und den Stämmen zu.

Die Naga-Berge, in denen Alo aufgewachsen ist, haben eine sehr konfliktreiche Vergangenheit. Sie gehen in das Patkai-Gebirge über, das mit einer Höhe von bis zu 3.000 Metern über dem Meeres­spiegel die nordöstliche Grenze Indiens zum Nachbarland Myanmar bildet. Nach dem Abzug der Briten zum Ende der indischen ­Kolonialzeit 1947 gewann der indische Staat auch in diesem abgelegenen Teil des Landes an Einfluss. Zuvor lebten die Naga weitestgehend selbstbestimmt. Jedes Naga-Dorf hat seine eigene Gemeinschaft, verbunden mit einer jeweils eigenen Sprache und Kultur. Nach aktuellen Schätzungen gibt es immer noch weit über hundert verschiedene Sprachen, die von den rund vier Millionen Naga gesprochen werden. Oft unterscheidet sich die Sprache von einem Dorf zum nächsten, von einem Tal ins andere.

Über Jahrhunderte hatte es sich bewährt, dass jedes Dorf eine individuelle politische Selbstverwaltung etabliert hatte, darum war der Wunsch nach Unabhängigkeit ab 1947 groß. Die Inder schickten ihre Armee in die Berge und es kam über Jahrzehnte hinweg zu blutigen Auseinandersetzungen. Der Konflikt dauert bis heute an, auch wenn derzeit Waffenruhe herrscht und sich viele Naga mittlerweile mit dem Status als Bundesstaat Indiens abgefunden haben. Doch die politischen Gruppierungen der Naga, die sich für das Recht auf Selbstbestimmung stark machen, haben nach wie vor gute Argumente: Selbst heute noch, über siebzig Jahre nach der indischen Unabhängigkeit, haben viele Naga-Dörfer kaum Zugang zu den Märkten und dem Reichtum der globalisierten Welt. Der Arm des indischen Staates und dessen Infrastruktur reicht kaum in die abgelegenen Regionen der Naga-Dörfer in den Bergen.

Ärmere Familien wie die von Naro sind noch immer auf den Ertrag der Natur angewiesen, um zu überleben. Naro konnte seine Schulausbildung nicht abschließen, doch die Berge seiner Heimat und die Erzählungen seines Großvaters boten ihm reichlich Lernmaterial – vor allem über ökologische Zusammenhänge. Vor einigen Jahren erlegte er auf der Jagd versehentlich eine Eichhörnchenmutter und gab die Jagd daraufhin auf. »Wenn man ein Muttertier tötet, löscht man die ganze Familie aus. Deshalb ist es in unserer Kultur verboten, Muttertiere zu jagen, um den Bestand zu schützen«, erklärt Naro. Die Jagd unterliegt bei den Naga strengen Regeln. Wer sie verletzt, zieht demnach den Zorn der Geister des Berges und des Waldes auf sich. Gleichzeitig bewahren diese Regeln auf natürliche Weise die Artenvielfalt. Und diese ist bemerkenswert, denn Nagaland ist Teil des indo-burmesischen Biodiversitäts-Hotspots, der von der Weltnaturschutzunion IUCN als »eine der Weltregionen mit der größten biologischen Bedeutung« eingestuft wurde.

Die Naga leben nach eigener mündlicher Überlieferung seit »Urbeginn der Zeit« in den Bergen. Nicht nur die Jagd, auch die traditionelle Form der Landwirtschaft befindet sich im Einklang mit der Natur. Im deutlichen Unterschied zu den Monokulturen, die in den Ebenen der landwirtschaftlichen Gebiete Indiens mittlerweile vorherrschen, pflanzen die Nagas bis zu sechzig verschiedene Pflanzen auf ihren Feldern an. Die »Jhum« genannte Form des Wanderfeldbaus ist sehr nachhaltig. Ihr Rhythmus ist tief verwurzelt in den Traditionen der Naga.

Alo Naros Mutter Khwepeloü singt während der Feldarbeit gemeinsam mit den anderen Frauen des Dorfes die Lieder, die zum jeweiligen Wachstumszyklus der Pflanzen passen. So haben Mais und Bohne, Hirse, Reis und Wurzelgemüse ihre jeweils eigenen Lieder. In deren Rhythmus säen sie die Saat in Mustern über die Höhen der Bergkuppen bis hinab in die Täler. Naga-Mythen werden in langen, verschachtelten Geschichten erzählt und in Liedern voller Wunder, die dem Frosch oder der Garnele gewidmet sind, der Schnecke und dem Fisch. »Die weise Garnele wurde einmal gerufen, um den schwelenden Konflikt zwischen Hirse und Reis zu schlichten. Nun wächst der Reis auf der einen, und die Hirse auf der anderen Seite des Tals und es herrscht Frieden«, erklärt der Jhum-Bauer Kezungulou Wezah die Aufteilung seiner Pflanzensaat. 

Die Vielfalt der Berglandwirtschaft findet sich auch auf den traditionellen Gewändern wieder. Naga-Frauen weben auf kleinen, an den Rücken geschnallten Webstühlen die charakteristischen Wickeltücher. Dabei folgen sie ebenjenen Mustern, die sie auf den Feldern mit der Saat ausgesät haben. Somit tragen sie ihre Identität, die Muster ihrer heimatlichen Hügel, am Körper. 

In der indischen Verfassung werden die Naga als eine der »scheduled tribes and castes« (der registrierten Stammesbevölkerungen und Kasten) anerkannt. Dieser Status weist sie als historisch benachteiligte Gruppe aus, die mehr politische Aufmerksamkeit verdient. Doch in der indischen Verfassung werden diese sogenannten registrierten Stammesbevölkerungen auch als Gemeinschaften definiert, die »primitive Wesenszüge, eine charakteristische Kultur, geografische Isolierung, Scheu vor dem Kontakt mit der übrigen indischen Gesellschaft und Rückständigkeit« in sich vereinen. Viele Naga empfinden diese Beschreibung als diskriminierend. Auch die Art und Weise, wie Nagaland touristisch vermarktet wird, basiert allzu oft auf einem Bild der Naga als rückständige Bergbewohner: In Zeiten des Individualtourismus, bei dem es zum guten Ton gehört, immer entlegenere Ziele zu finden, wird die Kultur der Naga als exotisch dargestellt und ihre Dörfer werden wie belebte Museen vermarktet.

Während die Naga wissen, dass ihre Kultur viel reicher ist, als diese Zuschreibungen vermuten lassen, scheint die  indische Schulbehörde anderer Auffassung zu sein. Der staatlich festgelegte Lehrplan beinhaltet nur wenig über die Geschichte und Traditionen der Naga, über die fortschrittliche Ökologie oder die Bedeutung der Berge. Viele junge Naga bekommen so den Eindruck vermittelt, dass das Land ihrer Heimat ihnen kein Leben in Würde ermöglicht. Immer mehr kehren den Bergen den Rücken zu und hoffen auf bessere wirtschaftliche Chancen in den Städten des Flachlands.

Aber Beispiele wie das von Alo Naro wecken Hoffnung: Nachdem er die Jagd aufgab, setzt er heute das Wissen, das ihm sein Großvater vermittelt hat, auf andere Weise ein. Als Naturschützer klassifiziert er Schmetterlingsarten in Nagaland, die noch nie zuvor dokumentiert wurden. Und er hat begonnen, unter der Leitung der gemeinnützigen Naturschutzorganisation North East Network sein Wissen über die Ökologie der Berge und Hügel mit den Schülern seines Dorfes zu teilen. Jeden Samstag kommt sein Naturclub zusammen. Die Jugendlichen lernen, die sie umgebende Flora und Fauna zu fotografieren und zu filmen und werden für verschiedene Methoden des Naturschutzes sensibilisiert. In mehreren Nachbardörfern gibt es mittlerweile ähnliche Clubs. Vielleicht trägt dieses neu gewonnene Wissen dazu bei, dass junge Naga wieder stolz sein können auf ihre Heimat und deren Ökosystem.

Aus dem Englischen von Caroline Härdter

 

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